Trendsport Angeln
„Da hat einer angebissen!“: Karpfenangeln am Binsfeld in Speyer [mit Bildergalerie]
Die Sonne steht hoch über dem Binsfeld in Speyer – ein Blick aufs Handy-Display verrät: Die 30-Grad-Marke ist geknackt. Auf dem Gelände des Angelsport- und Fischzuchtvereins laufen die ersten Vorbereitungen für das bevorstehende Fischerfest, irgendwo klappert Metall, Stimmen rufen durcheinander. Am Ufer kniet ein junger Mann in Cargohose und braunem T-Shirt neben einem Beiboot und stapelt die letzten Utensilien für seinen Trip: Ruten, Taschen, Eimer, Proviant. Ben Hofmann ist seit sechs Jahren Mitglied im Speyerer Angelverein und fährt regelmäßig übers Wochenende raus an die Seen zum Angeln.
„Mit zehn hat das mit dem Angeln bei mir angefangen“, erzählt der Mutterstadter. Damals war es der Vater eines Freundes, der ihn auf die ersten Ausflüge mitgenommen hat. Der erste große Fang gelang Hofmann auf einem Trip nach Frankreich: Ein Karpfen hing damals am Haken. „Da war diese Aufregung, was da angebissen hat – danach gab es für mich kein Zurück mehr“, erinnert er sich. Das Angeln auf Karpfen hat ihn seitdem nicht mehr losgelassen. Auch an diesem Wochenende geht es auf die Suche nach der Fischart. Hofmann ist skeptisch, ob heute überhaupt einer beißen wird: Um diese Jahreszeit beginne die Laichzeit, sagt er, da fressen viele Fische wenig bis gar nicht. Doch es soll anders kommen.
Skepsis über Erfolgschancen
Nachdem Hofmann sein Angelequipment im Wert von etwa 6000 Euro verstaut hat, legt er im Ruderboot ab – das Boot mit der Ausrüstung per Schnur im Schlepptau. Es geht vorbei an Badegästen, quer über den Kuhuntersee, durch den engen Durchbruch bis ans nordwestliche Ufer des Binsfeldsees: Die Strecke zieht sich in der Mittagshitze. Dem 22-Jährigen perlen nach wenigen Minuten die ersten Schweißperlen auf die Stirn.
Auf Höhe des Durchbruchs zum Binsfeldsee sitzen drei Angler am Ufer, die Beine im Schatten, die Ruten aufgestellt. „Und, beißt heute was an?“, ruft Hofmann vom Wasser aus. Man kennt sich. Bei den anderen hat es bisher noch nicht geklappt. Hofmann’s Skepsis steigt.
Was gute Vereinsführung bedeutet
„Das Miteinander ist es, was diesen Verein ausmacht – das ist nicht überall so“, sagt er. Eine gute Vereinsführung sei entscheidend. „In anderen Vereinen gibt es manchmal sogar Schlägereien, wenn es um die besten Plätze am Wasser geht“, berichtet der Mutterstadter. Darum gilt am Binsfeld eine klare Regel: An den Gewässern des Vereins dürfen nur Mitglieder angeln. Gastangeln geht nur, wenn ein aktives Mitglied dabei ist.
Rund 15 Minuten intensives Rudern später legt Hofmann am angepeilten Ufer für das Wochenende an. Dort hat er sich mit einem anderen Vereinsmitglied verabredet: Sebastian Genetsch. Die beiden kennen sich über den Verein, haben aber zuvor noch nie zusammen geangelt.
„Komm rüber, komm rüber“
Was die beiden verbindet, ist neben dem Verein vor allem die Einstellung zum Angeln. Es gehe ums Abschalten, die Natur – Rauskommen aus dem Alltagstrott. „Morgens am Wasser aufwachen, einen Kaffee machen und schauen, wie sich der Sonnenaufgang auf dem stillen Wasser spiegelt“, beschreibt Genetsch seine Passion. Hofmann nickt: „Ich habe den ganzen Tag Leute um mich rum, die was von mir wollen – beim Angeln komme ich mal runter.“
Während die beiden über mögliche Stellen im Wasser fachsimpeln, wo sie füttern und ihre Ruten platzieren können, nähern sich zwei neugierige Wildgänse. Sie inspizieren kurz die zwei Anglerboote am Ufer, merken aber schnell, dass dort nichts zu holen ist und ziehen weiter. „Komm rüber, komm rüber“, ruft Hofmann plötzlich Genetsch zu. Am anderen Ende des Sees hat er eine Gruppe Karpfen entdeckt, die immer wieder die Wasseroberfläche durchbricht. Genetsch hat den Fleck Wasser bereits als vielversprechend ausgemacht und genau dort schon seine erste Rute platziert – und die soll später noch eine wichtige Rolle spielen.
Bauchgefühl und Erfahrung
„Da spielt viel Bauchgefühl und Erfahrung mit“, erklärt Genetsch seine Wahl. Die Vorbereitung sei ein großer Teil des Karpfenfischens. Besonders Bereiche mit viel Geäst vom Ufer im Wasser und mit Schatten gelten als vielversprechend. Und genau so eine Stelle hat Hofmann nun ausgemacht.
Draußen auf dem Wasser misst Hofmann per Echolot am Boot die Tiefe und Temperatur unter sich. Mit einem Bleistück, das an einem Faden hängt, prüft er die Beschaffenheit in fünf Meter Tiefe. Die Stelle ist gut. Der 22-Jährige legt seine Rute mit Futter – sogenannten Tigernüssen – am Haken dort aus. Auf halber Strecke zurück beschwert er die Schnur mit einem Gewicht, damit sie am Grund liegt und keine Badegäste stört. Am Ufer landet die Rute schließlich in einer Halterung mit Funkbissanzeiger, der einen lauten Ton abgibt, sobald etwas am Haken zupft.
Mit einer 60-Euro-Rute hat es bei Hofmann angefangen, mittlerweile kostet allein das Angelgerät in seiner Hand über 500 Euro – von der modernen Angeltechnik drumherum ganz zu schweigen. „Natürlich macht es die Ausrüstung einfacher, mit einer Rute für 60 Euro kann man aber genau so Fische fangen“, sagt er.
Was machen, wenn ein Fisch anbeißt?
Etwa zwei Stunden nach der Ankunft ist es soweit: Einer der Bissanzeiger beginnt zu piepen. Für einen kurzen Moment schauen sich die beiden an. „Da hat einer angebissen!“, ruft Hofmann. Es ist die Rute, die Genetsch platziert hatte, bevor Hofmann ankam. Dann geht alles schnell. Hofmann rennt zum Boot, greift nach den Rudern, macht es startklar. Genetsch nimmt die Rute aus der Halterung und zieht den Fisch in Richtung Seemitte. Das Boot wackelt, als beide einsteigen. Dafür, dass sie noch nie zusammen geangelt haben, sitzt jeder Handgriff, jeder Schritt wie abgesprochen.
Hofmann rudert Richtung Fisch, während Genetsch „drillt“ – also den gehakten Fisch so lange ermüdet, bis er sicher mit dem Kescher entnommen werden kann. Das Spiel mit Schnur und Rute erfordert Fingerspitzengefühl: zu viel Druck, und die Schnur kann reißen, zu wenig, und der Fisch schüttelt den Haken ab. „Das ist ein Großer, das spüre ich“, sagt Genetsch. Etwa zehn Minuten sind vergangen, seit die Angler das Ufer verlassen haben. Dann zeigt er sich zum ersten Mal: ein gelblicher Karpfen, knapp unter der Wasseroberfläche, schwer und langsam, ein Schatten im grünen Licht. Noch ein paar kurze, kontrollierte Bewegungen, dann hebt Hofmann den Fisch vorsichtig mit dem Kescher aus dem Wasser. Mit dem Fang geht es ans Ufer zurück.
Selbstzweifel als Angler
Zurück am Ufer atmen die beiden Angler schwer, der Karpfen hat ihnen einiges an Kraft abverlangt. „Jetzt kann das Wochenende ja nur gut werden“, freut sich Hofmann. Der Fang sei aber längst keine Selbstverständlichkeit. Es gebe auch Tage, Wochenenden, mitunter ganze Wochen, in denen einfach nichts anbeißt, berichtet er. „Da kommen schon manchmal ein paar Selbstzweifel auf – aber in diesen Momenten muss man erst recht dranbleiben.“
Besonders junge Angler sollten sich nicht von Rekordfängen auf Social Media beeinflussen lassen, rät Hofmann: „Das entspricht oft einfach nicht der Realität.“ Und selbst wenn man mal eine längere Flaute hat – die Ruhe am Wasser, die Zeit mit Gleichgesinnten in der Natur, die könne man trotzdem genießen. „Am Ende ist es genau das“, sagt Hofmann. „Du weißt nie, ob heute noch was passiert – aber genau deshalb bleibst du dabei.“


