Gesundheit RHEINPFALZ Plus Artikel Von Rizinusöl bis Wehentropf: Wege zur Geburtseinleitung

Ab der 41. Schwangerschaftswoche werden schwangere Frauen alle paar Tage von einem Arzt oder einer Hebamme untersucht, um möglic
Ab der 41. Schwangerschaftswoche werden schwangere Frauen alle paar Tage von einem Arzt oder einer Hebamme untersucht, um mögliche Risiken zu erkennen. Sind Frauen zehn Tage über dem errechneten Geburtstermin, sollte ihnen eine Einleitung empfohlen werden.

Bei vielen Schwangeren startet die Geburt ein paar Tage nach dem errechneten Termin. In seltenen Fällen muss sie eingeleitet werden. Ein Überblick über verschiedene Methoden.

Der Geburtstermin ist seit Tagen überschritten, die Wiege aber noch leer. Immer wieder schleppt man sich mit Kugelbauch in die Frauenarztpraxis, während sich daheim besorgte Anrufe aus der Verwandtschaft häufen. Jedes Mal lautet die Antwort: Nein, alles ruhig. Das lange Warten auf den großen Tag kann quälend sein. In einer solchen Situation sehnen sich viele Frauen nach einer schnellen, unkomplizierten Geburtseinleitung. Doch das ist nicht so einfach: Gerade effektive Methoden bergen auch Risiken.

Terminüberschreitung häufigster Grund

„Eine Terminüberschreitung ist der häufigste Grund für eine Geburtseinleitung“, sagt die Stuttgarter Hebamme Monika Schmid vom Hebammenlandesverband Baden-Württemberg. Um Risiken früh zu erkennen, werden Frauen ab der 41. Schwangerschaftswoche von der Hebamme oder dem Arzt alle paar Tage untersucht. Denkbar ist beispielsweise, dass das Baby nicht mehr gut über die Plazenta versorgt wird und Infektionen auftreten. Sind Frauen zehn Tage über dem errechneten Geburtstermin, soll ihnen laut ärztlicher Leitlinie eine Einleitung empfohlen werden.

„Alle sind auf den errechneten Geburtstermin fixiert. Dabei werden gerade mal vier von 100 Kindern genau an diesem Tag geboren“, sagt Schmid. Bei der Berechnung des Termins kann es Ungenauigkeiten geben – unter anderem dann, wenn ein Zyklus von 28 Tagen vorausgesetzt wird, eine Frau aber einen längeren Rhythmus hat.

„Oft ist der Termin gar nicht so stark überschritten, wie es den Anschein hat“, gibt die Hebamme zu bedenken. Abgesehen davon entwickeln sich Babys im Mutterleib unterschiedlich. „Das ist wie bei Äpfeln am Baum: Es sind nicht alle gleichzeitig reif“, erläutert sie. „Wichtig ist, dass eine Frau bei einer Terminüberschreitung gut betreut wird. Wie man am besten vorgeht, ist nämlich sehr individuell“, so Schmid.

Kuscheln, warme Bäder und Spaziergänge sind förderlich

Grundsätzlich empfehlenswert ist alles, was der Schwangeren guttut, wie die Hebamme erklärt. Entspannung, warme Bäder, Musik hören, singen, Spaziergänge, kuscheln – all das fördert das Wohlbefinden und die Ausschüttung des Hormons Oxytocin, das Wehen fördern kann. Auch Geschlechtsverkehr gilt als natürlicher Auslöser: Man nimmt an, dass das im Sperma des Mannes enthaltene Prostaglandin den Muttermund weicher macht.

Außerdem gibt es eine ganze Liste weiterer Mittel, um die Geburt anzustoßen – angefangen von Akupunktur, Eisenkraut-Gewürz-Tees, Nelkenöltampons über Bauchmassagen mit wehenfördernden Ölen bis hin zur Brustwarzenstimulation. Schmid rät aber davon ab, mit derlei Mitteln zu experimentieren, da auch Heilkräuter und Co. Risiken haben.

Das gilt insbesondere für den traditionellen „Wehencocktail“ aus Rizinusöl, Aprikosensaft und Mandelmus. Das Öl aktiviert Rezeptoren im Darm und in der Gebärmuttermuskulatur, sodass es abführend und Wehen auslösend wirkt. „Das Mittel kann heftige Wehenstürme bewirken. Deshalb sollte man den Cocktail auf keinen Fall auf eigene Faust nehmen“, warnt die Hebamme. Zu starke und häufige Kontraktionen sind für Mutter und Kind ein Risiko.

Öl-Cocktail als Alternative zu Medikamenten

Dass der Trunk wirkt, zeigt eine randomisierte, doppelblinde Studie am Klinikum Stuttgart. Dabei nahmen 149 Frauen zur Geburtseinleitung einen Cocktail mit Öl ein – ob es sich um Rizinus- oder Sonnenblumenöl handelte, wussten weder sie noch die Hebammen. „Bei 62 Prozent der Frauen, die Rizinusöl bekommen hatten, begann bald die Geburt“, berichtet die Hebamme und Studienautorin Karin Schmidt, die die Ergebnisse in ihrer noch unveröffentlichten Dissertation zusammengefasst hat. In der Sonnenblumenöl-Gruppe waren es nur 18 Prozent.

Zudem erwies sich Rizinusöl als weitgehend sicher: Es führte nicht zu mehr Wehenstürmen als andere Einleitungsmethoden. „Gerade für Frauen, die stark über dem Termin sind, bei denen aber alles in Ordnung ist, ist Rizinusöl eine gute Alternative zur medikamentösen Einleitung“, sagt Schmidt.

Die Arbeit trägt dazu bei, die schlechte Datenlage bei nicht-medikamentösen Verfahren zur Geburtseinleitung zu verbessern. Das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitsweisen (IQWiG) hat im Mai 2025 die mangelnde Evidenz in diesem Bereich bemängelt. Forscher des Instituts, die Daten zum Rizinuscocktail und sechs weiteren gängigen nicht-medikamentösen Verfahren ausgewertet hatten, machten vor diesem Hintergrund auch keine Aussagen zu deren Vor- und Nachteilen. Wenn Dringlichkeit geboten sei, seien diese Methoden daher keine gute Alternative zur medikamentösen Einleitung, heißt es im IQWiG-Bericht.

Manchmal ist es aus medizinischer Sicht nämlich klar, dass man nicht lange warten kann: etwa, wenn die Fruchtblase geplatzt ist, eine hochschwangere Frau starken Bluthochdruck hat und Auffälligkeiten beim Kind festgestellt wurden. Ist der Muttermund noch unreif, wird die Geburt meist mit Prostaglandinen angestoßen, die entweder eingenommen oder als Gel, Tablette oder Tampon in die Vagina gelegt werden. „Prostaglandine können dazu führen, dass auch mal übermäßig Wehen ausgelöst werden“, sagt Sven Kehl, Professor für Geburtshilfe und Perinatalmedizin an der LMU München. „Dann würde man das Mittel – wenn möglich – wieder entfernen oder kurzzeitig einen Wehenhemmer geben“, erklärt er.

Prostaglandine: Gut untersuchtes Verfahren

Durch Medienberichte über schwere Nebenwirkungen ist Prostaglandin zum Einnehmen, nämlich der Wirkstoff Misoprostol, in die Kritik geraten. Kehl allerdings hält das Mittel für sehr effektiv und sicher. „Es gibt nichts, was als Einleitungsverfahren besser untersucht ist“, sagt er. Dort, wo es Komplikationen gab, müsse man genau hinschauen. „Meist war das Problem nicht die Geburtseinleitung, sondern das Management danach“, berichtet der Professor. So kann es etwa vorkommen, dass Geburtshelfer nicht richtig auf einen Wehensturm reagieren.

„Wehentropf“ mit Oxytocin lässt sich gut steuern

Ist der Muttermund schon weich, kann eine Infusion mit Oxytocin helfen, Wehen zu erzeugen oder zu verstärken. Vorteil ist, dass sich der „Wehentropf“ gut steuern lässt – nach Bedarf kann man die Dosis erhöhen oder ihn wieder abstellen. Dadurch ist die Gefahr einer Überdosierung geringer als bei anderen Medikamenten. „Wenn der Gebärmutterhals sehr reif und der Muttermund vielleicht sogar schon etwas geöffnet ist, dann ist das eine gute Alternative“, sagt Kehl, der auch Koordinator der ärztlichen Leitlinie Geburtseinleitung ist. Alternativ gibt es mechanische Methoden wie den Ballonkatheter: Ein kleiner Schlauch mit einem Doppelballon wird in die Vagina eingeführt, durch den Gebärmutterhals geschoben und übt Druck auf diesen aus. „Dadurch werden natürliche Hormone freigesetzt“, erläutert Kehl. „Das hat den riesigen Vorteil, dass es zu keiner Überstimulation kommt. Der Nachteil ist, dass allein dadurch wenige Frauen unter Geburt kommen“, so der Mediziner.

Beim Thema Einleitung hat die Frau das letzte Wort

Ähnliches gilt für die sogenannte Eipollösung, die ebenfalls die Ausschüttung körpereigener Prostaglandine anregt. Dabei führen der Arzt oder die Hebamme ein oder zwei Finger in den Gebärmutterhals ein und lösen vorsichtig die äußere Fruchtblasenhülle von der Gebärmutterwand. Eine sogenannte Cochrane-Analyse stufte die Methode als wirksam ein, bemängelte aber die Qualität der Studien dazu.

Welche Methode geeignet ist, hängt von vielen Faktoren ab, etwa Alter und Vorerkrankungen der Mutter sowie Größe des Kindes. „Das muss man sehr individuell handhaben“, sagt Kehl. Je besser ein Verfahren zur Situation passt, umso sicherer ist es. Letztlich hat die Frau das letzte Wort, ob, wann und wie eine Geburt eingeleitet wird. Deshalb ist es sinnvoll, sich gut über alle Optionen zu informieren, wenn das Baby überfällig ist. Vielleicht hilft auch erst mal abwarten, Tee trinken, Füße hochlegen und nicht ans Telefon gehen.

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