WM-Kolumne American Dream
Der Sehnsuchtsort im Wilden Westen Kanadas
Nicht immer war unser Verhältnis zu den USA so angespannt und belastet wie in diesen Tagen. Nordamerika hat uns geprägt, viele Jahre lang. Unsere Autoren erinnern sich und berichten im „American Dream“ über persönliche Erlebnisse und Begebenheiten mit den drei WM-Gastgebern.
Kein Auge kriege ich zu. Die Flasche auf dem Holzboden neben meinem Bett wackelt. Dabei hätte ich eine Portion Schlaf ziemlich nötig. Logisch, nach zehn Stunden Flug und neun Stunden Zeitunterschied. Aber die Klänge von Vengaboys, Britney Spears und Ricky Martin aus der Bar unter dem kleinen Hostelzimmer sind zu laut. Erst gegen Mitternacht wird es ruhig, aber spätestens um 4 Uhr klingelt der innere Wecker – Jetlag.
Zum ersten Mal bin ich in Vancouver, zusammen mit einem Kumpel die Verwandtschaft im Umland besuchen. Zum ersten Mal raus aus Europa, direkt nach dem Abitur, das nötige Budget zuvor als Aushilfe im Baumarkt zusammengearbeitet. Auch mit einer ordentlichen Portion Schlafmangel ist die Stadt im äußersten Südwesten Kanadas der Hammer. Alles ist grün, es gibt viel Wasser rund um die Innenstadt. Und hinter den verglasten Hochhäusern ragen die Ausläufer der Rocky Mountains hervor.
Zu Fuß geht es durch die Straßenzüge, ins asiatische Viertel, nach Chinatown. Es geht an die Dampfuhr, die Steamclock, die dampfend und zischend die Zeit angibt. Es geht in den Stanley Park, eine große Parkanlage im Norden von Downtown. Und es geht am BC Place vorbei, dem Stadion der Vancouver Whitecaps, mitten in der Stadt. An Spieltagen treffen sich an der zentralen Seymour Street die Ultras – oder das, was man in Nordamerika darunter versteht. „We believe that we will win – Wir glauben, dass wir gewinnen werden“, wird dann gut und gerne gerufen. Naja...
Vancouver ist nicht nur sehr schön, sondern auch das Tor in den Bundesstaat British Columbia, dem Wilden Westen Kanadas. Also wirklich. Der Landstrich nördlich von Vancouver war Schauplatz eines Goldrauschs im 19. Jahrhundert. Davon zeugen diverse Geisterstädte, die Besucher direkt in diverse Westernfilme katapultieren. Im Örtchen Barkerville gibt es zahlreiche Schauspieler, die unterschiedliche zeitgenössische Szenen nachspielen.
Auch die Landschaft erinnert mitunter an Western. Es gibt Prärie – und sogar wüstenähnliche Landstriche. Gut zehn Autostunden nördlich von Vancouver stehe ich auf einmal auf einer Sanddüne. Fünf Stunden östlich, im Okanagan Tal, gibt es Orangen und Weinreben. Das habe ich in Kanada nicht erwartet. Aber es gibt auch viel Wald – sehr viel Wald. Dort gibt es Bären. Aber die vielen Schwarzbären rennen eher weg, als anzugreifen. Kommt ein Tourist doch mal auf die Idee, für ein Selfie etwas Nähe zu suchen, kann es auch gefährlich werden.
Und genau der Wald brennt immer wieder mal. „Einmal im Jahr“, sagt meine Tante, die dort lebt. Das ist normal, gehört zur Natur. Aber die Brände werden immer stärker. Aufgrund klimatischer Veränderungen werden Trockenzeiten länger und Sommer heißer. Und ein Freund muss immer häufiger mit dem Feuerwehr-Helikopter in die weitläufigen Wälder British Columbias fliegen. 2017, kurz nach unserem Besuch, fräst sich eine Feuerwalze knapp am Haus der Verwandtschaft vorbei. Die weilt zu jenem Zeitpunkt in Deutschland. Die Anfänge jenes Brandsommers sehe ich Anfang Juni vom Fenster eines Überlandbusses aus. Auf einem Hügelkamm lodern schon ein paar Flammen.
Seit diesem ersten Trip in den Wilden Westen Kanadas hat mich dieser – und seine Metropole Vancouver – nicht mehr losgelassen. 2023 geht es noch mal dorthin. Mitten rein in den Vancouver Marathon im Stanley Park, wie ein plötzlich nicht mehr ganz so freundlicher Polizist ruft, wenn man versehentlich beim Fotomachen auf die Strecke läuft. Tja, Touristen. Und es geht nach Vancouver Island, eine riesige Insel voller Primärwald, die Vancouver vom offenen Pazifik trennt. Dort geht es ins Surferparadies Tofino. Manchmal erinnert der Wilde Westen Kanadas auch an Kalifornien...


