Glosse
Wir sind alle Menschenfresser
Es hätte alles so schön sein können: Nach Jahren der Stille ist Xavier Naidoo zurück auf den Bühnen der Republik. Leider konzentriert er sich nicht nur aufs Singen, auch das offene Zurschaustellen seiner kruden Weltvorstellung hat am Dienstag in Berlin ein Comeback gefeiert.
Nach Jahren der Stille
Der Mannheimer Pop-Gigant war abgetaucht, nachdem er über Jahre mitunter mehr Aufmerksamkeit mit Verschwörungsmythen als mit seiner Musik erregte. Einmal tauchte er 2022 kurz aus der Versenkung auf, um sich in einem Video für frühere Aussagen zu entschuldigen und sich davon zu distanzieren. Welche er meinte, ließ er offen.
Der Fundus ist vielleicht auch einfach zu üppig gefüllt für Konkretisierung, denn er reicht von rassistischen und antisemitischen Äußerungen über Verschwörungsmythen – etwa zum Attentat am 11. September auf die Türme des World Trade Center in New York – bis zum Reichbürger-Narrativ, wonach Deutschland ein von den USA besetztes Land sei.
Aus der Deckung gewagt
Ganz sachte hatte er sich zuletzt aus der Deckung gewagt, war kurz bei Oliver Pochers Tournee auf der Bühne erschienen und auf Moses Pelhams Album „Letzte Worte“ als Gastsänger zu hören. Alles zur Vorbereitung auf seine Rückkehr: Ausverkaufte Hallen in Köln im Dezember und Ende Januar beim dreitägigen Heimspiel in der SAP-Arena. Der Sohn Mannheims mit der schmelzkäsezarten Stimme ist zurück – endlich, dachten die Fans seiner Musik.
„Die fressen unsere Babys“
Die Schwurbler-Community musste ein bisschen länger warten – bis zu einer Demonstration vor dem Kanzleramt in Berlin gegen Kindesmissbrauch mit Bezug auf die Epstein-Akten am Dienstag. Und Naidoo enttäuschte hier genauso wenig wie bei seinen umjubelten Konzerten. Seine jüngsten Weisheiten am Rande der Demo: „Die fressen unsere Babys, verdammt nochmal.“ Und niemand sei ohne Schuld, denn: „Wir haben alle schon Menschen gefressen.“
Eine mögliche Erklärung für seine Behauptung liefert er direkt mit: „Die Firma Lay’s macht embryonales Gewürzmittel auf diese Chips“, sagt Naidoo und schiebt in den Videos, die auf sozialen Medien und Youtube zu sehen sind, hinterher: „Glaubst Du nicht, dass diese Menschen, die selber Kannibalen sind, denen ist es das Allerallerwichtigste, dass wir alle Kannibalen werden, mit ihnen zusammen, damit wir alle in die Hölle runterfahren.“ Möge der Barmherzige uns davor bewahren – und möglichst auch vor weiterer Naidoo-Schwurbelei.