Tiere
Igel: Mähroboter halten nicht an
Manuela Keim öffnet die Tür zu ihrem Wohnzimmer. Im halb verdunkelten Raum stehen fünf große Plastikcontainer mit Vorhängen und Tüchern bedeckt. „Käthe“, ruft Keim leise, stülpt sich Gartenhandschuhe und darüber noch Einweg-Plastikhandschuhe über die Hände und hebt vorsichtig einen der Vorhänge. In einem wattierten Stoffnestchen liegt ein Igel. Käthe ist ihr jüngster Zugang. Eine Hebamme brachte ihn vor ihrem Dienst zu Keim. Sie hatte ihn morgens mit einer großen Wunde in ihrem Garten entdeckt.
Keim zeigt auf einen kahlen Fleck am Rücken des Tieres – eine Wunde, verursacht von einem Rasenmähroboter, der im Nachbargarten eingesetzt wird. Die Igel mit ihren flachen Schnäuzchen passen unter das elektrische Gefährt. „Sie flüchten nicht, sondern rollen sich ein, wenn Gefahr droht“, erklärt Keim. Und dann werden sie angemäht, verlieren ihre Nasen, Stacheln oder werden skalpiert. Keim zeigt Fotos von einem weiteren Igel. Er hatte weniger Glück als Käthe. Ihm konnte sie nicht mehr helfen. Nur noch Schmerzmittel geben. Auf dem Weg zur Tierärztin sei er gestorben. „Es zerreißt einem das Herz“, erklärt die 43-jährige gelernte Altenpflegerin, die seit zwei Jahren zur Igelmutter in der Region Göppingen und Umgebung geworden ist.
Erkennungszeichen: Lautes Schmatzen
„Wie der Staubsaugroboter im Raum boomt die Nachfrage nach Rasenmährobotern“, bedauert Tierlehrerin Petra Veiel vom Tierheim Stuttgart-Botnang. Sie appelliert an die Vernunft der Gärtner, diese nicht einzusetzen. Schon gar nicht in der Dämmerung oder nachts. Zu dieser Zeit sind die nachtaktiven Igel unterwegs. Und weil Gartenbesitzer in der Regel einen anderen Lebensrhythmus als Igel haben, wissen sie oft gar nicht, dass sich auf ihrem Grundstück einer aufhält. Dabei wäre er an seinen Geräuschen zu erkennen. „Der schmatzt wie eine Sau und hat überhaupt keine Tischmanieren“, sagt Veiel. Sofern der Igel etwas zum Fressen findet.
Nicht nur Rasenmähroboter, die in den vergangenen Jahren zunehmend in Mode gekommen seien, und der Autoverkehr gefährdeten den Igel, sondern auch unsere „geschleckten Gärten“, sagt Veiel. Ein Igel braucht einen natürlichen Garten mit Laubhaufen und Tothölzern als Unterschlupfmöglichkeit – und vor allem Insekten. Weil diese immer weniger werden, sind immer mehr Igel unterernährt. In ihrer Not fressen sie Schnecken und Würmer. Diese aber sind Überträger von Lungen- und Darmhaarwürmern, die sich im Kot nachweisen lassen. Manuela Keim untersucht ihn daher unter einem Mikroskop.
Parasiten machen die Igel anfällig für Milben und Pilze. Sie verlieren ihre schützenden Stacheln und werden nackt. Keim zeigt ein entsprechendes Foto von Igel Edith auf ihrem Handy. Diese hat sie aufgepäppelt und wieder ausgewildert. Mehr als 120 Igel hat die selbstständige Hochzeits- und Trauerrednerin bisher gepflegt, seit sie im Oktober 2019 Fritze in ihrem Garten gefunden hat. Er wog nur 250 Gramm und Keim war klar: Mit dem stimmt etwas nicht. Sie machte sich kundig, wie man dem Tier helfen könnte, stieß auf eine Facebookgruppe und kümmerte sich um Fritze, den sie schließlich ebenfalls auswildern konnte.
Seitdem bekommt jeder Schützling einen Namen. Die Igelretterin blättert durch ihre handgeschriebene Liste, zählt, wie viele Tiere sie verloren hat. 19 konnte sie nicht mehr helfen. Am schlimmsten sei es, mit anzusehen, wie lange sich die Igel quälten, so Keim. Sie seien zäh und liefen tagelang mit ihrem abgemähten Stumpf herum. Viele werden nicht gefunden und verenden unter Hecken.
Hinzu kommt, dass verletzte Muttertiere oft ihren Nachwuchs hilflos hinterlassen. Dann sucht die Igelretterin, das Gelände ab. Kleine Igel piepsen wie Vögel und sind dadurch manchmal zu entdecken. Bei Käthe ist Keim sich nicht sicher, ob sie nicht bald Nachwuchs bekommt. Sie sei rund und gesund und hätte ohne die Schnittverletzung gute Chancen draußen gehabt.
Bis zu sieben Jahre können Igel alt werden. Doch wenn es so weitergehe, könnten Igel in zehn bis 15 Jahren in Deutschland ausgestorben sein, befürchtet Keim. Petra Veiel sagt, sie habe Verständnis, wenn die Leute älter würden , das Rasenmähen beschwerlich werde und sie dafür einen Roboter einsetzten. Aber: „Gartenarbeit macht glücklich. Wenn man sie selber macht, ist man hinterher viel froher“, erklärt die Tierheimsprecherin. Man habe etwas für die Natur getan und vielleicht einen Igel gerettet.
Katzenfutter und Rührei helfen auf die Beinchen
Keim jedenfalls wird weiter päppeln und einen gesonderten Raum für die Igel einrichten. Auch wenn ihr Mann Pierre größtes Verständnis dafür hat, dass seine Frau das Wohnzimmer zur Igel-Aufpäppelstation umfunktioniert hat und der Igelkot extrem stinkt. Als Tierbestatter sei er strengen Geruch gewohnt, aber der übertreffe alles. „Nicht umsonst spricht man vom Sau-Igel oder Heckenschwein“, sagt Keim lachend. Deshalb stehe sie täglich außer sonntags um 5.30 Uhr auf und mache als erstes rund eine Stunde die mit Zeitungspapier ausgelegten Igelboxen sauber. Insgesamt ist sie jeden Tag drei bis vier Stunden mit den Igeln beschäftigt.
Abends füttert sie die ausgewilderten Igel. Etwa 15 kommen aus allen Richtungen gelaufen, um sich das gute Futter bei ihr abzuholen. „Igel sind Fleischfresser“, sagt Keim. Bei ihr bekommen sie Katzenfutter ohne Soße und Gelee sowie schlabberiges, ungewürztes Rührei. Bananen und Haferflocken eignen sich wegen der vielen Kohlenhydrate dagegen nicht. Die Igelmutter ist unter anderem über ihre Facebookseite „Fritzes Igel walk-in“ zu erreichen.
Infos
Keinesfalls sollte man versuchen, ohne Kenntnisse verletzte oder untergewichtige Igel, die streng geschützt sind, selbst zu versorgen. Eine Auswahl von Hilfsangeboten: www.pro-igel.de/karte-mit-pflegestellen/ igelhilfe-ludwigshafen.de/index.php/pflegestellen/ www.igel-notnetz.net/