Beweger
Die Frau, die Hitler mit dem Besen verscheuchte
Von Ulrike Prinz
Jetzt erinnert ihr euch ans Exil? Da seid ihr aber spät dran!“ Diesen Satz hörte die katalanische Historikerin Assumpta Montellà, als sie der Spur der namenlosen Frauen des spanischen Exils folgte. In den Erinnerungen der Frauen tauchte immer wieder dieselbe Figur auf: eine junge Schweizer Lehrerin, die sie nur „Señorita Isabel“ nannten.
Als Barcelona Anfang 1939 in der Endphase des Spanischen Bürgerkriegs an die Truppen von Francisco Franco fiel, flohen fast eine halbe Million Menschen über die Pyrenäen ins französische Exil. Zu Fuß, auf Lastern, mit dem Fahrrad. Hinter ihnen wüteten Francos Truppen.
Die „Retirada“, der Auszug des republikanischen Spaniens, sei in seiner ganzen Tragweite bis heute nicht richtig aufgearbeitet, sagt Historikerin Montellà. Sie begriff früh, dass es zwei verschiedene Exile gab: das der Intellektuellen und das der Namenlosen. Und darunter eine weitere Schicht: das Exil der Frauen. Montellà begann, dieser anonymen Masse nachzuforschen, in Marseille, in Perpignan, Montpellier und Toulouse.
Frankreich hatte nicht mit diesem Ansturm aus dem Nachbarland gerechnet und fürchtete die republikanischen Kämpfer. Es pferchte die ankommenden Menschen in provisorisch errichtete Notlager – am Strand in Argelès-sur-Mer, Saint Cyprien und Le Barcarès. „Wir waren am Strand von Argelès in einem Internierungslager eingesperrt zwischen Stacheldraht und Sand“, erzählt die Zeitzeugin María García der Historikerin. „Das war unser Exodus und so begann unser Exil.“
Keine Baracken, keine Latrinen
Es war ein Schock für die Geflüchteten. In den ersten Monaten gab es keine Baracken, keinen Schutz vor Wind und Regen, keine Latrinen. Mit Decken bauten sie sich notdürftige Unterschlupfe. Die Leute starben reihenweise an Ruhr, Lungenentzündung und Tuberkulose.
„Da gab es eine Mutter, die keine Milch hatte und das Baby weinte Tag und Nacht vor Hunger“, erzählt Mercè Domènech im Gespräch der Historikerin. „Die Decken waren immer noch feucht von diesen schlimmen Februartagen. Als die Sonne rauskam, vergrub sie das Neugeborene im Sand, sodass nur noch das Köpfchen rausguckte. Der Sand war seine Decke. Aber ein paar Tage später starb das Baby vor Kälte und Hunger.“ Domènech war zu diesem Zeitpunkt selbst hochschwanger und genauso verzweifelt.
Unter den vielen Erinnerungen tauchte immer wieder eine Figur auf, die sie nur „Señorita Isabel“ nannten. Eine der Frauen zeigte Motellà ein Foto von sich und ihrem Baby vor einem Haus mit großen Fenstern und einer Glaskuppel. Dieses Bild führte die Historikerin nach Elne, nahe Perpignan. Dort fand sie tatsächlich auch das Haus auf dem Foto.
An der Wand eine Tafel mit dem Satz: „In diesem Haus kamen unter der Leitung von Elisabeth Eidenbenz 597 Kinder zur Welt.“ Das Schild hatte man drei Monate zuvor dort angebracht. Der belgische Diplomat Guy Eckstein war auf der Suche nach seiner Geburtsurkunde auf Eidenbenz gestoßen und der katalanischen Forscherin zuvorgekommen. Knapp 600 Kinder hatte die Schweizer Helferin dem sicheren Tod entrissen, darunter mehr als 200 jüdische Kinder, Sinti und Roma.
Tanz, Gesang, klassische Musik
Die Frauen, die sie aus den Lagern holte, konnten ihr Glück kaum fassen. Es sei wie in einem Traum gewesen, plötzlich weiße Bettwäsche zu haben und ein Frühstück. Eidenbenz sprach den Frauen Mut zu. Ihr Führungsstil war streng. Jede Frau, die dazu imstande war, musste mithelfen. Ihre Hauptaufgaben sah die Schweizerin darin, die jungen, teilweise schwer traumatisierten Mütter ins Leben zurückzubringen.
Die gute Atmosphäre war der Señorita Isabel wichtig. Sie legte klassische Musik auf und abends wurde gesungen und manchmal auch getanzt. „Der Saal war dunkel und nur durch ein paar Kerzen erhellt“, erinnerte sich Remei Oliva an eine Weihnachtsfeier. „Neben jedem Teller war ein Namensschildchen. Zuerst jubelten alle, aber dann stellte sich eine absolute Stille ein. Alle hatten Tränen in den Augen, weil sie an die dachten, die fehlten. Wir konnten den Kontrast nicht aushalten: so viel Leid und so viel Freude.“
Was Elisabeth Eidenbenz in den Kriegsjahren tat, wäre beinahe vergessen worden. Erst Assumpta Montellà gab den Frauen des Exils – und ihrer Retterin – ihre Geschichte zurück. Sie machte die Señorita Isabel in Rekawinkel, in der Nähe von Wien, ausfindig. „Als Erstes fragte ich sie: Warum? Und sie antwortete: Falsche Frage!“ Das Warum, erklärte Eidenbenz der Forscherin, stehe immer am Ende, im letzten Kapitel eines Buches, am Ende eines Lebens.
Also fingen sie von vorne an. Eidenbenz erzählte von ihrer Jugend als evangelische Pastorentochter in Zürich. Ihr Vater habe sie gelehrt: Vorbild und beständig zu sein. „Und ich sah von klein auf, dass mein Vater immer den Schwächeren half – diese Dinge prägten mich“, erklärte sie Montellà.
Die Wehrmacht macht kehrt
Als die Schweizerische Arbeitsgemeinschaft für Spanienkinder sie 1939 bat, nach Spanien zu gehen, zögerte sie nicht. „Wenn man mich braucht und fragt, dann sage ich: Ja.“ An die erste Geburt erinnerte sie sich noch genau: „Es war nachts und die Hebamme kam, um mich dazu zu holen und eine Viertelstunde drauf war es schon da. Es war ein Mädchen. Pepita hieß sie!“
Lagen die Schwierigkeiten der Schweizerin und ihrer Helferinnen zunächst in der Beschaffung von Nahrungsmitteln und Papieren, so wuchsen die Probleme mit dem Einmarsch der deutschen Wehrmacht am 11. November 1942. Die französischen Gendarmen rieten ihr, den Nazis einen „guten Empfang“ zu bereiten, wenn sie die Maternité inspizierten.
Doch Eidenbenz stellte die Schweizer Fahne auf den Balkon und wartete mit einem Besen in der Hand. „Und als die Nazi-Patrouille langsam die Treppe heraufkamen, stand sie unter der Flagge und rief mit einer solchen Bestimmtheit und in perfektem Deutsch: „Das hier ist Schweizer Territorium, da könnt ihr nicht rein!“ Die Soldaten sahen sich nur gegenseitig an und kehrten um.
Die Mütter ließen Elisabeth hochleben. Die Nazischergen glaubten, sie hätten es mit dem Schweizer Konsulat zu tun und wollten bloß keinen Konflikt provozieren. Aber sie würden wieder kommen.
Zum Nazi-Verhör geholt
„Das Fräulein Isabel war eine tolle Frau“, erinnert sich Zeitzeugin Joana Pasqual, „aber nicht immer konnte sie helfen, weil sie die Verantwortung für die gesamte Maternité trug. Wenn sie kamen und eine jüdische Mutter abholten, konnte sie nichts tun, weil die Nazis das Haus sonst geschlossen hätten“, erzählt sie.
Selbst Señorita Isabel nahmen sie dreimal mit. Wie diese Verhöre verliefen, wollte Montellà wissen, aber Eidenbenz antwortete nur lakonisch: „Freundlich waren sie nicht.“
Ab 1942 wurde auch eine legale Ausreise für Verfolgte des Naziregimes unmöglich. Das hatte vor allem für die jüdischen Kinder Konsequenzen, die zuvor noch in die Schweiz geschleust werden konnten. Ab März 1942 begannen die Deportationen aus Frankreich ins Konzentrationslager nach Auschwitz.
Mit der Übernahme der Kinderhilfe durch das Rote Kreuz wurde der Spielraum der Schweizer Helferinnen auch von innen eingeengt und die neutrale Hilfe für jüdische Kinder de facto außer Kraft gesetzt. Wer trotzdem etwas unternahm, wurde getadelt oder entlassen. So auch Eidenbenz. In ihrer Akte waren fünf „schwere Fehler“ vermerkt. Das hieß: Sie hatte wiederholt jüdischen Müttern und Kindern geholfen. Die Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem ehrte sie für ihren Einsatz später als „Gerechte unter den Völkern“.
Jahrzehntelang vergessen
1944 ließ die Wehrmacht die Maternité räumen. Die Geschichte von Elne geriet jahrzehntelang in Vergessenheit. Elisabeth Eidenbenz kehrte nicht zurück in die Schweiz, sondern ging nach Wien, wo sie sich nun um die Kinder von Geflüchteten aus den deutschsprachigen Gebieten in Osteuropa kümmerte.
„Ich bin zufrieden und glücklich über diese Arbeit. Sie war sehr wichtig für mein Leben“, erklärte sie Montellà. Sie sah diese Arbeit als selbstverständlich an und sie bat die Historikerin: „Versuchen Sie das den Jungen zu erklären. Das Exil hat Zyklen und es wird wiederkommen.“
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Dieser Artikel stammt aus der RHEINPFALZ am SONNTAG, der Wochenzeitung der RHEINPFALZ. Digital lesen Sie die vollständige Ausgabe bereits samstags im E-Paper in der RHEINPFALZ-App (Android, iOS). Sonntags ab 5 Uhr erhalten Sie dort eine aktualisierte Version mit den Nachrichten vom Samstag aus der Pfalz, Deutschland und der Welt sowie besonders ausführlich vom Sport.