Reise
Unterwegs mit Jordaniens Beduinen
Von Wolfgang Molitor
Der kluge Wanderer weiß: Nichts bringt ihn auf dem Weg besser voran als eine Pause. Nach vier Stunden eines starken Abstiegs, der manchmal wohltuend auch fleißigen Schwarzwald-Wanderern die Knie zittern und die Waden brennen lässt, ist es soweit. Khaled, ein junger Beduine, hat unter einem mächtigen, schattenspendenden Felsvorsprung große Töpfe auf die zwei Feuerstellen gestellt. Für die hungrigen Wanderer hat er Tomaten und Zucchini über offenem Feuer gegart, ein paar Kartoffeln mit Ei und Beduinenbrot daneben gestellt sowie in der heißen Asche gebackenes Brot aus weißem Mehl, Salz und Wasser vorbereitet.
Am frühen Morgen hat Khaleds Mutter bereits Shrak, ein dünnes Fladenbrot, aus dem Ofen gezogen. Ihr Sohn hat alles auf dem Rücken eines kleinen schwarzen Esels in die Bergwelt des Wadi Dana gebracht. Dazu gibt es, wie in Jordanien üblich, gesüßten Tee. Die Pause tut gut, auch wenn die zurückgelegten gut sieben Kilometer über Stock und Stein nicht von Pappe sind. „Mittelschwer“, sagt Ahmad Algehlany, der lokale Guide. Leichtfüßig geht der 57-Jährige voran. Wer behauptet, abwärts gehe es leichter? Immerhin: Die Wandergruppe bleibt bis zum Schluss überschaubar und gut gelaunt zusammen.
Im Winter grünt Jordanien
Morgens um 9 Uhr sind nach einem leichten Frühstück im Dana-Eco-Camp die Wanderstiefel geschnürt. Für genug Trinkwasser pro Person hat Ahmed Algehlany gesorgt: „Zwei bis drei Liter sollten es schon sein!“ Lange Jahre war das Bergdorf Dana mit dem grandiosen Blick ins tiefe Wadi auf rund 1200 Meter Höhe verlassen. Die letzten Bewohner des Kchawlde-Stammes hatten den Ort in den 1980er-Jahren verlassen und ein paar Kilometer weiter das Städtchen Kadisia gebaut, als in den 1960er-Jahren eine Zementfabrik für neue Arbeit sorgte, samt Schulen und einem Krankenhaus. Langsam werden aus verfallenen kleinen Gehöften einfache Hotels und Öko-Lodges. In der Frühe bringen Hirten ihre Schafherden ins Tal zu kärglichem Grün.
Doch der Winter verändert die Landschaft. Dann wachsen Wacholder und Oleander, Ginster und Tamarisken, wilde Pistazien, Misteln und der giftige Oscher-Baum. Der Regen spült den Sandstein über dem Granit frei, und der schwarze Abraum erscheint vor den zum Teil über 4000 Jahre alten Kupferstollen in neuem Licht. „Der Sand duftet nach dem Regen anders“, schwärmt das Familienoberhaupt, der 89-jährige Beduine Abu Süleyman, der wie viele sesshaft geworden ist und „gerade deswegen vermisse ich die Wüste am meisten“.
Auf dem Weg zum Ziel, der Feynan Eco Lodge, geht es vorbei an etlichen Beduinen-Camps. Einige Zelte, ein umzäuntes Gelände für die Ziegen, verbrannte Erde, um gefährliche Skorpione und Schlangen fernzuhalten: Noch immer leben Hirten wie Moussa und Abdullah wie vor Jahrhunderten. Mit einem Rastplatz auf dünnen Decken, aufmerksamen Schäferhunden und ein paar Mauleseln, auf denen sie später auf der Suche nach ausgebüxten Ziegen stolz an den Wanderern vorbeigaloppieren. Nur das klingelnde Mobiltelefon ruft sie ins Jetzt zurück.
Unbedingt mit der Hand wackeln
Zehn Prozent der rund zwölf Millionen Menschen in Jordanien sind Beduinen. „Anfang der 1950er Jahre waren es noch 75 Prozent“, sagt Ahmed Algehlany. Viele Junge zieht es in die Städte. Allein die Metropole Amman zählt fast fünf Millionen Einwohner. Viele große Beduinen-Stämme machen ihre Geschäfte immer öfter mit Wüsten-Lodges statt mit Kamelen und Ziegen. Vor allem im Wadi Rum, dem Tal des Mondes.
Männer wie Salem: Der 45-Jährige empfängt die Besucher in einem großen Raum, der mit seiner seidenen Tapete und dem dicken Teppich die Tradition der Wüste wachhält. „Bei uns stehen die Zelte immer für alle offen“, sagt Salem. Zur Begrüßung wird in kleinen Tassen Kaffee gereicht. „Nach dem dritten Tässchen müsst ihr mit der Hand wackeln, um zu zeigen: Danke, das reicht“, gibt Ahmed Algehlany Benimm-Tipps. Mehr wäre unhöflich. Danach gibt es süßen Tee, so viel man will.
Drei Angestellte beschäftigt Salem in seinen einfachen Zelten tief in der sandigen Steinwüste, rund 30 Kilometer von der geschlossenen Grenze zu Saudi-Arabien entfernt. Seine fünf Söhne arbeiten als muntere Gäste-Führer und routinierte Fahrer bemitleidenswerter Pick-ups ebenfalls im Tourismus. Die fünf Töchter sind zu Hause. „Ich habe noch zehn Brüder und sieben Schwestern“, erzählt Salem. „Mein Vater hatte zwei Frauen.“ Rund 3000 Mitglieder zählt der Stamm der Salabia, zu dem auch Salems 75 Familienangehörige gehören.
2026 wird touristisch schon abgeschrieben
„Die letzten beiden Jahre war der Tourismus in Jordanien ziemlich tot“, sagt Salem. Erst nach dem brüchigen Waffenstillstand zwischen den palästinensischen Hamas-Terroristen und Israel geht es langsam wieder aufwärts – auch wenn im jordanischen Hotspot, der legendären Felsenstadt Petra, statt früher bis zu 10.000 zurzeit nur 1000 Besucher am Tag kommen. „Die politisch instabile Lage im Nahen Osten macht auch im Tourismus eine Planung unmöglich“, sagt Ahmad Alhmoud, Marketingdirektor des jordanischen Tourismus-Verbandes. Jordanien sei zwar seit vielen Jahren eigentlich ein stabiles und sicheres Reiseland, „aber drum herum“ bleibe es eben höchst fragil. Noch ist das Land von den 6,3 Millionen Touristen aus dem Jahr 2023 weit entfernt. Nach dem Hamas-Anschlag am 7. Oktober 2024 und dem folgenden Gaza-Krieg blieben vor allem Besucher aus dem deutschsprachigen Raum aus – und erst recht nach den weitestgehend folgenlosen iranischen Angriffen auf den Flughafen Amman. Wie es in der Großregion weitergeht, sei schwer zu sagen, meint der Direktor. 2026 jedenfalls wird touristisch wohl abgeschrieben.
Rund 1000 Zimmer und Zelte stehen in Wadi Rum für Touristen bereit. Die Schreie brünstiger Kamele gehören zum Alltagsgeräusch. Abu Ahmed, einen vorbeischauenden Nachbarn Salems, zieht es mit zwei bis drei anderen Familien, seinen 100 Ziegen und fünf Kamelen noch immer hinaus in die Wüste. In einem Umkreis von rund 100 Kilometern schlägt er sein Lager auf, bleibt drei bis vier Monate an einem Platz. „Ab 50 Ziegen pro Familie kann man von ihrem Fleisch und ihrer Milch leben“, sagt Abu Ahmed, „auch wenn Wölfe erst letzte Woche acht meiner Ziegen gerissen haben.“ Der stämmige Beduine trägt wie die meisten hier den Thawb, ein weites langes Gewand, und die Kufiya, das mit dem Agal, einem Seil befestigte karierte Kopftuch. Frauen bekommen die Besucher nicht zu Gesicht.
In Jordaniens ältestem Nationalpark Dana, den ein halbes Hundert Ranger seit 1989 überwacht, hat die Wandergruppe mittlerweile ihr rund 15 Kilometer langes Tagespensum geschafft. Die Stimmung ist gut. „Geduld und Humor sind wie zwei Kamele, die einen durch die Wüste tragen“, heißt eine beduinische Weisheit. Die letzten Stunden geht es durch das breite Wadi, das ahnen lässt, wie viel Wassermassen es in einem regenreichen Winter führen kann. Am Ende des Tages wartet auf dem Dach der von 300 Kerzen matt erleuchteten Feynan-Eco-Lodge der Blick in einen makellosen Sternenhimmel. Die müden Glieder sind vergessen – passend zu Goethes Worten: „Nur wo du zu Fuß warst, bist du auch wirklich gewesen.“
Jordanien
Anreise
Mit Sunexpress ab Stuttgart via Antalya nach Amman, www.sunexpress.com. Ab Frankfurt am Main fliegt Royal Jordanian nonstop, www.rj.com/.
Einreise
Das Visum bekommt man bei der Ankunft am Flughafen („Visa on Arrival“), es kostet rund 50 Euro pro Person für 30 Tage. Währung Jordanischer Dinar, seit 1995 fest an den US-Dollar gekoppelt, 100 Dinar sind etwa 121 Euro.
Veranstalter
Die beschriebene Reise „Wüsten und die Felsenstadt Petra“ dauert zehn Tage, davon fünf Wandertage mit mittlerem Schwierigkeitsgrad. Gruppengröße: vier bis 14 Personen, Preis: ab 2990 Euro pro Person,
www.weltweitwandern.com.
Weitere Anbieter: Wander-Urlaub in Jordanien, Dauer neun Tage inklusive Flug und Übernachtungen (siebenmal Hotel/Gästehaus, einmal Zelt) ab 2795 Euro pro Person,
www.hauser-exkursionen.de.
Allgemein
Jordanisches Fremdenverkehrsamt, https://de.visitjordan.com.
Info
Dieser Artikel stammt aus der RHEINPFALZ am SONNTAG, der Wochenzeitung der RHEINPFALZ. Digital lesen Sie die vollständige Ausgabe bereits samstags im E-Paper in der RHEINPFALZ-App (Android, iOS). Sonntags ab 5 Uhr erhalten Sie dort eine aktualisierte Version mit den Nachrichten vom Samstag aus der Pfalz, Deutschland und der Welt sowie besonders ausführlich vom Sport.