Saach blooss – die Dialektserie RHEINPFALZ Plus Artikel Wenn Pfälzer schimpfen wie die Rohrspatzen

„Der schelt wie en Rohrspatz“ – so lautet die wohl bekannteste Redensart rund ums Schimpfen.
»Der schelt wie en Rohrspatz« – so lautet die wohl bekannteste Redensart rund ums Schimpfen.

Wenn es darum geht, ihr Missfallen kundzutun, sind die Pfälzer Vollprofis. Und sie schelten auch noch in verschiedenen Dialektvarianten: von „schelte“ über „schelle“ bis „schenne“. Ein Reise ins Land des Tadels.

Die Pfälzer mögen gemeinhin als freundliches Völkchen gelten. Doch dieser Eindruck könnte auch täuschen. Denn wenn es darum geht, Missbilligung auszudrücken, sind die Menschen in der Pfalz tatsächlich wahre Meisterinnen und Meister.

Sie gehen dabei zum einen sehr indirekt vor. Da wird nicht klipp und klar und auch nicht unbedingt lautstark kritisiert. Pfälzer nuscheln ihren Ärger in diesen Fällen lieber hartnäckig in den eigenen Bart, auch wenn sie gar keinen haben. Sie „gnewwern, „bebbern“, „mosern“, „knoddern“ oder „knorren“. Der Unmut wird also unterschwellig geäußert, was trotzdem ziemlich nervt, wie jeder weiß, der das schon erlebt hat. Diesem sprachlich wie psychologisch hochinteressanten Phänomen, dem wir übergreifend den Namen „Gebebber“ geben wollen, hat „Saach blooß“ bereits einige Folgen gewidmet. Daher können wir uns heute der zweiten, eher klassischen Form der Motzerei zuwenden; dem ganz offenen und direkten „Schelten“. Denn das können die Pfälzerinnen und Pfälzer natürlich auch. Und wir reden jetzt gar nicht von den vielen Arten der Beschimpfung mit Sprüchen von „Mensch, babbel doch känn Kees!“ über „Du bischt jo net ganz klor im Kopp!“ bis „Gewiddel emol, jetzt langt’s awwer!“, die „die Karin un die Elke vun de Haßlocher Sparkass“ zusammengestellt haben. Nein. Wir reden vom schlichten Pfälzer Wort „schelte“.

„Gell Oma, du schellsch net aa noch!“

Das pfälzische Wort ist seiner hochdeutschen Entsprechung so ähnlich, dass da auf den ersten Blick gar keine Geschichte verborgen zu sein scheint. Awwer Owwacht! Interessant wird’s, weil die Pfälzer völlig unterschiedlich schimpfen, je nachdem, wo in der Pfalz sie leben beziehungsweise von wo sie herstammen. Manche „schelten“ (vor allem in der Süd- und in der Vorderpfalz sowie im Osten des Pfälzerwalds), manche „schellen“ (vorwiegend in der Westpfalz), manche „schennen“ (in der Nordpfalz aber auch im Norden um Ludwigshafen), und ein paar Wenige tief im Süden zwischen Pirmasens und Bad Bergzabern, die „schalten“ sogar.

Christa Welker aus Bissersheim berichtet: „Wir hier sagen (saen) ,schelte’, meine Cousine drei Kilometer östlich sagt (secht) ,schenne’.“ Uta Fasco aus Waldfischbach-Burgalben erzählt: „,Gell Oma, du schellsch mich jetzt net aa noch’, habe ich mich als kleines Mädchen nach Schimpfe von meiner Mutter manchmal hilfesuchend an meine Großmutter gewandt. – ,Naa(n) Kind, ich schänn dich net aach noch’“, habe die Oma geantwortet. Sie stammte aus dem heutigen Landkreis Alzey-Worms, der an die Nordpfalz grenzt. Das Pfälzisch der Oma passt zur Version, die Claus Becker aus dem ebenfalls rheinhessischen Mauchenheim eingeschickt hat: „hinnerm Buckel schenne“ – gemeint ist: hinter dem Rücken anderer schlecht über diese reden.

„Jetzt schell doch net so!“

Dieter Kasper aus Lauterecken berichtet derweil: „,Jetzt schell doch net so’, sagt man bei uns zu jemandem, der sich aufregt, weil etwas nicht geklappt hat.“ Und Hedwig Elisabeth Braun aus Bellheim liefert schließlich noch die südpfälzische Variante. Sie durfte nämlich, „wenn wir ein Schwein geschlachtet hatten“, die Wurstsuppe zu den Nachbarn bringen. Nicht immer tat sie das mit vollem Erfolg. Die Leserin erinnert sich an ihren eigenen Ausruf: „Oh Mamme! Muscht du schon widder wie en Rohrspatz mit mir schelte, nur weil ich ebbes vun de Wurschtsupp verläbbert hab?“

Nicht in allen Fällen lassen sich die Regionen und die Verwendung von „schelte“, „schelle“ oder „schenne“ so klar zuordnen wie anfangs geschildert. Das hat damit zu tun, dass heute viele Menschen nicht mehr dort leben, wo sie geboren wurden, und die Versionen sich daher pfalzweit vermischen. „Als Grenzgänger zwischen Westpfalz und Saarland schwanke ich zwischen ,schellen’ und ,schennen’. Es kommt wohl darauf an, mit welchen Landsleuten ich dies muss“, schreibt zum Beispiel Reinhard Hartmann aus Kaiserslautern. Aber: Als grobe Einteilung hat „schelle im Westen“, „schelte im Osten“ und „schenne im Norden“ weiterhin Gültigkeit.

„De Rappel kriet – in äner Tour gescholl“

Besonders deutlich zeigt sich der Unterschied der Versionen übrigens in der Vergangenheitsform. Horst Wittig aus Sembach schildert zwei Erinnerungen: „Als Kind hat moi Mutter, wenn ich was ogestellt han, mit mir g’scholl – wenn es dumm geloff war, bis ich geflennt han.“ Und: „Wenn die Tante de Rappel kriet hat, dann hat se an äner Tour gescholl.“ Halten wir es mal ganz emotionlos fest: Der Vokal „e“ wechselt hier in der Vergangenheitsform zum „o“ – ganz ähnlich wie beim vorderpfälzischen (und Hochdeutschen) „schelten“: „Ich bin g’scholte worre, ich armer Kerl.“ Beim nordpfälzischen „schenne“ dagegen verhält es sich völlig anders, und der Vokal bleibt, wie Thomas Zechs Beispiel belegt: „Bin ich mol widda zu schbeed häm kumme, hott moi Mudder geschennt wie en Rohrschbatz.“ Das heißt: „Schelte“ und „schelle“ sind sogenannte starke Verben, die bei der Beugung den Vokal wechseln (Hochdeutsch: schelten, schalt, gescholten, wobei im Pfälzischen die zweite Form entfällt). „Schenne“ dagegen ist ein schwaches Verb ganz ohne Vokalwechsel („schenne“, „geschennt“).

Wie ein Rohrspatz

Cool, nicht wahr? Noch cooler ist, dass wir nun noch mal bei der bekanntesten Redensart rund ums „Schelten“ angelangt sind: „Der schellt wie e Rohrspatz!“ – „Das bedeutet, jemand schimpft anhaltend und laut“, erklärt Annemarie Peschke aus Zweibrücken. Und wir halten fest: Als „Rohrspatz“ wird gemeinhin die Rohrammer bezeichnet. Doch für das Sprichwort ist wohl eher der Drosselrohrsänger verantwortlich, wie die Landesanstalt für Umwelt in Baden-Württemberg auf ihrer Internetseite berichtet: „Der stotternd-kratzende Gesang, den das Rohrammermännchen von einem exponierten Schilfhalm aus vorträgt, ist eine eher bescheidene Leistung“, lautet das strenge Urteil aus Karlsruhe.

Die Frage für die nächste Folge

Bei so viel Sachkunde kann man wahrlich nicht motzen – sondern sollte lieber die Frage für die nächste Folge stellen. Die soll nahrhaft sein und befasst sich daher mit dem Wort „Stampes“ oder „Schdambes“: Wir fragen: Wer kennt das Wort – und wer kennt welche Varianten von „Stampes?“ Was zeichnet ein gutes „Stampes“ aus? Wie ist das Wort wohl entstanden? Schreiben Sie uns!

Mitmach-Infos & Adresse

Unter dem Motto „Saach blooß“ ergründen wir seit dem Jahr 2002 den Ursprung von originellen Sprüchen, Redensarten und Wörtern aus der Pfalz und die Geschichten dahinter. Wir tun das mithilfe unserer Leserinnen und Leser, ihres Sprachschatzes, ihrer Erfahrungen und Erinnerungen. Schreiben Sie unter dem Kennwort „Saach blooß“ an: RHEINPFALZ am SONNTAG, Amtsstraße 5-11, 67059 Ludwigshafen, Fax: 0621/5902-613, E-Mail: saachblooss@rheinpfalz.de

Unsere Folge vom Oktober 2022 zum Spruch „eigericht wie e krumm Bää“ finden Sie hier.

Das große Buch zur Serie mit allen Beiträgen aus 20 Jahren gibt’s im Buchhandel und hier im RHEINPFALZ-Shop.

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