Tier und Mensch RHEINPFALZ Plus Artikel Exotische Schildkröten: Aussetzen mit Folgen

Falsche Landkarten-Höckerschildkröte
Falsche Landkarten-Höckerschildkröte

Invasive Tierarten sind nicht immer gern gesehen. Vor allem dann nicht, wenn sie den heimischen Arten das Leben schwer machen. Zwei fremde Reptilienarten fühlen sich in der Region besonders wohl, sind aber vielen Menschen unbekannt. Warum Reptilienbesitzer besonders aufpassen sollten.

Bis vor einigen Jahren war die Europäische Sumpfschildkröte (Emys orbicularis) die einzige wild vorkommende Schildkrötenart in Deutschland. Inzwischen sind drei weitere exotische Arten dazugekommen – was Auswirkungen auf die Bestände der in vielen europäischen Ländern unter strengem Naturschutz stehenden heimischen Art haben kann.

Gewöhnliche Schmuckschildkröte
Gewöhnliche Schmuckschildkröte

Invasive Tierarten verursachen weltweit hohe wirtschaftliche Schäden – und sind mitverantwortlich für das fortschreitende weltweite Artensterben. Auch exotische Reptilien geraten in Deutschland regelmäßig in die Natur – am häufigsten, weil sie von ihren Besitzern ausgesetzt werden.

Ausgebüxte Haustiere

„Die Nordamerikanische Buchstaben-Schmuckschildkröte (Trachemys scripta) wurde in den 1980er- und 1990er-Jahren in großer Zahl als Haustier in die Europäische Union eingeführt“, berichten Experten der Universität Freiburg. Populär waren die beiden Unterarten Gelbwangen- und Rotwangen-Schmuckschildkröte. Weltweit wurde sie so zu der meistverbreiteten und schädlichsten invasiven Reptilienart. Vor 26 Jahren wurde der Import von der EU verboten, vor sieben Jahren auch der Verkauf hier geschlüpfter Tiere untersagt.

Europäische Sumpfschildkröte
Europäische Sumpfschildkröte

Der Tierhandel ersetzte die Art kurzerhand durch andere Süßwasser-Schildkröten wie die Gewöhnliche Schmuckschildkröte (Pseudemys concinna) und die Falsche Landkarten-Höckerschildkröte (Graptemys pseudographica), die ebenfalls aus Nordamerika stammen.

Die drei nicht-heimischen Schildkrötenarten pflanzen sich inzwischen selbstständig in Deutschland fort, wie der Umweltwissenschaftler Benno Tietz und der Biologe Johannes Penner von der Universität Freiburg sowie Melita Vamberger von den Senckenberg Naturhistorischen Sammlungen Dresden jetzt zum ersten Mal für Baden-Württemberg nachweisen konnten.

Erste Vermehrung

Ihre Untersuchungen und genetischen Analysen von insgesamt knapp 200 wild lebenden Tieren verschiedenen Alters aus Seen in Freiburg und Kehl legen nahe, dass sich die Schildkröten im neuen Lebensraum etabliert haben und dort zu einer Gefahr für das Ökosystem werden könnten.

„Für zwei Arten ist das der erste Nachweis einer selbstständigen Vermehrung außerhalb ihres natürlichen Verbreitungsgebietes und für die dritte Art der nördlichste Nachweis bisher“, erklärt Johannes Penner. „Sie sind in Baden-Württemberg heimisch geworden. Das ist der erste Nachweis erfolgreicher Fortpflanzung nicht heimischer Schildkrötenarten in Deutschland“, resümiert Melita Vamberger.

„Erfolgreiche Fortpflanzung und sich selbst erhaltende Populationen der Nordamerikanischen Buchstaben-Schmuckschildkröte waren in Europa bisher nur aus den Mittelmeerregionen und der kontinentalen Klimazone Sloweniens bekannt“, berichtet Benno Tietz. Bis vor Kurzem sei man davon ausgegangen, dass sich diese Schildkröten in Mitteleuropa insbesondere wegen des kühleren Klimas nicht vermehren könnten. „Gerade die Falsche Landkarten-Höckerschildkröte ist eigentlich eher kälteempfindlich“, so Tietz.

Wiederansiedlung gefährdet

Für die einheimische Art könnten die invasiven Artgenossen zum Problem werden. Die Europäische Sumpfschildkröte lebt in Deutschland nur noch in Teilen von Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern. Darüber hinaus laufen in verschiedenen Bundesländern Wiederansiedlungsprojekte. In der Pfalz wurde 2008 unter Federführung des Experten Walter Gramlich vom Nabu Heidewald aus Birkenheide (Rhein-Pfalz-Kreis) im Bobenheim-Roxheimer Altrheinarmgebiet mit der Auswilderung von Tieren begonnen. Inzwischen gibt es gut 200 Exemplare des mitteleuropäischen Haplotyps IIA.

„Wir haben hier mit drei bis vier Arten eine große Dichte an nicht-heimischen Wasserschildkröten“, sagt Projektleiter Walter Gramlich. Vor zehn Jahren wurde im Umfeld des Altrheins auf einem Feld sogar eine 15 Kilo schwere Schnappschildkröte gefangen.

„Im Versuchsaufbau kam es bei Europäischen Sumpfschildkröten, die gemeinsam mit der Buchstaben-Schmuckschildkröte gehalten wurden, zu Gewichtsverlust und einer hohen Sterblichkeit“, berichtet Johannes Penner. Als wahrscheinlichste Erklärung dafür führt er an, dass die größeren gebietsfremden Arten die kleinere einheimische von den Sonnenplätzen verdrängen, sodass diese unter einer suboptimalen Thermoregulation leidet. „Möglicherweise haben sie auch Vorteile beim Nahrungserwerb“, so Penner.

Viren und Parasiten

Als Wirte von Viren und Parasiten können sie eine Rolle beim Übertragen von Krankheiten spielen. Durch ihr Fressverhalten könnten sie auch einen potenziell schädlichen Einfluss auf Fische, Amphibien und Wasserpflanzen haben, vermuten die Wissenschaftler.

Auf der anderen Seite geben die Forschenden in ihrer Studie zu bedenken, dass die nicht-heimischen Arten möglicherweise auch Leistungen in geschädigten Ökosystemen übernehmen könnten, die ohne sie fehlen würden. Solche Fragen müssten dringend weiter erforscht werden, sagt Melita Vamberger. Sie fordert: „Gleichzeitig brauchen wir eine breite Aufklärung der Bevölkerung, damit künftig keine Tiere – egal welcher Art – mehr ausgesetzt werden.“ Auch eigenständig können sie sich auf den Weg machen: Wasserschildkröten sind Kletterkünstler. Ihre Gehege seien unbedingt ausbruchssicher zu gestalten, rät Gramlich.

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