Justizskandal RHEINPFALZ Plus Artikel Willkür-Urteil in Russland: Wenn der Zweitpass zum Verhängnis wird

Michail Loschtschinin im Gerichtssaal mit seinem Anwalt Andrej Tschertkow.
Michail Loschtschinin im Gerichtssaal mit seinem Anwalt Andrej Tschertkow.

Am Dienstag wurde der in Trier lebende Belgier Michail Loschtschinin im russischen Pskow als Staatsverräter zu 16 Jahren verschärfter Lagerhaft verurteilt.

Der letzte Verhandlungstag im Pskower Gebietsgericht ist schon nach acht Minuten wieder zu Ende. Der Vorsitzende Richter Dmitrij Ustinow, in die übliche schwarze Robe gekleidet, verliest zügig und gelassen den Schuldspruch: 16 Jahre verschärfte Lagerhaft wegen Staatsverrats. Die Anklage hatte 18 Jahre verlangt. Der Staatsanwalt blickt mit gleichgültiger Miene zu dem Plexiglasaquarium hinüber, in dem der Angeklagte Michail Loschtschinin steht.

Loschtschinin (48) hatte noch gegrinst, als sein Vater Michail ihm aus der ersten Stuhlreihe scherzend zurief, er sei weder dicker geworden noch magerer – und das sei gut so. Nach elf Monaten Gefangenschaft wirkt Loschtschinin junior blass und müde. Aber als er den Schuldspruch hört, schaut er eher skeptisch als entsetzt aus. Einer, der sich an diesem Tag auf nichts Gutes vorbereitet hat.

Dramatisches Schicksal des Angeklagten

Russlands Strafprozesse folgen ihren eigenen Regeln. Es dominiert die Staatsanwaltschaft; wen sie einmal auf die Anklagebank hinter dem Plexiglas gesetzt hat, der hat nur noch eine winzige Chance auf Freispruch.

Michail Loschtschinins Geschichte ist eine absurde Tragödie eines postsowjetischen Gesamteuropäers, aufgewachsen in Russland und in der Ukraine, belgischer Staatsbürger mit Luxemburger Arbeitsplatz, Trierer Wohnort und russischem Zweitpass. Vergangenen Juli wollte er auf dem Motorrad seinen kranken Vater in Petersburg besuchen. Er wurde an der Grenze bei Pskow festgenommen, weil die FSB-Grenzer ukrainische Nummern in seinem Handy entdeckten.

Man hielt ihn widerrechtlich fest, er wurde gefoltert und am Ende als Staatsverräter angeklagt, weil er seiner ukrainischen Exfreundin Geld überwiesen und damit ein feindliches Land unterstützt habe. So die Argumentation der Anklage.

Kaum politisches Interesse

Vater Michail ist mit dem Bus sechs Stunden aus Petersburg angereist, er ist 75 und krebskrank, aber nicht unterzukriegen. Er beschwert sich darüber, dass der gesamte Prozess als Landesverratsverfahren unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattgefunden hat.

„Wofür sie ihn tatsächlich bestraft haben, wissen wir gar nicht. Ich bin russischer Patriot, aber ich kann nicht sagen, ob ich meinen Sohn jetzt verurteilen soll oder nicht.“ Der alte Michail glaubt, man habe die Öffentlichkeit ausgeschlossen, um zu vertuschen, dass die Anklage nichts taugt. Sohn Michail, oder Mike, wie ihn im Westen alle nennen, kam im Jahr 2000 aus der Ukraine nach Belgien.

Er machte russischsprachiges Theater, arbeitete dabei oft eng mit dem Russischen Haus in Luxemburg zusammen. Für politische Nachrichten aus der Heimat hat er sich nie interessiert, dachte deshalb auch nicht daran, die ukrainischen Kontakte vor der Grenze aus seinem Handy zu entfernen. Ein fataler Fehler. Russische Menschenrechtlern im Exil zufolge sind für die russischen FSB-Ermittler solche naiven Doppelstaatler die idealen Opfer.

Folter mit Elektroschocker

Die russische Justiz hat belgische Diplomaten nie an Mike herangelassen, weil für sie nur seine russische Staatsbürgerschaft zählt. Schlimmer noch: Mike landete für zwei Wochen in einem Gefängnis im südwestrussischen Stary Oskol, wo viele ukrainische Kriegsgefangene saßen – und wo gefoltert wurde. Ein Ort, den es in einer zivilisierten Gesellschaft eigentlich nicht geben könne, schrieb Mike später. Er habe noch immer den Elektroschocker vor Augen, den man ihm dort ins Gesicht gedrückt habe. Aber viel schrecklicher sei gewesen, was dort anderen Gefangenen widerfahren sei.

Im Straflager droht Mike nun wegen fortschreitender Netzhautablösung die Erblindung. „Er nimmt es nicht leicht“, sagt sein Verteidiger Andrej Tschertkow über Mikes Stimmung. Er habe seinen Klienten auf ein Urteil vorbereitet, gegen das man ankämpfen müsse, Mike aber habe bis zuletzt auf einen glücklicheren Ausgang gehofft. „Er denkt inzwischen eben wie ein Europäer“, fügt der Anwalt hinzu.

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