Linkspartei
Zwei Frauen an der Spitze – funktioniert das?
Das Bild vom Tandem passt nicht so recht, schon gar nicht bei der Linkspartei. Beim Tandem sitzt immer jemand am Lenker, wer dahinter sitzt, darf nur in die Pedale treten. Sowohl Susanne Hennig-Wellsow (42) aus Thüringen als auch Janine Wissler (39) aus Hessen wird der Platz am Lenker zugetraut. Also runter vom Tandem. Die beiden streben schlichtweg eine weibliche Doppelspitze an – ein Novum in der Parteienlandschaft. Sie wollen Katja Kipping und Bernd Riexinger folgen, die nach acht Jahren nicht mehr erneut antreten.
Die Kandidatinnen für den Bundesvorsitz der Linkspartei sind zwei profilierte Politikerinnen, die ihren Weg über die jeweiligen Landesparlamente machten. Nicht nur das verbindet beide, sondern auch die Art und Weise, wie sie überregional in die Schlagzeilen gerieten.
Es war bei beiden eine intelligente Art des Selbstbewusstseins, die für Aufsehen sorgte: Hennig-Wellsow verweigerte dem mit AfD-Stimmen zum Thüringer Kurzzeit-Ministerpräsidenten gewählten FDP-Politiker Thomas Kemmerich nicht nur den üblichen Handschlag. Sie warf ihm auch den für den Wahlsieger vorgesehenen Blumenstrauß der Linken-Fraktion vor die Füße. Das Bild aus dem Erfurter Landtag blieb einer breiten Öffentlichkeit in Erinnerung.
Janine Wissler ist eine gute Rednerin und kann Pointen setzen. Als sie in einer Debatte im hessischen Landtag in einer Vorlage der AfD einen Rechtschreibfehler fand, stichelte sie: „Weil Ihnen die Bewahrung der deutschen Sprache ja so wichtig ist: Fürsorge schreibt man nicht mit h. Mit Sorgen um den Führer hat das nämlich nichts zu tun.“ Heiterkeit im Plenum, außer bei der AfD. Obwohl Wissler schon damals längst für ihre Bissigkeit gegen rechts bekannt war, machte das Zitat als Ausweis großer Schlagfertigkeit die Runde – und damit auch sie bundesweit bekannt.
Umstrittene Mitgliedschaft
Doch Anekdoten sind das eine, Visionen und Ziele sind das andere. Und da hören die Gemeinsamkeiten bei den beiden Kandidatinnen auf. Fast exemplarisch spiegeln die Vorstellungen des Linken-Duos die Zerrissenheit der Partei. Janine Wissler ist eine klassisch westdeutsche Linke, deren Vertreter mit Wonne Breitseiten gegen die eher pragmatisch orientierten Ost-Linken abfeuern. Sie lassen aber auch eine große Distanz zur SPD und zu den Grünen erkennen.
„Auslandseinsätze der Bundeswehr“ werden ebenso abgelehnt wie die Mitgliedschaft der Bundesrepublik in der Nato. Janine Wissler hat es allerdings bisher geschafft, trotz ihrer dezidierten Linksaußen-Position den Draht zu den Pragmatikern nicht abreißen zu lassen. Sie erfährt in der gesamten Partei Respekt für ihre Parlamentsarbeit und für ihren Fleiß. Bei ihrer Wahl zur stellvertretenden Bundesvorsitzenden der Linken erhielt sie 2014 das weitaus beste Ergebnis aller Kandidaten.
Um als Parteichefin „für alle“ anzutreten, hat sie sich nun zu einem bemerkenswerten Schritt entschieden: Sie beendete ihre Mitgliedschaft im Unterstützerkreis des trotzkistischen Netzwerks „Marx21“. Auch verließ sie weitere Basisgruppierungen wie die „Sozialistische Linke“ und die „Bewegungslinke“. Es sind drei Gruppen, die vom Verfassungsschutz beobachtet werden.
Wissler schaffte damit einen Hinderungsgrund für ihre Wahl aus dem Weg. Am Donnerstag sagte die Diplom-Politologin, der Schritt sei keine Aufgabe von Positionen, sondern eine klare Trennung. „Wenn man für den Bundesparteivorsitz kandidiert, dann kann man nicht gleichzeitig in innerparteilichen Strömungen sein.“ „Marx21“ sieht die Linke übrigens als reine Oppositionspartei. Eine Regierungsbeteiligung „auf der Grundlage der heutigen Kräfteverhältnisse“ lehnt die Gruppe ab.
Wissler versucht nun den Spagat. Natürlich könne die Linke in einer Regierung eine „stärkere gesellschaftliche Rolle“ spielen. Voraussetzung seien jedoch „grundlegende Veränderungen der Macht- und Eigentumsstrukturen“, betonte sie.
Weitere Kandidaturen?
Wie es ist, in Regierungsverantwortung Dinge zu bewegen, kann Janine Wissler von Susanne Hennig-Wellsow erfahren. Die Diplom-Pädagogin und Mutter eines Sohnes ist enge Vertraute von Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow und hält für ihn den Landesverband der Linken zusammen.
Nach außen wirkt Hennig-Wellsow meist ziemlich abgeklärt, nach innen, so heißt es, wirkt sie geräuschlos. „Tschakka, endlich linkes Regieren!“, soll die frühere Leistungssportlerin im Eisschnelllauf ausgerufen haben, als nach Bildung einer rot-rot-grünen Koalition im Dezember 2014 erstmals ein Linker der Ministerpräsident eines deutschen Bundeslandes wurde.
Wie geht es nun weiter? Der Pfälzer Linken-Bundestagsabgeordnete Alexander Ulrich findet es zunächst gut, dass es an der Spitze der Partei einen Wechsel gibt. Ob es bei den Personalien bleibt, sei fraglich, meint Ulrich. „Die Kandidatur von Fraktionsgeschäftsführer Jan Korte fände ich spannend.“ Es scheint also noch nicht ganz ausgemacht, dass es tatsächlich zu einer rein weiblichen Doppelspitze kommen wird.