Rheinland-Pfalz RHEINPFALZ Plus Artikel Umfragen vor Landtagswahl: Wo blieb das Kopf-an Kopf-Rennen?

Der Wahlsieger Gordon Schnieder (CDU) gibt am Sonntagabend ein Interview. Auf dem Monitor in der Bildmitte: der unterlegene Mini
Der Wahlsieger Gordon Schnieder (CDU) gibt am Sonntagabend ein Interview. Auf dem Monitor in der Bildmitte: der unterlegene Ministerpräsident Alexander Schweitzer (SPD).

Umfragen vor der Landtagswahl in Rheinland-Pfalz ließen ein enges Rennen zwischen CDU und SPD erwarten. Aber: Wo blieb der knappe Endspurt zwischen Schweitzer und Schnieder?

Wahlsonntag in Rheinland-Pfalz, 18 Uhr: Die ersten Prognosen liegen vor. Laut Infratest dimap ist die CDU mit 30,5 Prozent klar stärkste Kraft, die SPD erleidet erhebliche Verluste und landet bei 26,5 Prozent. Der erwartete knappe Zweikampf bleibt aus. Im Gegenteil: Der Abstand zwischen beiden Parteien nimmt in den im Laufe des Wahlabends veröffentlichten Hochrechnungen noch zu. Beim vorläufigen amtlichen Wahlergebnis vereint die CDU 31 Prozent der Stimmen auf sich, die Sozialdemokraten 25,9 Prozent – eine Differenz von mehr als fünf Prozentpunkten und alles andere als ein enges Ergebnis.

In Deutschland veröffentlichen zahlreiche Institute in Zusammenarbeit mit verschiedenen Medienhäusern Wahlumfragen: Dazu zählen Infratest dimap aus Berlin, die Forschungsgruppe Wahlen aus Mannheim und Insa aus Erfurt. Wie oft, in welchen Regionen und mit welchen Methoden Umfragen durchgeführt werden, unterscheidet sich dabei teils erheblich.

Abstand zuletzt im Herbst 2025 größer

Mit Blick auf ältere Wahlumfragen hätte das Ergebnis der Landtagswahl vor einigen Monaten kaum verwundert. Im September 2025 sah der Insa-Meinungstrend die CDU fünf Prozentpunkte vor der SPD – einen Monat später zeichnete eine Umfrage von Infratest dimap ein ähnliches Bild. Dass die rheinland-pfälzische SPD und CDU in Umfragen einmal gleichauf lagen, ist zu diesem Zeitpunkt schon eine Weile her.

Dann beginnt die Aufholjagd der SPD um Ministerpräsident Alexander Schweitzer. Im Januar schrumpft der Abstand zwischen Christ- und Sozialdemokraten in der Infratest-dimap-Sonntagsfrage auf drei Punkte, Ende Februar sogar auf nur noch einen Prozentpunkt. Bis zum Wahltag verändern sich die Wahlumfragen nur geringfügig, ein Kopf-an-Kopf-Rennen scheint sicher – zumindest mit Blick auf die Diagramme der Umfrageinstitute.

Infratest: Nur Stimmungsbild

Am Wahlabend zeigt sich: Die CDU ist in den Umfragen unter-, die SPD überschätzt worden. Die Christdemokraten holen rund zwei bis drei Prozentpunkte mehr, die SPD ein bis zwei Punkte weniger als in letzten Umfragen vor dem Wochenende. „Unsere Umfragen vor der Wahl sind immer klar als Stimmungsbild und nicht als Prognose für den Wahlausgang gekennzeichnet“, erklärt Melanie Völckert von Infratest dimap der RHEINPFALZ auf Nachfrage. So könne es gerade in den letzten Tagen vor der Wahl häufig noch zu Veränderungen in der politischen Stimmung kommen. Insofern sei der Unterschied zwischen der Umfrage zehn Tage vor der Wahl und dem tatsächlichen Ergebnis nicht außergewöhnlich.

Auch Matthias Jung, Vorstandsmitglied der Forschungsgruppe Wahlen, unterstreicht, dass Umfragen eine Momentaufnahme darstellen: Außer den Briefwählern hätten selbst bei den letzten Umfragen am Mittwoch und Donnerstag vor der Wahl die Unentschlossenen noch einige Tage Zeit gehabt, um ihre wirkliche Entscheidung zu treffen. „In dieser Zeit stattfindende Mobilisierungs- und Entscheidungsprozesse können nur durch Plausibilitätsvermutungen erschlossen werden“, erläutert der Wahlforscher.

Unsicherheit „selten kommuniziert“

Gehört eine solche Diskrepanz zwischen Wahlumfrage und Wahlergebnis also schlichtweg dazu? „Wahlumfragen haben aus verschiedenen Gründen Messfehler, weshalb Prognosen eine Unsicherheit von zwei bis drei Prozent pro Partei durchschnittlich haben“, sagt Politikwissenschaftler Thomas König von der Universität Mannheim. Leider würde diese Unsicherheit selten kommuniziert, sodass der Eindruck entstehe, Umfragen lieferten auf das Prozent genaue Werte. Generell stehe die Wahlforschung vor einigen Herausforderungen. Das betreffe etwa die methodischen Standards. „Beispielsweise werden immer mehr Wahlumfragen online durchgeführt, aber manche Bevölkerungsgruppen wie ältere Menschen haben keinen Onlinezugang.“

Zudem wollten zahlreiche Menschen schlichtweg nicht an Umfragen teilnehmen. Stefan Eschenwecker, Königs Mitarbeiter an der Universität Mannheim, hat untersucht, warum die AfD so häufig in Umfragen unterschätzt wird. Demnach beruhe die überproportionale Teilnahmeverweigerung von AfD-Unterstützern eher auf verschwörungstheoretischen Annahmen über Medien und Wissenschaft als auf Stigmatisierung durch Ausschluss der Partei, erklärt Professor König. Somit bleibe auch hier eine größere Bevölkerungsgruppe teilweise unter dem Radar der Wahlforschung. Dementsprechend müsse, so König, die Wahlforschung neue Instrumente finden, um die Meinung und vielleicht auch die Hintergründe dieser wachsenden Wählergruppe zu erforschen.

Beck: Abwanderung „nicht auf dem Schirm“

Eine ähnliche Interpretation der gewaltigen Unterschiede zwischen Umfragen und gewählter Wirklichkeit liefert auch ein früherer Praktiker. Der SPD-Politiker Kurt Beck, von 1994 bis 2013 rheinland-pfälzischer Ministerpräsident, äußert im Interview mit der RHEINPFALZ die Annahme, dass die Institute vor allem die Abwanderung von Leuten aus der SPD-Kernwählerschaft zur AfD „nicht auf dem Schirm hatten“. Er erinnert noch einmal an ein Agreement, das seiner Erinnerung nach früher gegolten habe: zwei Wochen vor dem Wahltermin keine Umfragen mehr.

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