Saach blooss – die Dialekt-Serie RHEINPFALZ Plus Artikel „Bäbäbäbäbä!“

Noochgebefft! – „Wer nit will, hot g’hatt“, nuschelt die Dame in den nicht vorhandenen Bart. Miese Stimmung offenbart die Pfälze
Noochgebefft! – »Wer nit will, hot g’hatt«, nuschelt die Dame in den nicht vorhandenen Bart. Miese Stimmung offenbart die Pfälzerin (oder der Pfälzer) häufig geräuscharm.

Die Pfälzer sind als Schreihälse verrufen. Doch das Vorurteil trügt. Das passiv-aggressive In-den-Bart-Murmeln beherrschen sie mindestens ebensogut wie das „Gekrisch“.

Die Pälzer Krischer. Das wohl am weitesten verbreitete Klischee rund um die Pfalz hat enorme Strahlkraft: Der Einheimische erklärt jedem die Welt und nutzt dafür sein schlagkräftiges Sprechorgan, das vom Unterbauch bis zum Resonanzraum Großhirnrinde reicht. Als Reaktion aufs eigene Getöne werden nur Beifall und Bewunderung geduldet, und die sind schließlich Ansporn zu noch vehementerer Lautsprecherei.

Ein wahrer Kern, aber ...

Das populäre Klischee oder Vorurteil mag einen wahren Kern haben – doch das ganze Wesen erfasst es auf keinen Fall. Denn sie können auch anders, die Pfälzer. Sie müssen nicht immer „plärre“, „kreische“ und sich als Schreihälse hervortun. Im Gegenteil. Vieles an der Pfälzer Kommunikation läuft hinter vorgehaltener Hand oder wird bockig in die Welt genuschelt. Wahre Künstler sind die Pfälzer nämlich im passiv-verbalen Widerstand: im „Gnewwre“, „Knoddre“, „Bruddle“, „Nengre“, „Mosre“ und „Bebbere“ – man beachte die Vielzahl der Wörter, die alle, grob übersetzt, für „Widerworte in den Bart murmeln“ stehen.

Bebberer, Knodderer, Gnewwrer, Bruddler

Nehmen wir nur einmal das Verb „beffe“, nach dem wir in der jüngsten Folge gefragt hatten. Es ist, so viel ist klar, eine Variation des bekannteren und weiter verbreiteten „bebbre“ und lässt einigen Raum für – leisere – Nuancen. Holger Weimer aus Kandel schreibt: „Wenn jemand glaubt, eine abweichende Meinung durch ,Bebbern’ kundtun zu müssen, so drückt er sein Missfallen meist nur murmelnd aus.“ In der Regel, so erklärt der Leser, sei sich ein „Bebberer“ („Knodderer“, „Gnewwrer“, „Bruddler“, „Moserer“) bewusst, dass sein Unmut kaum Gehör finden wird. Wer dagegen „befft“, der wähle eine aggressivere Form des Widerspruchs. Wohlgemerkt: eine angriffslustigere, nicht unbedingt eine lautere. „Brauchscht mer nit hinnenoochzubeff(r)e“, bekam zum Beispiel Ruth Metz aus Hatzenbühl zu hören, wenn sie ihrer Mutter mit „Unwilligkeitsäußerungen“ begegnet war.

Von „aabeffe“ bis „zurickbeffe“

Auch Monika Schuster aus Ludwigshafen sagt: „,Beffen’ ist im Tonfall aggressiver und braucht ein Gegenüber, das ich beim ,Bebbre’ nicht benötige.“ Ein Beleg für diese Einschätzung: Die Zusammensetzungen „noochbeffe“ (eingeschickt von Beate Brauch aus Bornheim), „hinnerherbeffe“, „aabeffe“ und „zurickbeffe“ bringen alle eine direkte oder indirekte Interaktion zum Ausdruck. Mit „bebb(e)re“ gibt es solche Zusammensetzungen nicht oder nur selten.

„Im Prinzip sind ,bebbre’ und ,beffe’ verwandt, äußern sie doch in verschiedenen Ausprägungen Unzufriedenheit“, schreibt Hermann Grundhöfer aus Harthausen. „Das Wort ,beff(er)e, wird benutzt, wenn sich jemand über etwas richtig geärgert hat. Dann ,befft’ man den (vermeintlich) Schuldigen an.“ Beim „Bebbere“ dagegen ärgere man sich vielleicht auch über sich selbst. Der Leser hat weitere Unterschiede erkannt: „Während das ,Beff(r)e’ oft eine kurzzeitige Äußerung ist, kann sich das ,Bebb(e)re’ über eine lange Zeit hinziehen.“

Ein Fall von Patriarchat

Für Peter Keller aus Landau ist klar: „,Nachbeffe’ ist der pfälzische Ausdruck für die kurze, forsche Widerrede oder den frech hingeworfenen Widerspruch. Früher, zur Zeit der autoritären Erziehung, sei das in der Familie vom Patriarchen oft nicht gewollt und erlaubt gewesen. „Her uff noochzubeffe!“, habe es dann geheißen.

Es bellt und kläfft

Im Beispiel von Alois Beck aus Hatzenbühl findet sich der Schlüssel zur Erklärung, wie das Wort „beffe“ entstande sein dürfte: „De klä Spitz huckt vorm Hoftor und beff(er)t an äm Stick – weche der Katz.“ „Beffe“, das schon im Althochdeutschen für „zanken“, „schelten“ und „widerbellen“ stand, ist wohl eine lautmalerische Kombination von „bellen“ und „kläffen“, wie auch Claus Becker aus Mauchenheim und Reinhard Hartmann aus Kaiserslautern vermuten. „Beffe“ ist also ebenso ein Wort, das einen Klang nachahmt, wie „bebbere“, in dem das „In-den-Bart-Motzen“ („Bäbäbäbäbä“) widerklingt. Mit dem lautmalerischen Aspekt – und mit der zugrundeliegenden miesen Grundstimmung – erklärt sich, warum beide Wörter als verwandt empfunden werden. Und wie nahe verwandt sie tatsächlich auch sind, zeigt sich an den Mischversionen „beffre“ und „belfre“, die die jeweiligen Bedeutungen vermischen – mit unterschiedlichem Schwerpunkt, mal auf dem Bellen, mal auf dem passiv-aggressiven Murmeln.

Wieviele Bebberer auf einen Krischer?

Wie laut die Pfälzer nun tatsächlich sind – oder wie viele Bebberer statistisch auf einen Krischer kommen –, lässt sich schwer einschätzen. Wir lassen auch offen, ob die „Knodderer“, „Gnewwrer“ und „Bebberer“ ihre Fähigkeiten als Reaktion auf die „Krischer“ entwickelt haben oder ob sie die Pfalz von Anfang an als eigenständige Spezies bevölkert haben. Fakt ist: Sie sind da, und sie sind zahlreich. Und ihnen steht eine enorme Vielfalt an sprachlichen Mitteln zur Verfügung – ganz ohne zu schreien.

Das nächste Mal gibt’s aufs Maul ...

In der nächsten Folge werden wir beim Thema bleiben und uns mit dem derben Wort „Maul“ befassen, das den Dialekt mit Zusammensetzungen und Redensarten regelrecht prägt: von „Er macht ihm ’s Maul lang“ bis „Wann der’s Maul uffreißt, griechen die Ohre B’such“ und vom „Sießmaul“ bis zum „Schlawwwermaul“. Wir fragen: Wer kennt diese und weitere Wörter und Sprüche rund ums „Maul“ und vielleicht auch die Erklärungen? Schreiben Sie uns!

Mitmach-Infos: Unsere Adresse

Unter dem Motto „Saach blooß“ ergründen wir seit dem Jahr 2002 den Ursprung von originellen Sprüchen, Redensarten und Wörtern aus der Pfalz und die Geschichten dahinter. Wir tun das mithilfe unserer Leserinnen und Leser, ihres Sprachschatzes, ihrer Erfahrungen und Erinnerungen. Schreiben Sie unter dem Kennwort „Saach blooß“ an: RHEINPFALZ am SONNTAG, Ostbahnstraße 12, 76829 Landau, Fax: 06341/281-165, E-Mail: saachblooss@rheinpfalz.de – wir freuen uns auf Ihre Zuschrift!

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