Elsass
Warum Yasmina Khouaidjia in ihrem Straßburger Weinladen auf alkoholfrei setzt
Wer von Yasmina Khouaidjia wissen will, wie es zu der Idee für ihren Laden mit Weinen ohne Alkohol gekommen ist, versteht schnell, dass sich gerade etwas zu verändern beginnt in der Gesellschaft. Auch in der französischen Gesellschaft, im Land des Weins schlechthin, wo Essen und Trinken nicht einfach Nahrungsaufnahme, sondern gelebte Kultur sind. Wo zu einem besonderen Anlass mit einer Flasche teurem Champagner angestoßen wird. Ein Leben ohne Alkohol: undenkbar.
Die Ladenbesitzerin hat sich neu erfunden
Yasmina Khouaidjia hat mit der Pandemie begonnen, diese Selbstverständlichkeiten in Frage zu stellen. Wein und anderer Alkohol seien in Frankreich einfach ein wichtiger Bestandteil des sozialen Lebens, sagt sie. 2023 machte sie sich auf, alkoholfreie Weine selbst zu entdecken. Nach einer Laufbahn als Juristin bei einer Bank, danach im Beraterstab des damaligen Präsidenten der Eurometropole Straßburg, mehreren Ausstellungsprojekten mit zeitgenössischer Kunst und einem Job in der regionalen Innovationsagentur war es für Khouaidjia, heute Anfang 50, auch beruflich an der Zeit, sich neu zu erfinden.
Viele repräsentative Anlässe, viel Alkohol im Angebot – das sei auch Teil ihres Berufsalltags gewesen. „Mir wurde bewusst, wie sehr der Konsum von Alkohol normalisiert, wie stark der gesellschaftliche Druck ist“, sagt Khouaidjia. Beim Tabak steht der Staat inzwischen auf der Seite der strikten Gegner. Beim Wein hingegen, sagt sie, werde immer noch für einen Konsum mit Maß geworben. „Dabei sind auch geringe Mengen nicht gesund.“
Kurzum vertiefte sie sich in eine mehrmonatige Recherche, nicht nur zu den gesundheitlichen Risiken. Sie besuchte Winzer, Hersteller, Fachmessen und stellte fest, dass andere Länder, die USA, Kanada, Deutschland bei der Herstellung von Wein ohne Alkohol zehn Jahre Vorsprung hatten.
Le Cactus de Barnabé, Khouaidjias Weingeschäft in der Straßburger Altstadt, benannt nach dem Saft der Kaktusfeige, der das Immunsystem stärkt, erinnert ästhetisch auch ein bisschen an eine schicke Boutique oder eine Parfümerie. Khouaidjia hat selbst die soziale Macht einer eleganten Flasche mit einem richtig schönen Etikett kennengelernt, wenn man sie zu einem Essen mit Freunden mitbringt. Statt belächelt zu werden, begegnet man anerkennendem Interesse. „Das Beste ist“, erzählt sie, „ich habe eine Stammkundschaft, deren Geschmack ich inzwischen kenne, die sich zu einem konkreten Gericht oder Dessert beraten lässt.“
Yasmina Khouaidjia liebt das, passgenau empfehlen. Die Gespräche hier gleichen denen bei einem klassischen Weinhändler. Auch hier dreht sich die Beratung um Rebsorten, Vinifizierung, Ausbau, Aromen.
Manchen, der über ihre Schwelle tritt, muss sie vielleicht überzeugen. Meist sind da jedoch große Neugier und Faszination, vor allem dann, wenn die ersten Tropfen verkostet wurden. Während unseres Besuches betreten ein Paar auf der Suche nach einem Geschenk und eine schwangere Kundin mit anspruchsvollem Geschmack (das wird gleich zu Anfang des Gesprächs deutlich) den Laden. Khouaidjia schlägt verschiedene Optionen vor. Die Kundin entscheidet sich für eine wohl sehr überzeugende Alternative zu Aperol, dazu für einen alkoholfreien Sekt, für einen Gin, probiert Cabernet-Sauvignon und einen Merlot aus der Pfalz vom Weingut Nett in Duttweiler (das Yasmina Khouaidjia besonders schätzt). Außerdem für eine ausdrucksstarke Komposition auf Basis von Rote Beete, Heidelbeere, Thymian und schwarzem Pfeffer – ohne Alkohol.
Alkoholfrei ist eine völlig neue Geschichte
Es geht hier nie um einen Notbehelf. Wer sich unter den 300 Referenzen im Laden, darunter auch alkoholfreie Biere und Sirupe, umsieht, kann sich nicht nur auf eine sachkundig getroffene Vorauswahl verlassen, im Preisniveau einem soliden Weingeschäft ebenbürtig. Wer beispielsweise aus gesundheitlichen Gründen auf Alkohol verzichte, sagt Khouaidjia, wolle nicht weniger Geschmack. Das hat sie bei sich selbst erlebt, das erfährt sie im Gespräch mit ihren Kundinnen und Kunden. Auch ein Merlot, Cabernet-Sauvignon, Sauvignon Blanc oder Chardonnay, dem nach einer klassischen Vinifizierung der Alkohol entzogen wurde, soll durch Charakter überzeugen. Das gilt erst recht für Kompositionen aus fermentierten Tees, die ein dänischer Hersteller für und mit Sterneköchinnen und -Köchen entwickelt hat. Ohne Alkohol ist einfach eine neue Geschichte, nicht das Ende des Genusses.
Adresse
Le Cactus de Barnabé, 10 Place Saint-Etienne, Strasbourg