Gesundheit RHEINPFALZ Plus Artikel Diagnose Krebs: Sportliche Aktivitäten erhöhen guten Heilungsverlauf

MiteinanderBessere Chancen auf Heilung: Das Foto zeigt Teilnehmerinnen eines Sportkurses für Krebspatienten im Agaplesion Markus
MiteinanderBessere Chancen auf Heilung: Das Foto zeigt Teilnehmerinnen eines Sportkurses für Krebspatienten im Agaplesion Markus Krankenhaus in Frankfurt/Main.

Früher galt: Wer Krebs hat, muss sich schonen. Das ist heute nicht mehr so. Belegen doch etliche Studien, dass Sport gerade dann wichtig ist.

Die Devise nach einer Krebsdiagnose sollte lauten: Aktiv werden, Sport machen! Aktuelle Studien und Forschungsergebnisse zeigen eindeutig, dass begleitender Sport bei einer Krebserkrankung die Heilung unterstützen kann. „Grundsätzlich gilt es nach einer Krebsdiagnose einen kühlen Kopf zu bewahren. Selbstverständlich sind die meisten Patienten zunächst mit ihrer Diagnose überfordert, oftmals geht diese zusätzlich mit einem bürokratischen Aufwand einher. Da gerät Sport leicht in den Hintergrund. Trotzdem gilt: Körperliche Aktivität und sogar körperliches Training ist förderlich“, sagt Dr. Moritz Schumann von der Deutschen Sporthochschule Köln, der dort am Institut für Kreislaufforschung und Sportmedizin arbeitet.

Nach der Diagnose überwiegen häufig Ängste und Unsicherheit, Erkrankte können eine Depression entwickeln. Mehr als die Hälfte aller Krebserkrankten leidet unter Erschöpfung und starker Müdigkeit – der Fachbegriff dafür ist „Fatigue-Syndrom“. Doch genau jetzt ist Sport extrem hilfreich. Professor Dr. Karen Steindorf leitet die Abteilung „Bewegung, Präventionsforschung und Krebs“ am Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg und plädiert ebenfalls für Sport und Bewegung während einer Krebstherapie. „Sport ist eine hochwirksame Begleittherapie, die Nebenwirkungen der Krebstherapie lindert und die Lebensqualität der Patienten steigert. Die Zahlen sind beeindruckend, Brust- und Darmkrebspatienten haben eine 25 Prozent höhere Chance zu überleben, wenn sie sich sportlich betätigen“, sagt Steindorf.

Fitte Patienten kommen besser durch Therapie

In jüngerer Zeit hat sich die Denkweise in Bezug auf körperliche Betätigung während einer Krebstherapie geändert, Sport hat in der aktuellen Krebsforschung einen hohen Stellenwert bekommen. Grund: Sportliche Aktivitäten wirken sich in fast allen körperlichen Bereichen positiv aus. Experimente an Mäusen haben gezeigt, dass über die Muskeln – die massenmäßig das größte Organ im Körper darstellen – hochaktive Substanzen freigesetzt werden, die Entzündungsprozesse hemmen. Zudem weisen Versuche an Tieren darauf hin, dass durch regelmäßiges Training das Tumorwachstum gehemmt oder zumindest verlangsamt wird. „Finale Untersuchungen in Humanstudien stehen allerdings noch aus. Nachgewiesen sind aber beispielsweise positive Effekte auf das Immunsystem, die sich längerfristig auf das Tumorwachstum auswirken können“, sagt auch Moritz Schumann.

Und: „Wir wissen, dass fitte Patienten grundsätzlich besser durch die Therapie kommen. Denn oftmals führen diese zu Muskelschwund, weshalb mehr Muskelmasse zu Beginn der Therapie dementsprechend förderlich ist. Es gibt mittlerweile auch Studien, die sich mit der Prähabilitation beschäftigen. Das heißt, körperliches Training beginnt bereits vor einer Operation – zum Beispiel Beckenbodentraining vor der Entfernung der Prostata. Diese Patienten leiden danach signifikant weniger unter Harninkontinenz“, erzählt Schumann.

Auch soziale Kontakte helfen

Sport und sportliche Aktivitäten seien zudem eine der wenigen Optionen, die gegen die anhaltende Müdigkeit, Erschöpfung und Antriebslosigkeit, also gegen das „Fatigue-Syndrom“, helfe. „Die Betroffenen erzählen, dass der Sport ihnen wieder Selbstvertrauen in den eigenen Körper gibt, Schlafstörungen lindert und das eigene Selbstbild verbessert. Die Patienten können der Krankheit aktiv entgegenwirken und gehen raus aus einer Passivität“, erläutert Steindorf.

Auf spezielle „Krebssportgruppen“ haben viele Erkrankte keine Lust – aus Angst vor einer Stigmatisierung. Trotzdem sei es hilfreich, feste Termine zu haben, andere Menschen zu treffen, sich mit ihnen auszutauschen und nebenbei Sport zu treiben, betont Steindorf. Allerdings sei in manchen Studien dann nicht klar zu erkennen, ob die positiven Effekte allein durch das körperliche Training oder nicht auch durch die Zuwendung herbeigeführt werden.

Vor dem Training Fachmann fragen

Sogar unsportliche Menschen können nach einer Krebsdiagnose mit Sport beginnen. Vor einem intensiven Training sollte sich der Patient jedoch professionelle Hilfe holen und ein Arzt grünes Licht geben. Ist es das Ziel, während der Therapie das Immunsystem zu stärken, empfehlen die Wissenschaftler der Deutschen Sporthochschule Köln eher Ausdauertraining, soll die Muskelmasse aufgebaut beziehungsweise erhalten werden, empfiehlt sich Krafttraining. „Die Studien zur Wirkung von Muskeln bei der Bekämpfung der Krebszellen zeigen, dass es sinnvoll ist, diese aktiv zu trainieren“, sagt Steindorf. Grundsätzlich könnten beide Methoden ausgewogen kombiniert werden.

Leichtes Joggen und Walken an zwei bis drei Tagen in der Woche sei als unbedenklich einzustufen, allerdings empfehle sich vor Trainingsbeginn eine individuelle Beratung mit einem qualifizierten Trainer. „Bewegen kann man sich immer alleine, für spezielles Training sollte man sich je nach Stadium und Art der Erkrankung und Therapie allerdings Rat und Hilfe holen“, sagt Schumann. Auch Spaziergänge oder Gartenarbeit wirken sich positiv auf die Psyche und psychische Verfassung aus.

Bewusst auf den eigenen Körper hören

Es gibt aber auch Gründe, die gegen Sport sprechen: Zum einen muss die Wundheilung nach Operationen abgeschlossen sein, und bei schweren Anämien, also bei Blutarmut, sei Sport prinzipiell nicht zu empfehlen. Außerdem hätten Patienten mit Knochenmetastasen ein erhöhtes Risiko, sich Brüche zuzuziehen, zählt Steindorf auf. „Für Krebspatienten gilt, was für alle gilt: Bei Fieber, Schmerzen, Übelkeit und Schwindel sollte auf Sport verzichtet werden. “

Generell sollte der Patient bewusst auf seinen Körper hören. „Bei Chemopatienten sehen wir häufig, dass ein bis zwei Tage nach der Medikamentengabe quasi kein Training möglich ist. Das ist auch kein Problem – hier verfolgen wir oftmals Periodisierungskonzepte. Trainiert wird nur, wenn der Patient sich entsprechend fühlt, ansonsten wird ausgesetzt. In ähnlicher Weise kann man auch die Intensität anpassen“, erzählt Schumann.

Körperliche Fitness wohl auch präventive Wirkung

Bei stationären Aufenthalten halten einige Krankenhäuser mittlerweile bereits Sportangebote vor, Vorreiter sind die Kliniken in Heidelberg und Köln. Aber: „Auch wenn sich das Wissen über die Effekte von körperlichem Training für Krebspatienten in jüngerer Zeit stetig verbessert hat, gibt es bezüglich der Routineversorgung in Deutschland leider noch einiges zu tun“, sagt Schumann. Und auch die finanzielle Unterstützung für Krebskranke sei noch ausbaufähig. „Vereinzelt gibt es lokale Angebote, die direkt von den Kassen übernommen werden oder kostenlos sind. Ärzte können den klassischen Rehasport am Gerät verschreiben. Damit kann man sich dann in entsprechenden Praxen oder Studios Hilfe holen“, erläutert Schumann.

Forscher der Sporthochschule Köln und vom Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg gehen davon aus, dass körperliche Fitness sich auch präventiv auf die Krebsentstehung auswirken kann. Auch das Thema Übergewicht spiele eine Rolle – wer sich mehr bewegt, bringt in der Regel weniger Kilos auf die Waage und senke so sein Krebsrisiko, sagt Steindorf. Sie gibt den Tipp, die Bewegung in den Alltag zu integrieren und zum Beispiel mit dem Fahrrad zur Arbeit zu fahren. Denn: Auch nach einer Krebstherapie sollte der Patient in Bewegung bleiben, körperliche Aktivität nach einer Tumorerkrankung reduziert die Gefahr eines Rückfalls und erhöht die Wahrscheinlichkeit einer dauerhaften Heilung.

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