Wissen Im Reich der Seeungeheuer
Welche Kreaturen hausen in den Tiefen der Weltmeere? Bis weit in das 19. Jahrhundert hinein wussten das weder die Seeleute, die sich vor Seeungeheuern fürchteten, noch die Gelehrten, die sich uneins waren, ob es jenseits einer Tiefe von 500 Metern überhaupt noch Leben gab.
So kursierten damals die wildesten Gerüchte und die seltsamsten Spekulationen machten die Runde. In den Hafenkneipen berichteten Matrosen von riesigen Kraken, die ganze Segelschiffe mitsamt Besatzung hinab in die ewige Finsternis rissen. Die Forschergemeinde hingegen stritt sich in der Folge Charles Darwins gerade erst veröffentlichter Evolutionstheorie („Entstehung der Arten“ von 1859) über einen mysteriösen Unterwasserurschleim namens Bathybius, der die Quelle allen Lebens sein sollte. Wer hatte recht?
Geburtsdatum moderner Meeresforschung
Keiner konnte das sagen. Die Tiefen der Weltmeere waren bis dahin praktisch unbekannt. Zwar gab es schon einige vereinzelte Forschungen, aber noch niemand hatte die globalen Ozeane systematisch untersucht. Ein unhaltbarer Zustand für die Royal Society in London. Sie ließ die Dampfkorvette „HMS Challenger“ mit mehr als 200 Mann Besatzung zu einer dreieinhalbjährigen Expedition in die Weltmeere aufbrechen, um sie und ihre Untiefen wissenschaftlich zu erkunden.
Die damals atemberaubend kostspielige Forschungsreise von 171.000 Pfund Sterling (heute über 25 Millionen Euro) war nicht nur eine der teuersten des Viktorianischen Zeitalters, sie gilt heute auch als die Geburtsstunde der modernen Meeresforschung.
Im Dezember 1872 stach die „HMS Challenger“ im britischen Portsmouth in See, ein umgebauter 14 Jahre alter Dreimaster der Royal Navy mit einer Verdrängung von 2306 Tonnen, ausgerüstet mit einer 400 PS starken Dampfmaschine. Der wissenschaftliche Leiter der Expedition war der schottische Zoologe Charles Wyville Thomson, der später für seine Leistung von Queen Victoria die Ritterwürde erhielt. Das Wissenschaftlerteam bestand aus Experten verschiedenster Fachrichtungen, unter ihnen auch ein Deutscher – der Zoologe, Naturwissenschaftler und Biologe Rudolf von Willemoes-Suhm.
Ihre 68.890 Seemeilen (circa 127.580 Kilometer) lange Reise führte sie von England über die Straße von Gibraltar in den Atlantik und in die Karibik, zu den Bermudas, den Azoren und weiter bis zum Kap der Guten Hoffnung bis in die Antarktis. Von dort aus ging es über Australien, Neuguinea und Philippinen über die Magellanstraße zurück nach Portsmouth, wo die Expedition vor 150 Jahren endete, genau am 24. Mai 1876.
Die Ergebnisse, die die Forscher mit nach Hause brachten, waren atemberaubend. Die Auswertung der Daten und Fundstücke nahm Jahrzehnte in Anspruch. Noch heute greifen internationale Wissenschaftler auf die Exponate und Informationen zurück, die die Challenger-Expediton damals gewann. Über 10.000 Tiere und Pflanzen sammelten die Expeditionsteilnehmer in aller Welt ein und präparierten sie in Alkohol. Darunter befanden sich rund viereinhalbtausend neue, bis dahin vollkommen unbekannte Arten.
Am 2. Februar 1873 schrieb Rudolf von Willemoes-Suhm voller Begeisterung an seine Mutter: „Ich erhielt im Anfange der Woche ein herrliches Objekt zur Bearbeitung, nämlich eine 3 Zoll lange Krabbe mit zollgroßen Augen, die neu ist und, was noch wichtiger, bei ihrer großen Durchsichtigkeit den sehr interessanten anatomischen Bau gut erkennen lässt. Ich arbeitete mit große Liebe daran; der Zeichner verfertigte mir zwei sehr schöne große Tafeln und die Arbeit ist so weit gediehen, dass sie von Teneriffa schon nach England abgehen kann. Thomson will sie an Huxley senden, damit dieser sie der Royal Society für deren Transactions übergebe.“ Das Tier trug später seinen Namen: Willemoesia leptodactyla. Rudolf von Willemoes-Suhm selbst starb am 13. September 1875 auf dem Weg von Hawaii nach Tahiti an einer Wundrose.
Die Forscher der HMS Challenger maßen aber auch Hunderte Male die Wassertemperatur der Weltmeere und zerbrachen dabei etliche Thermometer. Ihr Lohn: Sie fanden heraus, dass die Strömungen der Meere in der Tiefe kaltes Wasser vom Pol zum Äquator führen und es von dort aus erwärmt an der Oberfläche wieder zurück zum Pol strömt. Damals eine bahnbrechende Erkenntnis.
Forscher entdeckten tiefste Stelle im Meer
Die Wissenschaftler loteten aber auch die Meerestiefen aus und entdeckten mit 8184 Metern die damals tiefste bekannte Stelle der Weltmeere. Erst heute wissen die Meereskundler, dass der Marianengraben im westlichen Pazifik mit bis zu 11.034 Meter noch tiefer ist.
Die Reise trug sogar dazu bei, einen damals aktuellen Gelehrtenstreit beizulegen: Der ominöse Urschleim der Tiefsee, die Quelle allen Lebens, der sogenannte Bathybius, existiert in Wahrheit gar nicht. Vielmehr handelt es sich dabei um kolloidal ausgefälltes Kalziumsulfat, eine Erscheinung, die nur im Labor auftritt und in der Natur so nicht vorkommt.
John Murray, Wywille Thomsons wissenschaftlicher Assistent, veröffentlichte die Forschungsergebnisse der „Challenger“-Expedition in den Folgejahren in 50 großformatigen Bänden mit rund 30.000 Seiten, versehen mit etlichen Illustrationen. Auch heute noch, nach über 150 Jahren, ist das nicht nur eine rein wissenschaftliche Datensammlung, sondern vielmehr auch ein atemberaubender Augenzeugenbericht aus dem Reich der Seeungeheuer.