WM-Kolumne American Dream RHEINPFALZ Plus Artikel Kanadische Seele: Von Hundeverstehern, Parkplatzsündern und Prügel-Androhern

Dicke Freunde: Eishockey-Profi Andrew Joudrey und Hund Spock.
Dicke Freunde: Eishockey-Profi Andrew Joudrey und Hund Spock.

Nicht immer war unser Verhältnis zu den USA so angespannt und belastet wie in diesen Tagen. Nordamerika hat uns geprägt, viele Jahre lang. Unsere Autoren erinnern sich und berichten im „American Dream“ über persönliche Erlebnisse und Begebenheiten mit den drei WM-Gastgebern.

In 27 Reporterjahren mit einem deutschen Profi-Eishockeyteam kommen natürlich viele Begegnungen mit US-Amerikanern, vor allem aber mit Kanadiern zustande. Witzige, ernste, oberflächliche, unterhaltsame – in den unzähligen Gesprächen mit diesen Spielern war wirklich alles dabei. Manche kamen und gingen, andere blieben länger bei den Adlern Mannheim, und einige prägten den Klub sogar – und ihre Geschichten auch mich.

Gefühlt hatten alle kanadischen Eishockey-Spieler Hunde und Kinder (in der Reihenfolge) – und natürlich eine Frau. Aber über den Hund den Zugang zu einem bis dato fremden Menschen zu finden, klappt ja bekanntlich immer. Andrew Joudrey zum Beispiel freute sich immer, wenn ich zum Mannschaftstraining meinen Hund Spock mitgenommen hatte. Ich war für den Stürmer irgendwie auch okay, wir hatten einen guten Draht zueinander, aber mit Spock unterhielt er sich noch viel lieber als mit dem Reporter.

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Kopfschütteln am Einkaufswagen

Joudrey war übrigens derjenige, den ich kurz nach seiner Ankunft in Deutschland gefragt hatte, was für ihn das merkwürdigste in diesem Land sei. Er kam aus dem Kopfschütteln fast nicht mehr heraus, als er sich darüber wunderte, dass man hierzulande einen Einkaufswagen erst mit einer Euro-Münze aus der Halterung lösen muss. Daran wäre sein erster Großeinkauf beinahe gescheitert.

Ernster, aber umso beeindruckender fielen manche Gespräche mit Glen Metropolit aus. Er war in Toronto in prekären Verhältnissen aufgewachsen. In einem Stadtteil namens Regent Park – klingt nobel, ist aber geprägt von Kriminalität, Drogen, Prostitution. Über den Sport und die Kirche fand Glen in ein „normales“ Leben, anders als sein Halbbruder. Der hatte einen prominenten Anwalt und dessen Frau entführt, wurde dafür zu einer langjährigen Haftstrafe verurteilt. Im Gefängnis tötete er einen Mithäftling. Glen sprach sehr offen über diese, auch seine Geschichte – und er engagierte sich in einer Initiative, sein altes Viertel sicherer zu mache, um gerade Kinder und Jugendlichen vor Irrwegen zu bewahren.

Einfach etwas lebensuntüchtig

Es gab unter den kanadischen Adler-Spielern also durchaus solche, die über den Tellerrand des Sports hinaus dachten. Einen allerdings, den hielten wir Reporter lange Zeit für – sagen wir mal so – etwas unterbelichtet. Ein Torjäger, ein richtig guter, aber abseits des Eises kursierten Geschichten, die uns dann doch zweifeln ließen. Etwa diese: Der Single bewohnte mit einem anderen Spieler ein kleines Reihenhaus. Wie der Teamkollege es denn schaffe, das Haus per Staubsauger so toll sauber zu halten, wollte er einmal wissen – schließlich sei das Kabel ja nur ein paar Meter lang. Der kurz verdutzte Mitbewohner klärte ihn dann auf, dass in jedem Zimmer mindestens eine Steckdose ist ...

Andere Story: Besagter Spieler fuhr das ihm von den Adlern zur Verfügung gestellte Auto so lange, bis der Tank leer war. Er ließ den Wagen mitten in der Großstadt Mannheim stehen, ließ sich von einem Taxi nach Hause fahren und rief dann bei den Adlern an. Okay, sagten die, kein Problem, wo steht das Auto denn? Keine Ahnung, ich hab’s einfach abgestellt. Ob das Gefährt nach all den Jahren noch irgendwo in den Quadraten oder der Augusta-Anlage vor sich hin gammelt? Wahrscheinlich konnte die Taxizentrale helfen. Aber jetzt kommt erst die Auflösung: Nach seiner Eishockey-Karriere schulte der Profi um, arbeitet inzwischen als sehr gefragter Mentaltrainer. Also ganz gewiss das Gegenteil von schlicht oder unterbelichtet. Nur vielleicht – zumal allein in der Fremde – einfach etwas lebensuntüchtig, damals jedenfalls.

Den Meistertrainer aus dem Schlaf gerissen

Die Begegnungen waren so gut wie immer locker, typisch kanadisch eben. Nur einmal drohte mir ein erboster Spieler beinahe Prügel an, weil er sich über einen Artikel geärgert hatte. Es ging gut aus – jedenfalls für mich: ein Missverständnis, er hatte zwei Zeitungen miteinander verwechselt.

Ausgeschlafene Kerle waren fast alle. Nur Erfolgstrainer Lance Nethery, den erwischte ich mal auf dem falschen Fuß. Ein Samstagmorgen 1997, am Abend zuvor hatten die Adler den ersten deutschen Meistertitel perfekt gemacht. Wie denn die Nacht und die Feiern so waren, wollte ich für die Sonntagszeitung von Lance wissen und rief mal an, es war etwa halb zehn. Er antwortete erst nach Sekunden, mit belegter Stimme und offenkundig aus dem kurzen Schlaf gerissen: „Olli, bist du verrückt?“

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