Fitmacher
Dehnen: Sich recken und strecken
Seit Jahrzehnten wird in Fachkreisen darüber gestritten, ob Dehnen vor und auch nach dem Sport Sinn macht oder nicht. Dabei geht es insbesondere um Fragen wie die, ob Dehnen vor Verletzungen schützen kann beziehungsweise ob es bei der Regeneration hilft. Wer im Internet nach Informationen übers Dehnen sucht, stößt auf die unterschiedlichsten Meinungen.
Begründet liegt diese Uneindeutigkeit laut Stephan Geisler, Professor für Fitness und Gesundheit an der IST-Hochschule in Düsseldorf, darin, dass jede Situation ihrer individuellen Betrachtung bedarf. So gibt es beispielsweise Sportarten, bei denen intensives Dehnen absolut Sinn mache, bei anderen dagegen nicht. Geisler nennt zwei Beispiele: Einmal Karate oder auch Turnen, zwei Sportarten, bei denen die Aktiven eine vergrößerte Beweglichkeit benötigen, wie der Sportwissenschaftler das nennt. Da mache ausgiebiges Dehnen vor dem Training oder dem Wettkampf absolut Sinn. Anders sehe das etwa beim Joggen aus. Weil es hier keiner vergrößerten Beweglichkeit bedürfe, sei ausgiebiges Dehnen nicht vonnöten. Dabei darf Dehnen allerdings nicht mit Auf- beziehungsweise Abwärmen verwechselt werden.
Ältere Menschen sollten sich dehnen
Und so wie Dehnen beim Sport hilft, bereits kurzfristig mehr Beweglichkeit zu erlangen, hilft Dehnen laut Geisler auch im Alltag, beweglich und stabil zu bleiben oder zu werden und Verspannungen zu lösen. Schließlich sei das Dehnen eine „urnatürliche Bewegung von Mensch und Tieren“, sagt Geisler. In Videos, die im Internet zu finden sind, zeigt der Fitness-Professor, wie er dort genannt wird, auch schon mal selbst die eine oder andere Dehnübung, die im Alltag helfen soll, Verspannungen loszuwerden.
Dem stimmt auch der Wuppertaler Sportmediziner Jürgen Freiwald zu. Freiwald hat das Buch „Optimales Dehnen“ verfasst, das allerdings eher für Sport-Fachleute wie Trainer, Übungsleiter oder Sportlehrer gedacht ist. Auch er hält Dehnen für ein probates Mittel, um die eigene Beweglichkeit und Stabilität im Alltag zu fördern. Nicht zuletzt gelte das gerade auch für ältere Menschen. Außerdem könnten Dehnübungen helfen, mental zu entspannen, weshalb solche Übungen häufig auch beim Yoga angewandt würden.
Übungen finden sich zahlreich im Internet
Man muss kein Experte sein, um zu erkennen, welche Muskeln mit wenig Aufwand zwischendurch oder auch am Morgen nach dem Aufstehen gedehnt werden sollten. Man fühlt schließlich, an welchen Stellen man verkrampft ist, wo es schmerzt. Geisler nennt die üblichen Verdächtigen: Brust-, Schulter- und Nackenmuskulatur, den durch viel Sitzen häufig verkürzten Hüftbeuger oder auch die Beinbeugemuskulatur. Vier bis fünf Übungen täglich, auch mehrfach, helfen laut Geisler schon, um bei vielen der Probleme Abhilfe zu schaffen, sich besser zu fühlen und auf Dauer im wahrsten Wortsinn besser und stabiler dazustehen. Für eine Übung sollte man sich dabei etwa eine halbe bis eine Minute Zeit nehmen.
Wer nach passenden Übungen für sich sucht, der kann im Internet fündig werden. Spätestens seit dem Corona-Lockdown gibt es dort zahlreiche Videos zum Thema. Ob das jeweilige Angebot hilft, muss dann jeder für sich selbst herausfinden. Dabei kann auch jeder für sich ausprobieren, welche Dehn-Methode ihm am angenehmsten ist und vermeintlich am ehesten hilft. Die zwei für den Alltag relevanten Methoden sind das statische Dehnen, auch bekannt als Stretching, sowie das dynamische Dehnen. Beim Stretching wird eine Dehnposition die ganze Zeit über ruhend gehalten, beim dynamischen Dehnen werden die Bewegungen hingegen federnd und rhythmisch ausgeführt. In Fachkreisen werden auch diese unterschiedlichen Methoden kontrovers diskutiert.
Ob so oder so – bei den kleinen Alltagsübungen groß etwas schiefgehen kann laut Geisler nicht. „Dehnen schadet prinzipiell nicht“, sagt er. Und: „Sich zu dehnen ist besser, als nichts zu tun.“ So sieht es auch Jürgen Freiwald. „Zu viel oder falsches Dehnen nützt einfach nichts. Es schadet aber auch nicht groß“, meint dieser.