Im Garten
Tierisch verfressen: Dickmaulrüssler
Nachts gehen sie ans Werk, lochen mit ihren Beißwerkzeugen Rosen-, Lorbeer- oder Rhododendronblätter und halten sich am Flieder, an Bergenien und allerlei weiteren Stauden gütlich. Dickmaulrüssler machen sich selbst über das zarte Alpenveilchen her, fressen lustvoll an der Eibe und setzen der Erdbeere zu.
Sehen lassen sich die Übeltäter dabei nicht. Sie mögen keine Störung durch den Menschen, und Licht mögen sie schon gar nicht. Taucht ein Gärtner oder eine Gärtnerin auf und knipst womöglich auf der Suche nach den verfressenen Schädlingen eine Taschenlampe an, lässt sich der eigentümlich wirkende, flugunfähige Käfer – noch bevor er richtig zu erkennen ist – irgendwo ins Gestrüpp plumpsen und ist verschwunden. Sein Werk ist aber da und unverkennbar: Die von ihm angenagten Blätter sehen aus, als habe sie ein Schaffner mit der Fahrscheinkontrollzange geknipst oder als seien sie unter einen Locher geraten.
U-förmiges Schadbild
Das Schadbild von halbkreisförmig am Rand angefressenen Blättern weist untrüglich auf den Dickmaulrüssler hin. Buchtenfraß nennt der Experte, was dieser Käfer hinterlässt. Im Gegensatz dazu verursachen etwa Schnecken keine ausgeprägt rundlichen Fraßlöcher .
Treiben Dickmaulrüssler ihr Unwesen im Garten, kann das die Laune der Gärtner sehr trüben. Zu Recht: Laut Umweltbundesamt zählen diese Rüssler im Privatbereich zu den wichtigsten Schädlingen, die sich gerne auch Dachgärten und Balkonkübel vornehmen. Eine Belastung für die Landwirtschaft sind sie ohnehin.
780 Arten in Deutschland Die Familie der Rüsselkäfer (Curculionidae) ist mit weltweit etwa 60.000 Arten die artenreichste Tierfamilie. In Deutschland sind etwa 780 Rüsselkäferarten bekannt, von denen der Gefurchte Dickmaulrüssler (Otiorhynchus sulcatus) und der Erdbeerwurzelrüssler (Otiorhynchus ovatus) bei uns häufig vorkommen. Die Käfer-Verwandtschaft ist insgesamt sehr verfressen und schädigend, wie etwa der Weiden-, der Weißdorn- und der Luzerne-Dickmaulrüssler.
Stress bei Pflanzen
Dickmaulrüssler sind dunkle, robuste, etwa einen Zentimeter lange Käfer mit eigenartig nach vorne ausgezogenem Kopf und breitem, flachgedrücktem Rüssel. Die Fühler sind knieförmig abgeknickt und nach vorne ausgestreckt. Die Schönheit liegt bei diesen Käfern, die manchmal gelb aufgestreute Punkte zeigen, deutlich im Auge des Betrachters.
Fairerweise muss erwähnt werden, dass der Käfer selbst die Pflanzen keineswegs ins Siechtum schickt. Er locht zwar Blätter, hält sich auch bei den Knospen und den Triebspitzen nicht zurück und verursacht durchaus Schälfraß an junger Rinde. Das erzeugt Stress bei der Pflanze und wahrscheinlich noch mehr beim Gärtner, mehr in der Regel aber nicht. Also alles gut? Ganz und gar nicht.
Larve ist der Bösewicht
Ist der Rüssler da, dann wird es vor allem im Untergrund kriminell. Dort lauert die echte Gefahr in Form der Käferlarven. Diese fußlosen, elfenbeinfarbigen Rüssler-„Kinder“ mit brauner Kopfkapsel können erhebliche Fraßschäden an den unterirdischen Pflanzenteilen, den Wurzeln und Rhizomen verursachen. Im Extremfall wird die Pflanze regelrecht abgeschlachtet. Wer rund um die Wurzel oder dort, wo sie mal war, ein bisschen buddelt, der stößt recht schnell auf die hellen, leicht gekrümmten Larven.
Normalerweise durchlaufen die Rüssler einen einjährigen Entwicklungszyklus. Im zeitigen Frühjahr zeigen sich die adulten Käfer, ab Mai legt jede Käferfrau mehrere Hundert Eier unter Pflanzenreste oder direkt an die Wurzelhälse. 14 Tage später beginnt im Untergrund das große Fressen. Die Larven überwintern, verpuppen sich, und im nächsten Frühjahr treten wieder erwachsene Käfer auf den Plan. In Zeiten des Klimawandels ist vieles nicht mehr normal: Mitunter überleben die Käfer den Winter und lochen so ganzjährig vor sich hin.
Vernarrt in lockere Böden
Die Käfer lieben lockere Böden, sind ganz vernarrt in humusreiche Pflanzsubstrate, die sie in Topfware und Containern finden. Dort vermehren sie sich besonders gut. Kübelpflanzen auf Terrasse und Balkon sind also besonders gefährdet. Im Topf lauert ein weiteres Problem. Wird eine gekaufte Pflanze ins Freiland gesetzt, besteht die Wahrscheinlichkeit, dass sich in der Erde Eier oder Larven befinden und so Dickmaulrüssler Einzug im Garten halten.
Die Besonderheit dabei ist, dass es sich hauptsächlich um weibliche Tiere handelt, die sich auf Terrassen, Wintergärten und in Gärten ans Werk machen. Die Käferinnen haben sich die weibliche Form verdient, denn sie brauchen nicht unbedingt Männchen zur Fortpflanzung. Sie legen Eier, aus denen ganz ohne Befruchtung in Jungfernzeugung Larven schlüpfen. Bei den Dickmaulrüsslern haben die Frauen längst die Macht übernommen. Leider mit unguten Folgen für unsere Gärten.