Corona RHEINPFALZ Plus Artikel Wie sich Demos auf die Infektionszahlen ausgewirkt haben

Corona-Hotspot? Demonstranten auf der „Straße des 17. Juni“ in Berlin.
Corona-Hotspot? Demonstranten auf der »Straße des 17. Juni« in Berlin.

Kundgebungen gegen Corona-Beschränkungen, Tausende Feierwütige – das sei unverantwortlich“, heißt es. Von diesen Treffen gehe eine Infektionsgefahr aus. Doch wie wirken sich solche Veranstaltungen auf die Infektionslage tatsächlich aus?

Wie sich die Bilder gleichen: Ob in München, Stuttgart oder Berlin – Tausende protestieren ohne Mundschutz und unter Missachtung der Abstandsregeln gegen die staatlich verordneten Corona-Beschränkungen. Am vergangenen Samstag zogen 17.000 Demonstranten durch den Ostteil der Berliner City, auf der anschließenden Kundgebung entlang der „Straße des 17. Juni“ zählte die Polizei 20.000 Teilnehmer.

Überhaupt Berlin. In der Nacht zum 26. Juli feierten nach Medienangaben bis zu 5000 Personen eine illegale Techno-Party in der Berliner Hasenheide. Nicht zum ersten Mal. Und Ende Mai tummelten sich 3000 meist junge Menschen ausgelassen im und am Landwehrkanal zu Techno-Rhythmen. Im Wasser selbst wurden rund 400 Boote gezählt. War da was? Das Coronavirus etwa?

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Insbesondere die jüngste Demonstration in Berlin hat Politiker auf den Plan gerufen. Für den CDU-Innenexperten Armin Schuster sind „solche Demonstrationen eine Gefahr für die Allgemeinheit.“ Er brachte die Überlegung ins Spiel, derartige Versammlungen künftig nicht mehr zu genehmigen. Schusters Fraktionskollege Thorsten Frei schimpfte, der Staat dürfe nicht tatenlos zusehen, wenn die Demos zum Corona-Hochrisiko würden. SPD-Mann Karl Lauterbach forderte Geldstrafen gegen Demonstranten bei Verstößen. Und SPD-Chefin Saskia Esken kritisierte die Polizei: „Die Demonstration hätte schon früher aufgelöst werden können.“

Tausende in den Großstädten auf der Straße

Die Demonstrationen eine „Gefahr für die Allgemeinheit“? Am Samstag, 16. Mai, hat es bundesweit Demonstrationen gegeben, unter anderem in den Großstädten Stuttgart, Berlin, Köln, Düsseldorf, Dortmund, Essen, Dresden, Bremen, Hamburg, Frankfurt und München. An den Kundgebungen haben laut Medienberichten viele Tausende teilgenommen. Die Hygieneregeln wurden offenbar weitgehend missachtet.

Welche Auswirkungen hatten diese Kundgebungen auf die Neuinfektionszahlen? Das Robert Koch-Institut veröffentlicht täglich neue Corona-Zahlen. Die Rohdaten stammen von den rund 400 Gesundheitsämtern vor Ort. Demnach hat es in den 14 Tagen vor den bundesweiten Demos in Deutschland 12.069 laborbestätigte Neuinfektionen gegeben, in den 14 Tagen danach 6060. Der Zeitraum von 14 Tagen gilt allgemein als mögliche Spanne zwischen Ansteckung und Krankheitsausbruch.

Diesen Zahlen zufolge hatten die bundesweiten Demonstrationen also keinen erkennbaren Einfluss auf die laborbestätigten Neuinfektionszahlen. Was diese Daten allerdings nicht abbilden, sind die sogenannten asymptomatischen Verläufe. Manche Infizierte haben kaum oder gar keine Beschwerden. Sie lassen sich folglich auch nicht testen und tauchen in der Statistik nicht auf.

40 Kundgebungen an einem Tag in Berlin

An jenem Wochenende des 16. und 17. Mai ist die größte Kundgebung auf den Cannstatter Wasen in Stuttgart über die Bühne gegangen. 5000 Teilnehmer protestierten gegen Corona-Einschränkungen. Woher die Teilnehmer kamen, ist unklar. Wenn aber davon ausgegangen wird, dass der größte Teil aus der schwäbischen Metropole selbst stammte, hat auch diese Kundgebung die registrierten Corona-Zahlen für Stuttgart nicht in die Höhe getrieben. Denn: Für die 14 Tage vor der Demo weist die Statistik für Stuttgart 86 laborbestätigte Neuinfektionen aus, für die zwei Wochen danach 50.

Laut Deutschlandfunk räumte eine Sprecherin der Stadt Anfang August denn auch ein: Es lasse sich nicht mit Gewissheit sagen, wie sich die Protestaktion ausgewirkt habe. Allerdings sei für die Stadt Stuttgart keine ungewöhnliche Zunahme der offiziell gemeldeten Erkrankungsfälle festgestellt worden. Das habe laut Deutschlandfunk auch das Landesgesundheitsamt Baden-Württemberg bestätigt. Es lägen keine Hinweise auf Covid-19-Erkrankungen oder Infektionsketten im Zusammenhang mit der Anti-Corona-Demo vor.

Eine ähnliche Tendenz ist für Berlin zu erkennen. Dort waren am 16. Mai 40 Kundgebungen angemeldet. Auch bei diesen Demos ist unklar, wie groß der Anteil der Berliner unter den Teilnehmern war. Klar ist indes: Aus den RKI-Daten sind keine messbaren Effekte auf die Neuinfizierten-Statistiken Berlins und des umliegenden Bundeslandes Brandenburg herauszulesen.

Robert Koch-Institut hat keine Erkenntnisse

Ein weiterer Fall: In den zwei Wochen vor einer Corona-Demonstration am 9. Mai in München mit 3000 Personen hat es 771 Neuinfektionen in der bayerischen Landeshauptstadt gegeben, in den zwei Wochen danach 413.

Von den bekannten Großveranstaltungen sind allein in der 14-tägigen Inkubationszeit nach der Techno-Party auf und am Berliner Landwehrkanal am 31. Mai in der Hauptstadt höhere Infektionszahlen registriert worden als im Zeitraum zwei Wochen vor dem Fest. Ob die Zunahme allerdings mit den Ravern zu tun hat, ist offen. Denn im Juni ist die Zahl der Neuinfektionen bundesweit in die Höhe gegangen.

Das Robert Koch-Institut (RKI) kann keine Erkenntnisse liefern über das Infektionsrisiko bei Demonstrationen: „Auch anekdotisch (basierend auf Hörensagen oder Einzelberichten, die Red.) wurden dem RKI bisher noch keine Übertragungen auf Demonstrationen berichtet“, schreibt das RKI in einer Stellungnahme. Allgemein merkt das Institut an: „Generell ist das Infektionsrisiko draußen im Freien geringer als in geschlossenen und schlecht gelüfteten Räumen.“

Nach bisherigen Erkenntnissen sind Tröpfchen aus Mund und Nase die größte Ansteckungsquelle. In geschlossenen und schlecht belüfteten Räumen stehen die Aerosole – laut Duden eine feine „Verteilung schwebender fester oder flüssiger Stoffe in Gasen, besonders in der Luft“ – im Raum. Im Freien dagegen werden die Aerosole beispielsweise vom Wind verweht.

Zur Sache: Wer den Corona-Test machen muss

Ab Samstag also werden die Tests zur Pflicht. Wer beispielsweise ab dem 8. August aus dem Urlaub aus einem Risikogebiet heimkehrt, muss sich verpflichtend auf das Coronavirus testen lassen. Für Heimkehrer per Flieger ist das in der Regel kein Problem. Sie können die Tests direkt am Flughafen machen lassen. Sie sind für die Bürger kostenfrei.

Alternative: Der Rückkehrer kann ein ärztliches Attest vorlegen aus dem Urlaubsland. Es muss bescheinigen, das nach einem Corona-Test im Urlaubsland „keine Anhaltspunkte für eine Infektion vorliegen“, wie die rheinland-pfälzische Landesregierung mitteilt. Der Test darf längstens 48 Stunden vor der Einreise nach Deutschland gemacht worden sein.

Das Robert-Koch-Institut in Berlin stuft aktuell 127 Länder als Risikogebiete ein, darunter die USA, die Türkei oder Luxemburg. In zwei weiteren Ländern sind einzelne Landesteile als Risikogebiete ausgewiesen. In Spanien die Regionen Katalonien, Navarra und Aragón im Nordosten des Landes, in Belgien Antwerpen.

Die Tests sind zwar verpflichtend. Allerdings sind sie bei der Einreise nicht immer möglich. Beispielsweise dann, wenn der Grenzübertritt mit dem Pkw erfolgt. Dann muss sich der Reisende nach einer seit langem gültigen Regel unverzüglich in eine 14-tägige Quarantäne begeben. Die Quarantäneregel gilt nicht für Durchreisende.

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) wies gestern erneut auf eine ebenfalls seit langem bestehende, aber offenbar wenig befolgte Regel hin. Wer aus einem Risikogebiet ohne negativen Corona-Test heimkehrt, muss sich unverzüglich beim örtlichen Gesundheitsamt melden. Die Behörde kann dann einen Corona-Test anordnen und die Quarantäne gegebenenfalls aufheben.

Wer sich dem Test verweigert, kann mit einem Bußgeld in Höhe von bis zu 25.000 Euro belegt werden. Allerdings, so schränkte der Minister am Donnerstag ein, es ist eher unwahrscheinlich, dass ein Testverweigerer sofort mit einem Bußgeld von 25.000 Euro bestraft wird. Bei der Bemessung der Bußgeldhöhe kommt es wohl auf die Kooperationsbereitschaft des Rückkehrer an. „Es hängt von den konkreten Umständen ab“, sagte Spahn.

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