Gesundheit
Studie: Auch Dampfen könnte krebserregend sein
Von Martin Rücker
Wie so oft ist sich die Wissenschaft uneins: Für die einen sind E-Zigaretten die bessere Alternative zu Glimmstängeln und helfen dabei, mit dem Rauchen aufzuhören. Andere sehen im Dampfen eine Art Einstiegsdroge in die Nikotinsucht und den ersten Schritt hin zum Tabak.
Nun haben australische Forscher die Studienlage zu den Risiken des Vapens ausgewertet. In ihrer Übersichtsarbeit im Fachjournal „Carcinogenesis“ kommen sie zu dem Schluss: „E-Zigaretten auf Basis von Nikotin sind wahrscheinlich krebserregend für Menschen.“ Das Team um Bernard Stewart sieht klare Hinweise dafür, dass sie Lungen- und Mundhöhlentumore verursachen könnten.
Zigaretten sind schädlich – das bestreiten inzwischen nicht einmal mehr die Hersteller. Etwa jeder siebte Todesfall in Deutschland geht auf die Folgen des Rauchens zurück. In ihrer Öffentlichkeitsarbeit versuchen Tabakkonzerne seit einigen Jahren zu betonen, dass vor allem die Verbrennungsvorgänge schädlich seien. Das Verbrennen setze rund 6000 Chemikalien frei, von denen 250 als giftig und 90 als möglich krebserregend gelten, heißt es in einer aktuellen Kampagne von Philip Morris.
Doch in E-Zigaretten verbrennt kein Tabak, stattdessen wird eine Flüssigkeit erhitzt und verdampft. Vor diesem Hintergrund präsentiert Philip Morris E-Zigaretten und andere Produkte in seiner Kampagne als „schadstoffreduzierte Alternativen“ für Menschen, die mit dem Rauchen nicht ersatzlos aufhören wollen. Ob es gelingt, mit solchen Produkten langfristig von Zigaretten wegzukommen und gesünder zu bleiben, ist in der Forschung allerdings umstritten.
„Vielleicht sogar schlimmer als Tabak“
Zu den schärfsten Kritikern von E-Zigaretten gehört Wolfram Windisch, Pneumologie-Professor an der Universität Witten-Herdecke. Für ihn ist die Botschaft vom milden Dampfen ein „Mythos“. Windisch verweist auf mögliche Risiken der zahlreichen Aromastoffe, mit denen Hersteller ihre Produkte schmackhaft machen, und auf neue chemische Verbindungen, die beim Erhitzen entstehen und bislang nur wenig erforscht sind. „Insgesamt könnten E-Zigaretten sogar schlimmer als konventionelle Zigaretten sein“, warnt Windisch.
Die australische Studie weist in diese Richtung. Bislang hatte sich selbst das Deutsche Krebsforschungszentrum (DKFZ) zurückhaltend zum Krebsrisiko von E-Zigaretten geäußert, da sich „keine verlässliche Aussage treffen“ lasse. Tatsächlich hat die Wissenschaft bei dieser Frage mit mehreren Hürden zu kämpfen.
Erstes Problem: der „dual use“, wenn also Menschen sowohl dampfen als auch rauchen. Der Debra-Analyse zufolge trifft das auf rund 70 Prozent der Vaper zu. Andere haben zumindest früher geraucht. Die Debra-Befragung der Universität Düsseldorf erfasst fortlaufend und repräsentativ das Rauchverhalten .
„Daher lassen sich die Effekte des E-Zigarettenkonsums nur schwer von denen des Zigarettenrauchens trennen“, sagte Ute Mons, Leiterin der Abteilung Primäre Krebsprävention am DKFZ, dem „Science Media Center“.
Dampfer wurden mit Nichtrauchern verglichen
Das Besondere der australischen Untersuchung ist, dass das Team um Stewart genau das versucht. Es wertete Daten aus, die Dampfer nicht mit Rauchern, sondern mit Nichtrauchern verglichen, zudem Tierstudien, Biomarker und biochemische Analysen der Inhaltsstoffe. Veröffentlichungen seit 2017 flossen in die Metastudie ein. In ihrer Schlussfolgerung stützen die Wissenschaftler die Ergebnisse früherer Übersichtsarbeiten. Auch die hatten E-Zigaretten als keineswegs harmlos eingestuft.
Das zweite Problem für die Forschung konnten die australischen Experten dagegen nicht lösen: Um eine Ursache-Wirkungskette nachzuweisen, dass das Dampfen bei Menschen Krebs auslöst, und um einschätzen zu können, wie stark Vapen das Erkrankungsrisiko erhöht, bräuchte es repräsentative Langzeitstudien.
E-Zigaretten sind jedoch erst seit gut 15 Jahren auf dem deutschen Markt – bis ein Lungentumor gefunden wird, nachdem er losgetreten wurde, vergehen jedoch oft 20 Jahre und mehr.
Auch die Vorgehensweise der australischen Wissenschaftler überzeugt nicht alle. „Die Art und Weise, wie Daten erhoben und Studien ausgewählt wurden, ist undurchsichtig“, kritisierte Gavin Stewart, britischer Methodenforscher an der Newcastle University. Es habe „keine einheitliche und transparente kritische Bewertung der Evidenz“ – der Beweislage – stattgefunden, sagte Stewart dem „Science Media Center“.
Ein erstes Alarmsignal
Dennoch nehmen Krebsforscher die australische Arbeit als erstes Alarmsignal ernst. „Die mechanistische, epigenetische und präklinische Evidenz ist substanziell“, meint Martin Widschwendter, Direktor des Eutops-Instituts der Universität Innsbruck. Das Dampfen schaltet so am Erbgut herum, dass sich das Lungenkrebsrisiko bereits viele Jahre vor der Diagnose vorhersagen lässt.
Der Präventionsforscher selbst hatte auch bei Dampfern mit nur geringem vorherigem Zigarettenkonsum dieselben charakteristischen Veränderungen nachgewiesen. Biomarker bei Vapern zeigten „deutlich erhöhte Spiegel“ von Substanzen, die als tumorauslösend bekannt sind, erklärt Widschwendter.
Beim Rauchen ist die Forschung weiter. Dass es etwa 20 Krebsarten anschiebt, gilt als gesichert. „Da die Menge und Konzentration krebserzeugender Substanzen im Aerosol von E-Zigaretten in der Regel deutlich geringer ist als im Rauch herkömmlicher Tabakzigaretten, ist davon auszugehen, dass auch das karzinogene Potenzial von E-Zigaretten geringer ist als das von Tabakzigaretten“, vermutet Präventionsforscherin Mons. Sie betont: „Dies bedeutet jedoch nicht, dass E-Zigaretten als unbedenklich einzustufen sind.“
In Deutschland betrifft das Dampfen derzeit nur einen relativ kleinen Teil der Bevölkerung. Der Düsseldorfer Debra-Studie zufolge lag der Anteil der E-Zigaretten-Konsumenten unter den 14- bis 64-Jährigen im Januar 2026 nur bei 2,8 Prozent. Tabakerhitzer – sie bringen keine Flüssigkeiten auf Temperatur, sondern echten Tabak – sind noch deutlich seltener im Einsatz.
Werbeverbote werden umgangen
Für das Geschäftsmodell der Tabakkonzerne spielen solche Produkte dennoch eine große Rolle. Mehrere Unternehmen haben sich in öffentlichen Bekundungen hinter das Ziel einer rauchfreien Gesellschaft gestellt. Um dann selbst noch eine Rolle zu spielen, müssen sie Alternativen einführen und dafür neue Kunden gewinnen.
Doch ihre Methoden stehen in der Kritik. Kürzlich warfen Wissenschaftler des DKFZ den Unternehmen British American Tobacco und Philip Morris vor, das Tabak-Werbeverbot mit kreativen Methoden zu umgehen: In den sozialen Medien zeigten sie zwar nicht ihre Produkte, dafür aber die Geräte zum Tabakerhitzen.
Noch bedeutender für die Konzerne sind tabakfreie Produkte – neben E-Zigaretten seit einiger Zeit auch Varianten der traditionellen schwedischen Snus, sogenannte Nikotinbeutel. Dabei handelt es sich um kleine Säckchen, die man zwischen Oberlippe und Zahnfleisch legt und die in kurzer Zeit vergleichsweise viel Nikotin an die Mundschleimhaut abgeben.
In Österreich sind die Beutel bereits im Handel, in Deutschland de facto verboten. Hierzulande haben Behörden sie rechtlich als Lebensmittel eingestuft und wegen der Schädlichkeit des Nikotins für unzulässig bewertet.
Nikotinbeutel sind gefährlich
Kaufen kann man sie auch als Jugendlicher trotzdem recht problemlos, wie eine Studie zeigt – beispielsweise über zahlreiche Internet-Shops, manchmal auch mit extrem hoher Nikotin-Dosis. Vor gut drei Jahren haben zwischen zehn und 15 Prozent der Heranwachsenden in Deutschland Nikotinbeutel schon einmal genutzt.
„Es wird systematisch eine neue Generation von Abhängigen herangezogen und die Behörden scheinen an dieser Stelle keine Kontrolle mehr über den Jugendschutz zu haben“, kritisierte Christian Taube, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin, vor einigen Monaten.
Sowohl den E-Zigaretten als auch den Nikotinbeuteln mischen Hersteller oft süße Aromen bei. Kritiker bestärkt das in dem Vorwurf, dass es die Unternehmen eben doch nicht nur auf bisherige Raucher abgesehen haben, sondern auf Jugendliche und junge Erwachsene abzielen.
Bei den Nikotinbeuteln kommt hinzu: Sie lassen sich immer und überall unauffällig einschieben. Genau das nutzte beispielsweise die Marke Skruf von Imperial Tobacco für ihre Werbung um Studenten mit Sprüchen wie „Mach’s vorm Prof“.
Eines ist bei allem unstrittig: Die Schädlichkeit des Nervengifts Nikotin, das in den meisten Zigaretten-Alternativen enthalten ist. Nikotin macht süchtig und kann bei Kindern und Jugendlichen das Gehirnwachstum hemmen. Zur Strategie von Herstellern scheint es daher zu gehören, davon abzulenken. So hob Philip Morris vor einiger Zeit den Satz auf seine Werbemotive: „Nikotin verursacht KEINEN Krebs“.
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Dieser Artikel stammt aus der RHEINPFALZ am SONNTAG, der Wochenzeitung der RHEINPFALZ. Digital lesen Sie die vollständige Ausgabe bereits samstags im E-Paper in der RHEINPFALZ-App (Android, iOS). Sonntags ab 5 Uhr erhalten Sie dort eine aktualisierte Version mit den Nachrichten vom Samstag aus der Pfalz, Deutschland und der Welt sowie besonders ausführlich vom Sport.