Geheimdienste
Wien: Noch immer Tummelplatz für Spione
Mit dem Nachkriegsfilm „Der dritte Mann“ haben die Briten Graham Greene (Drehbuch) und Carol Reed (Regie) 1949 der einstigen Spionagedrehscheibe Wien ein Denkmal gesetzt. Anscheinend hat die Donaustadt seit Ende des Kalten Kriegs indes nichts von ihrem geopolitischen Reiz auf Agenten aus aller Welt eingebüßt.
So bekommt auch Wien die wachsenden Spannungen zwischen den USA und Russland zu spüren. Das renommierte US-Magazin „The New Yorker“ bezeichnete kürzlich Österreichs Hauptstadt als europäischen Hotspot des „Havanna-Syndroms“, von dem erstmals 2016 in Diplomatenkreisen der kubanischen Hauptstadt die Rede war. Rund zwei Dutzend US-Diplomaten sollen damals von der mysteriösen Krankheit befallen worden sein. Symptome sind Kopfschmerzen bis zur Migräne, Sehstörungen, Schwindelanfälle und anderes mehr.
Über die Ursache gibt es bislang nur Vermutungen – oder vielmehr: eine realistische Verschwörungstheorie. William Burns, Direktor des US-Geheimdiensts CIA, spricht nicht von Krankheitsfällen, sondern „Angriffen“ auf die USA: Verdächtigt werden Agenten des russischen Militärgeheimdienstes GRU, die Mikrowellenstrahlen auf US-Diplomaten gelenkt hätten, um von deren Computern oder Smartphones Daten abzusaugen.
Im Kalten Krieg waren die Methoden weniger raffiniert. Wie in Berlin hatten die vier Besatzungsmächte auch in Wien eine Vielzahl von Spionen laufen. Mitunter kam es zu Schießereien auf offener Straße oder es wurden Leute am helllichten Tag entführt. Bevorzugte Treffpunkte waren die Hinterzimmer der Wiener Kaffeehäuser. Besonders berüchtigt war das Café Schwarzenberg als Russenbastion: Rotarmisten feierten ihre Wodka-Gelage und schossen zum Spaß wild um sich.
Heute zählt das diplomatische Personal der Amerikaner und Russen in Wien insgesamt weit über 400 Personen. Davon sind schätzungsweise die Hälfte Geheimdienstler. Und warum das Ganze? Wien beherbergt Institutionen der Vereinten Nationen und Vertretungen anderer wichtiger Zusammenschlüsse. Darunter sind die Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OECD), das Ölkartell Opec und nicht zuletzt die Atomenergiebehörde IAEA.
Wien bleibt, auch nach dem Fall des Eisernen Vorhangs, im Spannungsfeld zwischen West und Ost.