Reise RHEINPFALZ Plus Artikel Nicht nach Paris: Im Vogesenwald funkelt der Luxus

Hier wird nach Entwürfen des Künstlers Arik Levy ein Rockstone 40 gefertigt. Die 40 Zentimeter hohe und 14 Kilo schwere Skulptur
Hier wird nach Entwürfen des Künstlers Arik Levy ein Rockstone 40 gefertigt. Die 40 Zentimeter hohe und 14 Kilo schwere Skulptur kostet 25.000 Euro.

René Lalique war einer der größten Glaskünstler seiner Zeit und prägte die Epoche des Art nouveau und des Art déco. Im Elsass wird sein Erbe bewahrt. Ein Besuch.

Eine halbe Autostunde nördlich von Straßburg, an der Mautstelle Schwindratzheim, kennt der Wegzeiger nur eine Richtung: à Paris! Obschon es dorthin 500 Kilometer sind. Wer vor der Wahl steht: Paris oder der Rest der Welt, mag sich im Zweifel für Paris entscheiden. Dabei, und das wird auch Silvio Denz später beim Lunch sagen, findet man in Paris alles – selten aber Frankreich. Das gibt es auf dem Land. Gerade auch im Elsass, in der Grenzregion zu Deutschland, wo das Französische bisweilen als Abgrenzung verstanden wird.

Wir lassen Paris links liegen und Schwindratzheim hinter uns und rollen schnurstracks in den Naturpark Nördliche Vogesen, nach Wingen-sur-Moder. Ein Pariser – der Juwelier, Künstler, Kunsthandwerker René Lalique – hat vor 100 Jahren die Moderne und die Industrialisierung dorthin gebracht. 100 Jahre später bewahrt der Schweizer Investor Silvio Denz das Lalique-Erbe erst vor dem Ausverkauf. Dann erweiterte er es um Exklusivitäten, eröffnete Sterne-Restaurants und bestückte ein Museum mit der weltgrößten Sammlung von Vintage-Parfümflakons.

Drei Monate hält ein Ofen

Heute arbeitet er daran, Lalique zur Global Brand zu machen. Zu einem Namen, in dem Anspruch und Wertigkeit, Design und Kunst anklingen sollen. „Luxus-Lifestyle, ja“, sagt Denz, „aber nicht bloß teuer und effektvoll. Es geht nur über Qualität. Je exklusiver, desto besser.“ Das klingt steil und selbstbewusst. Und etwas surreal. Lalique ist weltweit mit rund 700 Stores und Showrooms vertreten – in Paris, London, Beverly Hills, Moskau und Hongkong ebenso wie in Beirut, Taschkent und Wingen, im Nadelwald des Vogesen-Vorlandes. Wenige Schritte nur und man ist 100 Jahre zurück.

In einem Hinterzimmer der Produktion steht ein Arbeiter. Mit der Ruhe eines Zen-Meisters streicht er mit bloßer Hand die Oberfläche von sechs Lehmöfen glatt. „Der hält drei Monate“, sagt er, „dann ist er buchstäblich ausgebrannt. Dann forme ich die nächste Generation.“ Lalique ist eine Manufaktur, das begreift man sofort. Traditionelles Kunsthandwerk. Glashütte. Allein das Wort ist 19. Jahrhundert.

In der Fertigungshalle schreiten fünf Mann die immer gleiche kurze Wegstrecke ab, zwischen dem Schmelzofen, 1200 Grad heißes Herz der Fertigung, und dem im Boden versenkten Kühlofen. Im Rhythmus von wenigen Minuten empfängt der Kollege mit der Schnabelschere den Kollegen mit der Glasmacherpfeife und trennt den glühend heißen Glaskörper ab. Hochkonzentrierte Präzisionsarbeit. Gleichmäßig wie ein Uhrwerk. „Unsere Teams bestehen aus Leuten, die sich kennen und einander vertrauen“, sagt Werksleiter Daniel Port. 250 Mitarbeiter fertigen, verpacken, versenden übers Jahr bis zu 550.000 Einzelstücke. Schmuck und Parfüm-Flakons, Inneneinrichtung und Dekor wie Kristall-Lüster, Vasen, Intarsien für Möbel. Manche Teile erfordern Hunderte von Arbeitsschritten und Arbeitsstunden.

Exklusivität als Markenzeichen

Silvio Denz hat seit 2008 über 25 Millionen Euro in den Standort investiert. Der Ausstoß wurde erhöht, vor allem aber hat er die Qualität signifikant gesteigert. „Wir wollen keine zehn Millionen Einheiten raushauen. Jedes Produkt, das wir fertigen, ist ein Unikat. Das suchen die Leute. Selbst wenn es ähnlich aussieht, hat es wie bei einem Suchbild Details, die anders sind. Wir geben Savoir-faire, das Fachwissen, weiter. Wir setzen die Tradition fort.“

René Lalique hat einst den Parfüm-Flakon industrialisiert. Die Glashütten im Elsass waren auf Jahre hinaus ausgelastet. Als 1994 Pochet in Paris den Familienbetrieb Lalique übernahm, hoffte Pochet auf Synergien. Doch die Lösung, das erkannte 2008 Silvio Denz, lag nicht in der von René Lalique einst forcierten Massenfertigung. Sondern in der Exklusivität.

Silvio Denz, 68, ist selbst eine Art Exklusivität. Im Luxus-Segment des 21. Jahrhunderts trifft man diese Sorte Mensch eher selten an. Denz zählt zu den 300 reichsten Schweizern und erscheint in vielerlei Hinsicht unerwartet eigen. Er ist im persönlichen Umgang konziliant, angenehm zurückhaltend, keiner, der das große Wort führt und sich mit einer Entourage umgibt. Kein Assistent schwänzelt um ihn herum, Termine vereinbart er selber. Er ruft auch selber an! Schwupps, hat man die Handynummer eines Millionärs im Smartphone gespeichert. Denz lacht. Na, und?

Beim Lunch im Château Hochberg – neben den drei Sterne-Restaurants Villa Lalique in Wingen, dem Château Lafaurie Peyraguey in Bordeaux und The Glenturret in den schottischen Highlands das vierte von Denz initiierte Lokal – kommt der frühere Bürgermeister an den Tisch. Denz plauscht. Und als Monsieur le Maire weitergezogen ist, kokettiert auch Denz für einen Augenblick. „Als ich nach Wingen kam, nannten sie mich Messias.“ Der ehemalige Werksleiter Denis Laudry sitzt an seiner Seite. Er erdet ihn. Er erwidert: „Pass auf, dass sie dich nicht kreuzigen.“ Denz kommt auf den Vater zu sprechen, wenn es um die Frage geht, wie er der geworden ist, der er heute ist. Die Familie war nicht arm, aber auch nicht reich. Der Vater sagte: „Sprachen sind die Türen des Lebens. Ohne Sprache ziehen die Leute dich über den Tisch.“ Denz lernte also Englisch in Milwaukee und Französisch in Lausanne und begann eine typische schweizer Karriere als Bankkaufmann bei der Credit Suisse. Geriet versehentlich in den Familienbetrieb – und machte aus dem Acht-Mann-Betrieb die Parfümerie-Kette Alrodo mit rund 800 Mitarbeitern.

Whysky in Kristall

Fragt man ihn, was ihn antreibt, sagt er schnell: „Erfolg. Etwas erreichen!“ Will man wissen, was es zum Erfolg braucht, nennt er Schweizer Tugenden: Solide Ausbildung. Fleiß und harte Arbeit. Und Mut zum Risiko. Denz spricht vom „kalkulierten Risiko“. Egal, ob er in Weinberge im Bordeaux investiert oder in schottischen Whisky. Lalique war 2008 defizitär, Denz kannte sich im Parfüm-Geschäft aus und erkannte sofort: „Die acht Millionen Umsatz, das ist nichts! Wenn es uns gelingt, das zu verdoppeln oder zu verdreifachen, können wir Geld verdienen. Heute haben wir es vervierfacht. Das Parfümgeschäft ist die stützende Säule.“

Das unterscheidet den Erfolgreichen vom Erfolglosen, den Unternehmer vom Unterlasser: dass er Möglichkeiten erkennt und sie nutzt. Dass er Dinge zusammendenkt, die scheinbar nicht zueinander passen. Silvio Denz interessierte sich weder für Whisky noch für Kristallware. Aber sein Hang zu Parfümflakons eröffnete ihm ein neues Geschäftsfeld. Denz: „Die Kristall-Produktion von Lalique wollte ich eigentlich nicht. Whisky war überhaupt nicht geplant. Aber dann sagte mir mein Kunde Macallan: ,Der in den alten Fässern lagernde Whisky wird immer weniger! Wie können wir trotzdem die Preise hochhalten?' Die Idee war: Abfüllung in Kristall anstatt in Glas, um die Wertigkeit zu erhöhen. Gut, dass ich die Kristall-Produktion besaß. 2003 befüllten wir die erste Flasche. Sie kostete 5000 Dollar.“ Heute füllt er Whisky in Kristall; die Flasche ist ein Sammlerobjekt und kostet bis zu 70.000 Euro.

So wichtig wie Mut und Geschäftssinn ist Passion. Denz begeistert sich für Architektur und Kunst. Er kooperiert mit dem Musiker Elton John, dem Maler Damien Hirst, dem Lichtkünstler James Turrell, arbeitete mit der Architektin Zaha Hadid oder dem Bildhauer Anish Kapoor. Denz in seiner zielstrebig-diskreten Art kriegt sie alle. Man glaubt ihm aufs Wort, wenn er sagt: „Bis ich 24 Jahre alt war habe ich gearbeitet. Seit 40 Jahren tue ich, was mir Freude macht. Ich arbeite ohne die üblichen Zwänge.“ Die Welt zu einem ästhetischeren Ort zu machen – das könnte ein Motto für Silvio Denz sein. Wir verlassen Wingen. Bei Schwindratzheim entscheiden wir uns gegen Paris und kehren um. Man kann es im Vogesen-Vorland gut ein paar Tage aushalten.

Frankreich

Anreise
Wingen-sur-Moder liegt an der Bahnlinie Straßburg – Saarbrücken; vom Bahnhof sind es zwei Kilometer bis zum Ziel, www.thetrainline.com.

Unterkunft
Kategorie Luxus: Die Villa René Lalique, Relais & Châteaux, ist ein Fünf-Sterne-Hotel. René Lalique, Schmuck-und Glaskünstler des Jugendstils und Art déco, hat die Villa 1920 kreiert. Der Rückzugsort im Herzen der Elsässer Natur ist auch heute noch vom Geist des visionären Künstlers beseelt. Sechs exklusive Suiten, zum Preis ab 490 Euro, sind von einem Originalentwurf des Avantgarde-Künstlers inspiriert, www.villarenelalique.com.
La Paulusmühle in Soucht ist ein Maison d'hôtes de charme, eine ganz besondere Privatunterkunft, geräumig, stilvoll und so abgelegen, dass man kaum zufällig drauf stößt. Auch für Familien! Doppelzimmer ab 185 Euro, www.paulusmuhle.com/fr.

Essen & Trinken
Zum Hotel Villa René Lalique gehört ein gehobenes Restaurant. Paul Stradner steht für intensiv-farbenfrohe Gourmet-Küche, Chef Pâtissier Jonathan Bunel für süße französische Kreationen mit zeitgenössischen Einflüssen, und Chefsommelier Romain Iltis hält 60.000 Flaschen bereit. Das Restaurant ist von Architekt Mario Botta konzipiert und harmonisch in die Natur eingebettet. Sechs-Gänge-Menü 240 Euro, acht Gänge 270 Euro. Alle Gerichte auch à la carte,
https://villarenelalique.com/de/gastronomie/
gourmetrestaurant-elsass.html.
Das Restaurant Au Wingenerhof in Wingen bietet traditionell elsässische Küche zu fairen Preisen. Neben Klassikern wie Flammkuchen, Sauerkraut mit Fisch und Froschschenkeln gibt es auch Vegetarisches und vegane Burger, www.hotel-restaurant-auwingenerhof.de.

Aktivitäten
Museum Lalique, Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag von 10 bis 18 Uhr. Eintritt 8 Euro, ermäßigt 4 Euro, www.musee-lalique.com/de.
Im Internationalen Zentrum für Glaskunst in Meisenthal gibt es neben dem Erbe der Glaskunst auch weitere zeitgenössische Kunstwerke zu sehen, https://pro.visit.alsace/de/les-etoiles-terrestres-2.

Allgemein
Frankreich Tourismus, www.atout-france.fr.

Info

Dieser Artikel stammt aus der RHEINPFALZ am SONNTAG, der Wochenzeitung der RHEINPFALZ. Digital lesen Sie die vollständige Ausgabe bereits samstags im E-Paper in der RHEINPFALZ-App (Android, iOS). Sonntags ab 5 Uhr erhalten Sie dort eine aktualisierte Version mit den Nachrichten vom Samstag aus der Pfalz, Deutschland und der Welt sowie besonders ausführlich vom Sport.

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