Pfalz RHEINPFALZ Plus Artikel Katastrophe? Trifft mich nicht! – Und wenn doch?

Pfingsthochwasser in Zweibrücken.
Pfingsthochwasser in Zweibrücken.

In Ludwigshafen, Frankenthal und Grünstadt blieb im März 2023 der Strom stundenlang weg, in der Südwestpfalz hat ein Hochwasser an Pfingsten für Schäden in Millionen-Höhe gesorgt. Die Katastrophen sind längst da. Und doch hat sich mehr als die Hälfte der Deutschen noch nie mit dem Thema Notfallvorsorge befasst. Wie kann man das ändern?

Es ist eine Zahl, die einerseits betroffen macht, andererseits aber auch verständlich ist – man muss ja nur einmal im eigenen Umfeld fragen, wer eine Taschenlampe, einen Notfall-Rucksack und literweise Trinkwasser zu Hause hat, um Katastrophen aller Art zu überstehen. Wahrscheinlich nicht so viele Menschen. So wundert es nicht, dass mehr als die Hälfte der Deutschen (54 Prozent) bei einer Befragung im Sommer dieses Jahres angegeben hat, sich noch nie mit dem Thema Notfallvorsorge beschäftigt zu haben. Die Frage, wie man sich bei Katastrophen verhält oder wie man längere Ausfälle der Wasser-, Strom- und Gasversorgung überbrücken kann, spielte in ihren Gedanken bislang keine Rolle – auch, weil sie darauf vertrauen, dass der Staat im Katastrophenfall hilft oder weil sie es als unwahrscheinlich ansehen, dass es zu einer Katastrophe kommen kann, die sie selbst betrifft.

„Aber ein Stromausfall kann jeden betreffen“, sagt Matthias Rohs. Er ist Professor am Zentrum für Katastrophenforschung an der Rheinland-Pfälzischen Technischen Universität Kaiserslautern-Landau. Die Forscher des Zentrums bringen Wissen aus Technik, Wirtschaft und Bildung zusammen und sind Experten in den Bereichen Katastrophen-Management, Bildung in Bevölkerungsschutz und Resilienz (Anpassungsfähigkeit) im Hochwasser-Risikomanagement.

Matthias Rohs
Matthias Rohs

Matthias Rohs, der Professor für Erwachsenenbildung ist, verantwortet dabei ein Forschungsprojekt, durch das herausgefunden werden soll, wie gut sich die Bevölkerung im Katastrophenfall selbst helfen und versorgen kann. Dafür hat das Institut für Demoskopie Allensbach 1084 Menschen interviewt und ihnen jeweils zehn Fragen zum Thema gestellt. Das Ergebnis ist: Das Wissen um Notfallversorgung ist stark ausbaufähig, gleiches gilt für die Fähigkeiten, sich selbst zu helfen: „Weniger als ein Drittel der Befragten (59 Prozent) besitzt alle grundlegenden Fertigkeiten, die in Katastrophensituationen gebraucht werden“, heißt es in Auswertung der Befragung, die der RHEINPFALZ vorliegt. Grundlegende Fertigkeiten sind: Erste Hilfe leisten, ein Feuer machen und ein Feuer löschen und Essen ohne Strom zubereiten. Nicht nur an Wissen und Können hapert es, auch die Bevorratung mit Lebensmitteln und Wasser für mehrere Tage seien ausbaufähig. Rohs sagt: „Zwei Drittel der Bevölkerung hat nicht Wasser und Lebensmittel für länger als eine Woche.“

Der Staat hilft zuerst der Allgemeinheit

Zwar sei es durchaus zutreffend, dass der staatliche Katastrophenschutz in Deutschland gut organisiert ist. „Aber die Bevölkerung muss sich im Klaren sein, dass der bei größeren Vorfällen zunächst die allgemeine Hilfe vor der individuellen Hilfe priorisiert“, so Rohs. Die Helfer kümmern sich also zuerst um Schwerverletzte, Alte und Kranke, und sie werden zuerst Brücken für die Allgemeinheit bauen, bevor sie die Privatkeller von Frau Müller oder Herrn Maier auspumpen. Und weil es eben im Ernstfall immer darum geht, zuerst die Schwachen zu versorgen, sei es auch „ein solidarischer Akt“, dass diejenigen, die stark (heißt: nicht alt oder krank) sind, für sich selbst sorgen, sagt Rohs.

Stellt sich die Frage: Was macht man mit der Erkenntnis, dass sich die Menschen zu wenig mit der Vorsorge für Notfälle beschäftigen? Wie bringt man die wichtigen Infos zu den Menschen? Bei Frauen, junge Leuten und Menschen mit niedrigem sozioökonomischen Status (definiert über Bildung, Beruf, Einkommen) antworten nur ein Fünftel, dass sie ausreichend über Notfallvorsorge Bescheid wissen. „Diese Personen sollten besonders in den Blick genommen werden“, findet Rohs. Doch man könne bei der Aufklärung nicht alle über einen Kamm scheren, müsse sich vielmehr die verschiedenen Zielgruppen ansehen.

Broschüren? Gut – aber nicht ausreichend

So sei es sinnvoll, Broschüren mit Verhaltenstipps und Anlaufstationen in jedem Haushalt zu verteilen wie es beispielsweise die Stadt Neustadt getan hat. Gleichwohl erreichten diese Broschüren aber einen Teil der Menschen nicht, wie eine Befragung in Neustadt durch Kaiserslauterer Studenten gezeigt habe: „Leider hat nur ein Viertel der Neustadter die Broschüre gelesen und auch was getan“, fasst Rohs zusammen. Ein Grund dafür könnte sein, dass die Deutsch-Sprachkenntnisse nicht ausreichten, um den Inhalt zu verstehen.

Zurück zur deutschlandweiten Befragung: Weil sich jeder zweite Befragte Aufklärungsangebote vor Ort wünscht, schlägt der Professor für Erwachsenenbildung vor, dass Volkshochschulen – die bislang kaum solche Kurse anbieten – und Hilfsorganisationen mithelfen, die Wissenslücken zu schließen. Es sei wichtig, Menschen jeden Alters abzuholen: „Günstig, zeitsparend, ohne Hürden“, wie Rohs zusammenfasst. Das mögen ein Vortrag im Chor oder Sportverein sein, TikTok, ein RHEINPFALZ-Artikel, You-Tube-Videos oder Volkshochschul-Kurse.

Neue Ratgeber für verschiedene Lebenswelten

Die Ergebnisse der Befragung dienten dem Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) nun dazu, die Info-Angebote neu zu gestalten, wie die in Bonn ansässige Bundesbehörde gegenüber der RHEINPFALZ mitteilt: „Als maßgebendes Informationsprodukt wird zunächst der ,Ratgeber für Notfallvorsorge und richtiges Handeln in Notsituationen’ grundlegend überarbeitet.“

Ziel sei, die Inhalte des Ratgebers, der in der ersten Hälfte 2025 neu veröffentlicht wird, stärker auf die Lebenswelten der Leute abzustimmen. Dem Bundesamt, das gerade erst wieder dazu aufgerufen hat, sich auf Notfälle vorzubereiten, ist es wichtig, dass die Informationen möglichst viele Menschen erreiche. Deswegen arbeite es mit verschiedenen Akteuren zusammen, die das Wissen gezielt in ihrem Umfeld verbreiten sollen. Beispielsweise würden für Erste-Hilfe-Kurse Materialien mit Selbstschutzinhalten bereitgestellt, zudem gebe es Kooperationen wie das Projekt „Sicherheit durch Vorsorge“ mit dem Deutschen Feuerwehrverband und der Vereinigung zur Förderung des Deutschen Brandschutzes. Und schließlich nehme man an Messen oder Aktionstagen in Schulen teil.

Der Kaiserslauterer Uni-Professor Rohs spricht sich dafür aus, sich von der Haltung der Japaner etwas abzuschauen: Dort werde stärker geschaut, was die Community – also die Nachbarschaft oder Gemeinschaft – im Katastrophenfall wie einem Tsunami machen könne: „Man muss den Zusammenhalt in der Gemeinschaft stärken.“ Heißt zum Beispiel: Es ist gut zu wissen, welcher Nachbar ein Beatmungsgerät benötigt, um ihm im Falle eines Stromausfalls beistehen zu können.

Soll man Kinder auf Katastrophen vorbereiten?

Bleibt noch die Frage, wie sinnvoll es ist, Kinder in der Schule schon auf Katastrophen vorzubereiten, die sie im Leben erwarten können. Rohs wägt ab: „Grundsätzlich finde ich es gut, wenn man das Thema aufgreift. Aber man muss gut geschulte Pädagogen haben, damit die Kinder keine Angst bekommen.“ Ein guter Weg ist seiner Ansicht nach, Kindern Alltagsfähigkeiten beizubringen. Man könnte mit den Kleinen campen gehen, ihnen beibringen, auf einem Campingkocher Essen zuzubereiten und ihnen die Furcht davor nehmen, eine Pumpe anzuschließen. Diese Dinge zu wissen, ist nicht nur für den Katastrophen-Fall hilfreich.

Im Netz

Wer sich mit dem Thema Katastrophenschutz befassen will, findet auf der Seite www.bbk.bund.de allerlei Hilfreiches.

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