Saach blooss – die Dialektserie RHEINPFALZ Plus Artikel „Eigericht wie e krumm Bää“ – Wo kommt der Pfälzer Spruch her?

Alles parat, immer bereit. Also: „eigericht wie e krumm Bää“.
Alles parat, immer bereit. Also: »eigericht wie e krumm Bää«.

Die Spurensuche gemeinsam mit den Leserinnen und Lesern der RHEINPFALZ am SONNTAG führt heute über schmerzhafte Erfahrungen zu einer erstaunlichen schicken Lösung.

Mit all den Beinen, die in Redensarten vorkommen, könnten selbst Fußfaule entspannt einen Marathon laufen. Von „Klotz am Bein“ über „sich ein Bein ausreißen“ (oder eben nicht), „jemandem ein Bein stellen“ bis zu „Hals- und Beinbruch“ und „mit einem Bein im Knast (oder gar im Grab) stehen“ ist das Gliedmaß allgegenwärtig. Das Bein, um das motorisch und anatomisch schonmal zu klären, dient Mensch und Tier zum Stehen und Fortbewegen und reicht vom Hüftgelenk bis zu den Zehen.

Obwohl das Bein beim Menschen der Natur nach zu zweit auftritt, handeln Redewendungen in der Regel nur von einem. Warum das so ist, lassen wir mal im Raum stehen und verweisen stattdessen auf die Ausnahme von der Regel: „Die Beine in die Hand nehmen“. Das wollen wir jetzt auch tun, damit die heutige Folge unserer Serie richtig in Gang kommt.

„So krumm, dass mer e Bierfässel dorchschmeiße kinnt“

„Eigericht’ wie e krumm Bää“ lautet die Redewendung, die „Saach blooß“ in der jüngsten Folge zur Debatte gestellt hat. Anders als alle eingangs genannten ist sie im Hochdeutschen nicht gebräuchlich, ist also eine echte Dialekt-Redewendung. „,Ingericht wie e krumm Bään’ ist man, wenn man auf alles vorbereitet ist“, schreibt Reinhard Hartmann aus Kaiserslautern und liefert damit zweierlei: eine klar westpfälzische Version und eine erste Erklärung, was sie zum Ausdruck bringen soll. Manfred Zaun aus Dirmstein spricht von „höchstem Lob für eine gelungene Ausstattung“, womit wir zusammenfassen können: „Eigericht wie e krumm Bää“ kann „gut vorbereitet“ und „gut ausgestattet“ bedeuten. Die Grundidee: Derart präpariert kann nichts mehr passieren, wo doch unverhofft bekanntlich oft kommt, schreibt Reinhard Hartmann, der einräumt: „Warum ein krummes Bein dafür herhalten muss, entzieht sich meiner Kenntnis.“ Eigentlich bieten Verformungen ja eher Anlass für Spott: „Sei Bää sinn so krumm, dass mer e Bierfässel dorchschmeiße kinnt, ohne dass es strääfe deet“, heißt’s im „Pfälzischen Wörterbuch“.

Nicht immer positiv

Bevor wir der Frage nachgehen, was es mit den krummen Beinen auf sich hat, müssen wir festhalten: Die positive Einschätzung der Redensart teilt nicht jeder und jede. Eleonore Winkler aus Speyer hat dazu eine Erfahrung parat, die weit in die Vergangenheit reicht. Die Leserin, 98 Jahre alt, erinnert sich bei „oigericht wie e krumm Bää“, wie sie auf Speyerisch sagt, an eine Geschichte, die sie von ihrer Großmutter kennt:

„Es war lange vor dem Ersten Weltkrieg. Mein Großvater, Schmiedemeister, war mit der Reparatur eines gewichtigen Baggereimers beschäftigt, als der plötzlich kippte und auf sein Bein schlug, sodass Schien- und Wadenbein gebrochen waren. Unter großen Schmerzen hat man ihn mit der Pferdekutsche nach Böbingen gefahren. Dort gab es einen Herrn Freitag, der zwischen Neustadt und Speyer, eventuell auch in weiterem Umkreis, bekannt dafür war, ausgekugelte Gelenke wieder einzurichten, und der auch gebrochene Knochen so richten konnte, dass sie einigermaßen gerade zusammenwachsen konnten. Herr Freitag hat meinem Großvater das Bein gerichtet, es mit Holzschienen fixiert, und dann ging es mit der Kutsche wieder nach Speyer. Alles ohne Schmerzmittel – und vor allem: Wie lange war der Verletzte unterwegs, bis das Bein zur Ruhe kam? Ende vom Lied: Die beiden Knochen sind krumm zusammengewachsen. Der Großvater hatte also ein eingerichtetes krummes Bein und hinkte durch sein weiteres Leben.“

Wenn die Mama schimpft

„Ich nehme an, das ist ein gutes Beispiel zu Ihrer Frage“, schreibt Eleonore Winkler. „Saach blooß“ kann da nur sagen: Auf jeden Fall! Nur eben widersprechen die Geschichte und ihr eher trauriges Ende den bisherigen Bewertungen der Redensart, nach denen nichts Schlechtes oder Böses passieren kann, wenn man „eigericht is wie e krumm Bää“. Was bedeutet: Der Spruch wird von verschiedenen Menschen ganz unterschiedlich verstanden. Linda Wendel, geboren in Kirchheimbolanden-Haide, schreibt – ganz auf der Linie von Eleonore Winkler: „Bei uns dehäm hot die Momme geschännt (also: gescholten): Desdo wa uneedisch wie e krumm Bää!“ In dieser Version der Redensart fehlt zwar das „eigericht“, aber die Verwandtschaft ist doch unverkennbar.

Im Pfälzischen heißt das Bein „Baa“ oder „Baan“ (oft im Norden), „Bään“ (vornehmlich im Westen) oder „Bää“ (eher im Süden). Ähnl
Im Pfälzischen heißt das Bein »Baa« oder »Baan« (oft im Norden), »Bään« (vornehmlich im Westen) oder »Bää« (eher im Süden). Ähnliches gibt’s auch bei anderen Körperteilen – zum Beispiel beim Auge, das je nach Ort im Pfälzischen zu »Aa«, Au», «Aach» oder «Aäch» werden kann. «

Schaut man sich die beiden bisherigen Lesarten von „eigericht wie e krumm Bää“ näher an, dann scheint die Idee, dass ein krummes Bein für eine unerfreuliche Erfahrung steht, schlüssiger zu sein als die Vorstellung, mit einem krummen Bein sei man für alle Situationen bestens aufgestellt. Was die Grundsatzfrage aufwirft, ob die Redensart überhaupt etwas mit verletzten oder verformten Gliedmaßen zu tun hat. Oder ob nicht der Ursprung ganz woanders zu suchen ist. Holger Weimer aus Kandel weist zwar zu Recht darauf hin, dass eine Behinderung heute nicht mehr dieselbe Stigmatisierung mit sich bringt wie in früheren Jahren. Doch bei der Frage nach dem Ursprung der Redewendung müssen wir solche erfreulichen modernen Entwicklungen außer Acht lassen. Holger Weimer liefert auch einen Hinweis auf die Richtung, die wir dafür einschlagen müssen. Er schreibt: „Die Formulierung ist mir bisher eher in Verbindung mit ,eigericht wie e altes Haus’ begegnet, sofern es sich dabei um ein einigermaßen gut eingerichtetes, aber schon etwas in die Jahre gekommenes und daher leicht renovierungsbedürftiges Haus mit Retro-Charakter handelt.“

„Schöner Wohnen“ für Neureiche

Und siehe da! Wenn wir das Wort „einrichten“ nicht mehr als orthopädische oder chirurgische Behandlung deuten, sondern im Sinne von „einen Raum ausstatten“, dann kommen wir auf eine mögliche Lösung. „Eigericht wie e krumm Bää“? Geschmackvoll eingerichtete Zimmer, Werkstätten oder Wohnungen kommen da Manfred Zaun in den Sinn. Und Gerald Wolf aus Waldfischbach-Burgalben durchschlägt den Knoten: Seiner Meinung nach hat sich die Redensart entwickelt aus „ingericht mit krumme Bää“. Er erklärt: „In der Pfalz hatten die Möbel ursprünglich ,Stebbel’ also gerade Beine.“ Im Barock und im Rokoko seien dann die Möbelstücke in Fürstenhäusern mit geschwungenen Beinen versehen worden, „typisch hierfür waren die vom Kunsttischler Chippendale geschaffenen Möbel“. Durch die „Ecole de Nancy“ sei dann die Serienfertigung von Möbeln mit geschwungenen Beinen möglich geworden. „Sie fanden ihren Weg von Lothringen in die Pfalz. (Neu-)Reichere konnten sich jetzt auch stärker verzierte Möbel leisten.“

Bald seien ebendiese Neureichen daran identifiziert und dafür verspottet worden, dass sie „mit krumme Bää“ eingerichtet waren. Halb Neid, halb Ironie also. Ihren Gipfel habe diese überladene Art im „Gelsenkirchener Barock“ erreicht, schließt der Leser.

Und nächstes Mal?

Von diesem Gipfel der Aufklärung pfälzischer Sprachrätsel wollen wir gleich die Frage für die nächste Folge in die Runde rufen. Wir wollen wissen, wie Sie schimpfen. Genauer: Wir würden gerne erfahren, wie Sie, liebe Leserinnen und Leser, das pfälzische Wort für „schelten“ benutzen. „Schelten“ Sie? „Schellen“ Sie? „Schennen“ Sie? Und: Welches andere Wort benutzen Sie noch für „schelten“? Wie heißen Ihre schönsten Beispielsätze? Schreiben Sie uns!

Mitmach-Infos

Unter dem Motto „Saach blooß“ ergründen wir den Ursprung von Redensarten und Wörtern aus der Pfalz, und zwar mithilfe unserer Leserinnen und Leser. Schreiben Sie unter dem Kennwort „Saach blooß“ an: RHEINPFALZ am SONNTAG, Amtsstraße 5-11, 67059 Ludwigshafen, Fax: 0621/5902-613, E-Mail: saachblooss@rheinpfalz.de

Kennen Sie den Räuber Kneisel? Die vorherige Folge unsere Serie finden Sie hier.

Und das große Buch zur Serie gibt’s hier.

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