Tiere RHEINPFALZ Plus Artikel Von Wildpferden lernen

„Willst du spielen?“ Ein Jungpferd fragt bei Marc Lubetzki vorsichtig an.
»Willst du spielen?« Ein Jungpferd fragt bei Marc Lubetzki vorsichtig an.

Marc Lubetzki beobachtet Wildpferde in aller Welt und will Pferdebesitzern helfen, eine natürlichere Kommunikation mit ihren Tieren zu erlernen. Ein Gespräch mit ihm über sein neues Buch.

„Stimmt schon, wir sind immer zu eilig unterwegs!“ Marc Lubetzkis Pferdefreund hat im neuen Buch des Autors und Dokumentarfilmers schon mal eine wichtige Erkenntnis gewonnen. Wer glaubt, mit über den Tag aufgestauten Emotionen und auch noch in Zeitnot reiten gehen zu können, muss sich nicht wundern, wenn Pferde ihren Reiter eher als schnaubendes Dampfross denn als Herdenmitglied wahrnehmen. „Man muss sich bewusst werden, dass man sich in eine viel ruhigere Umgebung begibt“, sagt Lubetzki im Gespräch mit der RHEINPFALZ. Im Geltinger Birk, einem Naturschutzgebiet an der Flensburger Förde, hat er das Verhalten der dort halb wild lebenden Koniks beobachtet, um schließlich von den Pferden in ihrem Herdenverband akzeptiert zu werden.

Seine genauen Beobachtungen helfen auch im Umgang mit Hauspferden. Sich Rituale zu schaffen, ist eine Möglichkeit. „Einfach mal im Auto sitzenbleiben, zur Ruhe kommen, in die Körpermitte reinatmen und erden“, empfiehlt er Reitern, die mit Stress im Gepäck zum Stall reisen. „Als Mensch ist es wichtig, zu kennen, auf was Pferde reagieren.“ Die Tiere haben eine äußerst feine Körpersprache, die es zu erlernen gilt. Das sei nicht schwierig, sagt Lubetzki, denn es gebe nur wenige Signale. „Ich finde es wahnsinnig spannend, wenn man es erst einmal verstanden hat“, so der Tierfilmer.

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Kannst du mich riechen?

Im Idealfall ist der erste Schritt die verhaltene Kontaktaufnahme. Sie sollte durch das Pferd erfolgen. Wer mit Volldampf auf sein Tier losprescht, freut sich vielleicht, es zu sehen, umgekehrt wird sich die Freude in Grenzen halten. Auch das liebevoll gemeinte Kraulen und Streicheln am Kopf empfinde ein Pferd eher als unangenehm, so Lubetzki. Wild lebende Tiere nehmen mit der Nase Kontakt auf, sprich, sie überprüfen, ob sie ein anderes Pferd – oder eben einen Menschen – gut riechen können oder nicht.

Lubetzki unterscheidet fünf Beziehungsebenen. „Far away“ heißt, sich die Herde aus der Ferne anzuschauen, aber nicht zu stören. „In touch“ ist die erste Kontaktaufnahme, wenn die Tiere signalisieren, dass es für sie in Ordnung ist. „Inside“: Man kann sich bereits frei in der Herde bewegen – und ihre Regeln beachten. „Great job“ bedeutet, die Pferde erlauben dem Menschen, Aufgaben zu übernehmen wie etwa die Wache während der Fressphase. Der verbindende Blick ist dafür ein Signal.

Die letzte Phase des Herdenkontaktes ist der „Leader“. Der Herdenhengst hat den Führungsauftrag und pflegt die Sozialkontakte zu anderen Herdenhengsten. Der ranghöchste Leithengst übernimmt die Führung nur, wenn die Herden sich zusammenschließen, etwa bei einer Gefahrenlage. Das Führungsverhalten der Pferde ist auch in einer Wallach-Herde und in Herden mit Wallachen und Stuten zu beobachten: In der Regel ist das Leittier, in abgeschwächter Form, das mit den meisten Sozialkontakten.

Vertrauen statt Dominanz

Was macht den „Leader“ aus? Nicht Dominanz, wie oft geglaubt, sondern das Vertrauen, das die Herdenmitglieder ihm entgegenbringen. So akzeptieren im Geltinger Birk die Herdenführer auch andere Hengste. Solange sie die Herde nicht stören. Als der Herdenhengst „Olko“ auf Lubetzki losgeht, hat dieser die Signale nicht beachtet, die ihm das Pferd gegeben hat: Er ist genervt davon, dass der Mensch ihm ständig auf der Suche nach dem besten Porträtfoto auf der Pelle hängt. Das wäre im Übrigen auch „Olko“ passiert, wenn er sich gegenüber einer seiner Stuten so aufdringlich verhalten hätte. Der Filmer und der Hengst weichen instinktiv einen Schritt zurück und sagen damit „Sorry, dass ich deine Komfortzone unerlaubt verletzt habe“.

Das Thema „Ich muss auf jeden Fall das Pferd dominieren und darf niemals zurückweichen“ ist in der Reiterwelt ein sehr großes. Lubetzki, selbst Pferdebesitzer und Reiter, weiß dies realistisch einzuschätzen: „Ich bin nicht so, dass ich sage, wir dürfen das alles nicht so machen!“ Es gibt dringliche Situationen, etwa im Straßenverkehr, da ist Dominanz sehr wohl gefragt, um das Pferd und sich selbst vor Schaden zu bewahren. Im normalen Umgang mit Pferden sollte man auf dessen Signale achten und individuelle Freiräume respektieren. Und manchmal sagen Pferde einfach „Nein!“. Der Mythos „Leithengst“ in der Pferdeerziehung darf zumindest hinsichtlich des Wie und Wann hinterfragt werden.

Bestandsaufnahme machen

Was kann ich also tun, um mein Pferd, das im Idealfall in einer Herde lebt, besser lesen zu können? Lubetzki rät zu einer Bestandsaufnahme. „Wie verhält sich mein Pferd eigentlich? Wie reagieren die anderen Pferde?“ Hilfreich kann es sein, sich eine Einschätzung durch andere Pferdebesitzer im Stall, also eine Außensicht, einzuholen. Denn manchmal ist eine Situation so verfahren, dass man die Herde vor lauter Pferd nicht sieht. Zu einer Bestandsaufnahme gehört es, zu überprüfen, ob ich zu „meiner“ Herde komme oder sie als fremdes „Pferd“ betrete. Die Signalgebung sei dann anders, so Lubetzki. Zwischen beiden Zuständen sollte man laut dem Dokumentarfilmer nicht hin- und herspringen. Das verwirre die Tiere.

Pferdehaltern gibt Lubetzki den Tipp, sich nicht nur beim Abholen des Tieres Zeit zu lassen, sondern auch nach getaner Arbeit beim Rausbringen auf Koppel, Paddock, in den Laufstall oder auch in die Box. Beobachten, aber nicht aufdrängen ist hier das Motto. Kraulen ist auch nicht vollständig tabu. Vielleicht findet man ja eine Stelle, an der sich das Pferd nicht selbst schubbern kann, wenn es juckt. „Fellchenkraulen“ ist angesagt, egal, ob durch ein menschliches oder ein tierisches Herdenmitglied.

Leckerlis tabu

Eine Beobachtung der Herde hinsichtlich ihres Tagesablaufs und ihres „Stundenplans“ kann helfen, Probleme zu vermeiden. Hole ich ein fressendes Pferd ab, muss ich mich nicht wundern, wenn es auf dem Weg zum Anbindeplatz jede Gelegenheit nutzt, an das Grün am Wegesrand heranzukommen. Vielleicht hätte eine Viertelstunde gereicht, um sich dem Rhythmus der Tiere anzupassen und die Zustimmung des Pferdes einzuholen. „Beachtest du den Stundenplan, startest du keine Anfrage“, so Lubetzki, der zugibt, das es meistens schwierig sei, die üblichen Abläufe im Stall zu verändern. Eine (menschliche) Angewohnheit, die man am einfachsten abstellen kann: das Tier mit Leckerlis zu belohnen. „Füttern ist keine natürliche Kommunikation“, sagt der Autor.

Es lohnt sich, den Beobachtungen Lubetzkis zu folgen, sich im Umgang mit Pferden zu beobachten – und mal nicht so eilig unterwegs zu sein.

Lesezeichen

  • Marc Lubetzki: „Im Gespräch mit wilden Pferden. Natürlich kommunizieren – die Koniks machen es uns vor.“ Kosmos, 174 Seiten, 30 Euro.

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