WM-Kolumne American Dream RHEINPFALZ Plus Artikel Pearl Jam, Grunge und Gänsehaut: Eine Nacht für die Ewigkeit in Seattle

Konzerte wie ein Gottesdienst: Eddie Vedder und Schlagzeuger Matt Cameron von Pearl Jam.
Konzerte wie ein Gottesdienst: Eddie Vedder und Schlagzeuger Matt Cameron von Pearl Jam.

Nicht immer war unser Verhältnis zu den USA so angespannt und belastet wie in diesen Tagen. Nordamerika hat uns geprägt, viele Jahre lang. Unsere Autoren erinnern sich und berichten im „American Dream“ über persönliche Erlebnisse und Begebenheiten mit den drei WM-Gastgebern.

Es gibt in den USA diese Orte, die das Marketing-Department für Sehnsucht perfekt durchorchestriert hat. New York für den Puls, Los Angeles für den Traum vom ewigen Glamour. Und dann gibt es meine persönliche Herzensstadt. Eine oft verregnete Pazifik-Metropole im Nordwesten, die sich anfühlt wie ein verlassenes Filmset von David Lynch, nur mit besserem Kaffee. Seattle.

Meine Liebesgeschichte mit dieser Stadt beginnt Anfang der 90er Jahre. Ich war damals kein cooler Weltbürger, sondern ein leicht störrischer Oberstufen-Heranwachsender an einem stinknormalen westfälischen Gymnasium. Draußen regnete es schräg gegen die Doppelverglasung, drinnen schlug die Grungewelle ein wie ein Komet. Pearl Jam, Nirvana, Soundgarden, Alice in Chains. Als ich zum ersten Mal das Video zu „Even Flow“ von Pearl Jam auf MTV sah – Eddie Vedder mit dieser Mähne und einer Stimme wie flüssiges Magma –, war es um mich geschehen. Während meine Mitschüler noch über die richtige Mofamarke diskutierten, zog es mich fast magnetisch dorthin, wo dieser lebensverändernde Sound herstammte.

Im November 2000 war es endlich so weit. Der Pilger war in Mekka angekommen. Ich stand da zwischen dem Space Needle, dem Crocodile Café und dem Pike Place Market – mythische Orte für mein 23-jähriges Ich. Und das Filetstück dieses Trips: zweimal Pearl Jam in der Key Arena, das große Finale ihrer Welttournee. Ich war zusammen mit einem Kumpel da, und das Drehbuch wirkte, als hätte es ein völlig berauschter Hollywood-Autor exklusiv für mein Seelenheil geschrieben.

Anthony Kiedis, Sänger der Red Hot Chili Peppers.
Anthony Kiedis, Sänger der Red Hot Chili Peppers.

Als Vorband stolzierten mal eben die Red Hot Chili Peppers auf die Bühne. Die hatten gerade ihr generationenprägendes „Californication“-Album im Gepäck und hätten die riesige Hütte auch im Schlaf dreimal ausverkaufen können. Und als wäre das nicht schon Reizüberflutung auf Endgegner-Niveau, saßen eine Reihe vor mir Krist Novoselic und Dave Grohl. Die verbliebenen Trümmerstücke von Nirvana, sechs Jahre nach dem tragischen Abgang von Kurt Cobain. In diesem Moment dachte ich: Okay, wer auch immer da oben die Fäden zieht – danke für diesen Logenplatz der Popgeschichte.

Emotional: Pearl-Jam-Frontmann Eddie Vedder.
Emotional: Pearl-Jam-Frontmann Eddie Vedder.

Wer Pearl Jam jemals live erlebt hat, weiß, dass diese Band keine Konzerte spielt, sondern Gottesdienste abhält. Die beiden Nächte waren schlicht legendär. Der emotionale Nukleus ereignete sich ganz am Ende des zweiten Abends. Die Band spielte „Alive“. Ihren größten Hit, den sie nach dem furchtbaren Drama auf dem Roskilde-Festival im Sommer jenes Jahres, bei dem neun Menschen gestorben waren, aus Pietät monatelang von der Setlist gestrichen hatten.

Als die Riffs durch die Arena peitschten, war das kein normales Konzert mehr. Das war kollektive Katharsis. Ein Moment, so intensiv, dass er dir die Tränen in die Augen treibt und gleichzeitig die Gänsehaut auf den Armen zementiert.

Seit dieser Nacht ist die Sache erledigt. Seattle mag nass sein, teuer und voller Tech-Bros. Aber für mich bleibt es die ewige amerikanische Hauptstadt meines Herzens.

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