Polen RHEINPFALZ Plus Artikel Wie Polens Schüler manipuliert werden

Das Militär darf natürlich noch in die Schulen.
Das Militär darf natürlich noch in die Schulen.

Dass Russland versucht, durch Indoktrination an Schulen die Jugend auf Kurs zu bringen, ist hinlänglich bekannt. Allerdings verfolgt auch Polen eine ähnliche Strategie.

Rund 4000 protestierende Lehrer vor dem Bildungsministerium in Warschau. So begann das neue Schuljahr in Polen. Die polnische Lehrergewerkschaft zieht nach acht Jahren PiS-Regierung eine verheerende Bilanz. Unterbezahlte Pädagogen, 26.000 unbesetzte Stellen, eine völlig überalterte Lehrerschaft, dazu eine umstrittene Schulreform und ideologische Indoktrination im Sinne der Partei „Recht und Gerechtigkeit“ (PiS).

Das 1999 eingeführte dreigliedrige Schulsystem (sechsjährige Grundschule, dreijährige Mittelschule und dreijährige Oberschule) war nach Ansicht internationaler Experten ausschlaggebend für das bis dato sehr gute Abschneiden Polens in Bildungsrankings wie zum Beispiel Pisa oder dem OECD-Bildungsmonitor. Die PiS argumentierte allerdings, die Eltern lehnten die von der Regierung Donald Tusk eingeführte Mittelschule ab. Es gebe dort „zu viel Gewalt“, hieß es. Das wurde bis heute von der Regierung nicht belegt. Die Lehrergewerkschaft hatte 2017 eine Unterschriftenaktion unter Eltern organisiert und rund eine Million Unterzeichner gegen die Abschaffung der Mittelschulen mobilisiert – alles vergeblich.

„Modell des Patriotismus“

Noch tiefgreifender sind die Auswirkungen des „Modell des Patriotismus“, das die PiS und ihr Bildungsminister Przemysław Czarnek propagieren. „Die Ausbildung eines nationalen und staatlichen Identitätsgefühls“ sei „ein wichtiges Element des Arbeitsprogramms der polnischen Schule“, ist im Wahlprogramm 2019 der Partei zu lesen. „Eine entsprechende Auswahl der Schullektüre und programmatischer Inhalte“ erlaube „einen gemeinsamen kulturellen Code aufrechtzuerhalten“, heißt es dort. Und weiter: „Die Vermittlung von Respekt gegenüber der Tradition und den nationalen Helden und das Begehen von Nationalfeiertagen wird ein wichtiger Bestandteil der Bildung der jungen Generation sein.“

Der Vorgängerregierung wird eine verfehlte Schulpolitik vorgeworfen, die zur „Vermittlung skandalöser Inhalte“ gesorgt habe. So seien die „kommunistischen Verbrechen sowie das Ausmaß der deutschen Verbrechen während des Zweiten Weltkrieges relativiert“ worden. In den Lehrplänen, die seit Regierungsantritt der PiS umgeschrieben wurden, fehlt beispielsweise in der jüngsten Geschichte Polens völlig der Name des einflussreichen Gewerkschaftsführers, Friedensnobelpreisträgers und einstigen Präsidenten Lech Walesa – eines erklärten Gegners von PiS-Chef Jaroslaw Kaczynski. Und im Biologieunterricht wurde Darwins Evolutionslehre ganz weit an den Rand gerückt.

Außerdem gibt es ein neues Unterrichtsfach. „Geschichte und Gegenwart“ hat vor einem Jahr die frühere „Gesellschaftskunde“ abgelöst. „An den Schülern wird Gehirnwäsche verübt“, kritisiert der Vizevorsitzende der Polnischen Lehrergewerkschaft Krzysztof Baszczynski. „Das vorige Unterrichtsfach (...) lehrte Toleranz, vermittelte, was eine Verfassung ist. Das gibt es nicht mehr“, zitiert der polnische Publizist Jacek Lepiarz den Gewerkschafter in einem Beitrag für die „Polen-Analysen“ der Forschungsstelle Osteuropa an der Uni Bremen.

Propaganda im Schulbuch

Das Schulbuch, anhand dessen das Fach „Geschichte und Gegenwart“ unterrichtet werden soll, wird von Experten heftig kritisiert. Laut Baszczynski enthält es unwahre Inhalte, zum Beispiel über den Flugzeugabsturz von Smolensk, der als Anschlag dargestellt wird. Der zweite, zeitgeschichtliche Band rückt Lepiarz zufolge Papst Johannes Paul II. und die katholische Kirche unverhältnismäßig stark ins Zentrum des Geschehens und glorifiziere die PiS-Regierung der Jahre 2005 bis 2007. Die Regierungszeit der Koalition der Bürgerplattform und der Bauernpartei von 2007 bis 2015 werde dagegen als völlig erfolglos dargestellt.

Eine weitere Maßnahme, Einfluss auf Bildungsinhalte zu nehmen, besteht darin, die Befugnisse der Leiter der Schulaufsichtsbehörden zu stärken und Vereinen und Nichtregierungsorganisationen, die die PiS-Ideologie nicht mittragen, den Zugang zu Schulen unmöglich zu machen.

Bildungsminister Czarnek, seit 2020 im Amt, setzte trotz der massiven Einwände und des zweimaligen Vetos von Präsident Andrzej Duda jetzt sein Gesetz durch. Ohne den erforderlichen Wust an Formalitäten und Genehmigungen können im Prinzip nur noch Vertreter staatlicher Behörden in die Schulen gehen. Ein Schulleiter werde es sich nun gut überlegen, ob er jemanden in die Schule lasse, der nicht 100-prozentig die PiS-Linie vertrete, resümierte Marek Plesniar, Direktor des Gesamtpolnischen Vereins des Führungspersonals im Bildungswesen, in der Tageszeitung „Gazeta Wyborcza“.

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