Gesundheit RHEINPFALZ Plus Artikel Antipsychotika: Nutzen und Risiken abwägen

Demenzpatienten, die ein Antipsychotikum einnehmen, haben mitunter ein erhöhtes Risiko für unterschiedlichste Krankheiten.
Demenzpatienten, die ein Antipsychotikum einnehmen, haben mitunter ein erhöhtes Risiko für unterschiedlichste Krankheiten.

In deutschen Pflegeheimen erhält ungefähr jeder zweite Bewohner mindestens einmal jährlich ein Antipsychotikum. Eine Studie zeigt, dass diese Verordnungspraxis Risiken für die Patienten birgt. Doch mitunter erhöhen die Medikamente die Lebensqualität der älteren Menschen.

Ein Forscherteam um Pearl Mok von der University of Manchester hat anhand der Krankendaten von knapp 174.000 Senioren analysiert, inwieweit sich die Gesundheit von Demenzpatienten, die ein Antipsychotikum einnehmen, von denen unterscheidet, die ohne ein solches Medikament leben. Dabei zeigte sich für die medikamentierte Gruppe ein teilweise stark erhöhtes Risiko für die unterschiedlichsten Krankheiten.

In den ersten 90 Tagen nach Therapiebeginn erlitten knapp 4,5 Prozent eine Lungenentzündung, mehr als zwei Mal so viele wie in der unbehandelten Kontrollgruppe. Bei den Knochenbrüchen erhöhte sich die Quote um knapp ein Fünftel und beim Schlaganfall um 80 Prozent. Aber auch bei Herzschwäche und akuten Nierenschäden sowie Verschlüssen und Gerinnseln im Gefäßsystem zeigten sich deutliche Anstiege.

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Nur als letztes Mittel bei Demenzpatienten zu erwägen

Studienleiterin Mok warnt deshalb, man müsse den potenziellen Nutzen der Antipsychotika sorgfältig gegen das Risiko einer schwerwiegenden Beeinträchtigung abwiegen. Richard Oakley von der englischen Alzheimer’s Society sieht sich durch die Studie in seiner Forderung bestätigt, dass man die Mittel nur noch als letztes Mittel in Betracht ziehen sollte, wenn es um die Behandlung von Demenzpatienten gehe: „Doch wir sehen hier nach wie vor eine Übermedikation“, sagt er. Eine Zeit lang in den Jahren vor Corona seien die Antipsychotika zwar seltener verordnet worden. „Doch in der Pandemie schnellten die Zahlen wieder in die Höhe“, so der Alzheimer-Experte. Wie ein internationales Forscherteam herausgefunden hat, gilt das auch für Deutschland.

Betroffene in der Regel bereits mehrfach erkrankt

Wissen also die Ärzte nichts von den Risiken der Antipsychotika? Wohl kaum. „Es ist schon länger bekannt, dass Antipsychotika gerade bei Demenzpatienten das Risiko für viele Krankheiten und auch die Mortalität erhöhen“, betont Kristina Friedland von der Johannes Gutenberg-Universität in Mainz. Es gebe bereits entsprechende Warnungen der Arzneimittelbehörden in Europa und in den USA, und die Fachgesellschaften mahnten zu einem zurückhaltenden Einsatz der Mittel. „Doch das wird oft noch nicht umgesetzt“, beklagt die Toxikologin und Pharmakologin.

Das auffallend breite Nebenwirkungsprofil der Antipsychotika erklärt sich einerseits daraus, dass sie im Fall der dementen Senioren von jemandem eingenommen werden, der in der Regel ohnehin schon mehrfach erkrankt ist. Andererseits wirken die Mittel selbst in den unterschiedlichsten Bereichen. So kann ihr beruhigender und schlaffördernder Effekt dazu führen, dass der Patient länger mit flacher Atmung im Bett liegt und seine Lungen schlechter belüftet und anfälliger für Infekte sowie Entzündungen werden. Die höhere Knochenbruchquote erklärt sich daraus, dass die Mittel das Gehen und Stehen beeinträchtigen und es häufiger zu Stürzen kommt. Zum Anstieg des Schlaganfallrisikos wird diskutiert, ob die Substanzen das Gefäßsystem direkt schädigen können.

Hilfreich bei Depressionen und Wahnvorstellungen

Nichtsdestoweniger betont Kristina Friedland, dass Antipsychotika durchaus eine Behandlungsoption bei Demenzpatienten seien. „Denn die zeigen ja meistens nicht nur kognitive, sondern auch viele andere Symptome“, sagt die Pharmakologin. Dazu zählten etwa Wahnvorstellungen, Depressionen, Aggressionen und Schlafstörungen. Viele hätten einen gestörten Tag-Nacht-Rhythmus und große Probleme beim Essen. All das erschwere den Umgang in der Pflege. „Und deswegen kommt der Wunsch nach den Medikamenten oft von Pflegekräften und Angehörigen“, so Friedland.

Das lässt den Verdacht aufkommen, dass Antipsychotika in erster Linie dazu eingesetzt werden, die Patienten ruhigzustellen. Doch Friedland betont, dass sie oft auch die Lebensqualität der Patienten steigerten: „Die wissenschaftliche Datenlage spricht dafür“, erklärt sie. Wenn ein Mensch von Wahnvorstellungen und Depressionen heimgesucht werde, erzeuge das bei ihm einen großen Leidensdruck. Mittels der Antipsychotika könne man da für Erleichterung sorgen, so Friedland.

Die dauerhafte und wiederholte Anwendung der Mittel empfindet sie jedoch als sehr problematisch. Nicht nur wegen der möglichen Nebenwirkungen, sondern auch, weil sie nicht zielführend sei. Denn die psychischen Symptome der Demenz schwankten teilweise stark. Ein aggressiver Patient etwa könne einige Tage später wieder lammfromm sein. Da ergebe eine lang andauernde Medikamentierung keinen Sinn, sagt die Pharmakologin.

Friedlands Wunsch: über die Notwendigkeit der Antipsychotika individuell abgestimmt auf den Patienten zu entscheiden. „Es gibt ja auch diverse nicht-pharmazeutische Maßnahmen, wie etwa Physio- oder Ergotherapie, deren Potenzial man erst einmal ausschöpfen kann“, sagt sie. Der Haken daran ist jedoch: Sie sind personalintensiv. Und die Personalsituation in den Pflegeeinrichtungen ist bekanntlich sehr angespannt.

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