Armut, Gewalt, Drogenhandel RHEINPFALZ Plus Artikel Wie franzöische Vorstädte aus dem Teufelskreis ausbrechen wollen

In Vaulx-en-Velin sollen ganze Straßenzüge neu gestaltet werden.
In Vaulx-en-Velin sollen ganze Straßenzüge neu gestaltet werden.

Die französischen Vorstädte sind berüchtigt. In der Region Lyon wird daran gearbeitet, die sozialen Brennpunkte zu lebenswerteren Orten zu machen.

Das Lyoner Viertel La Guillotière sei eine rechtsfreie Zone, sagte Jordan Bardella, der heutige Vorsitzende des rechtsextremen Rassemblement National, als er im November 2021 mit einem Kamerateam das Viertel besuchte. Tausende Franzosen würden dort den Gesetzen der Banden überlassen, schrieb er später in einem Facebook-Post.

Dass La Guillotière, eines der ältesten Viertel von Lyon, vor allem als sozialer Brennpunkt Aufmerksamkeit bekommt, ist nicht neu. „In einem Viertel von Lyon verlieren Anwohner das Vertrauen in die Politik“, titelte die „Neue Zürcher Zeitung“ schon 1993 über das Viertel und berichtete von illegalen Märkten mit mutmaßlich geklauter Ware, organisierten Boxkämpfen und Drogenumschlagsplätzen. Nach wie vor ist das Viertel von Einwanderern aus Afrika, dem arabischen Raum und Asien geprägt. Die günstigen Mieten ziehen seit einigen Jahren aber auch Studierende und Besserverdienende an, mittlerweile ist von Gentrifizierung die Rede, dem Prozess, bei dem ein Wohnviertel durch die Ansiedlung wohlhabenderer Bewohner aufgewertet wird, was oft zu steigenden Mieten und der Verdrängung einkommensschwacher Bewohner führt.

Sichere Orte für Frauen

„Die Probleme im Bereich der Sicherheit können wir nicht leugnen“, sagt Anne-Laure Chantelot, Leiterin des Projekts „Place à demain“, das das Viertel rund um den zentralen Platz Gabriel Péri neu gestalten und vor allem zu einem sichereren Ort machen soll. Vor allem die Sicherheit von Frauen sei ein Thema unter den Anwohnern, sagt die Bürgermeisterin des siebten Arrondissements, Fanny Dubot. Also habe die Verwaltung Fortbildungen organisiert, in denen Ladenbesitzer lernen, was zu tun ist, wenn eine Frau bei ihnen Hilfe sucht. Aufkleber an den Türen vieler Geschäfte weisen diese als sicheren Ort aus. „Die gibt es jetzt in der ganzen Stadt, aber die Idee kam von uns“, sagt Dubot.

Seit Beginn ihrer Amtszeit vor gut vier Jahren haben sie und ihre Amtskollegin aus dem benachbarten dritten Arrondissement, Marion Sessiecq, in einer ehemaligen Polizeistation ein „Haus der Projekte“ eingerichtet. Dieses dient als Ausgangspunkt für Projekte und Aktivitäten, wie zuletzt ein Street-Art-Festival, und als Anlaufstelle für die Anliegen der Nachbarn.

„Viele kommen mit persönlichen Problemen – wenn sie Französisch-Unterricht oder einen Schulplatz für ihr Kind brauchen“, sagt Projektleiterin Chantelot. Besonders im Sommer gebe es auch viele Beschwerden über die Verschmutzung des Viertels. Um dagegen vorzugehen, hat die Verwaltung öffentliche Toiletten und große Mülltonnen aufgestellt. „Das reicht manchmal nicht aus“, sagt Dubot. An einigen Straßenecken liegen immer noch weggeworfene Möbelstücke und Müllsäcke.

Adresse mindert Jobchancen

Wohngegenden mit einem ähnlichen Ruf gibt es auch in Vaulx-en-Velin, einer 55.000-Einwohner-Stadt im Osten von Lyon. Hier kam es 1990 zu den ersten Jugendunruhen in Frankreich, nachdem ein junger Mann bei einer Polizeikontrolle erschossen worden war. Die Stadt ist ebenfalls von Generationen von Migranten geprägt, und hat eine sehr junge Bevölkerung – zwischen 30 und 40 Prozent sind jünger als 25 Jahre. Wer sich mit einer Adresse von dort um einen Job bewirbt, hat schlechte Chancen, heißt es.

Das Viertel Mas du Taureau in Vaulx-en-Velin ist ebenso wie La Guillotière als „priorisiertes Viertel“ ausgewiesen, im Französischen als QPV abgekürzt. Dabei handelt es sich um arme Wohngegenden, die eine Intervention der öffentlichen Hand besonders dringend benötigen.

Die Vision: Normalität

„Es muss endlich Schluss sein mit dem Teufelskreis, dass es Armutszonen gibt, weil wir bestimmte Wohngebäude und Dienstleistungen haben“, sagt die Bürgermeisterin von Vaulx-en-Velin, Hélène Geoffroy. „Wenn es den Menschen wirtschaftlich besser geht, ziehen sie an andere Orte. Das kann so nicht funktionieren.“ Die Vision sei, überall Normalität zu schaffen.

Mas du Taureau hat seit der Jahrtausendwende schon einige Umbaumaßnahmen hinter sich. „Wir haben es bisher nicht geschafft, die Nutzung der Orte zu verbessern und das Gebiet attraktiver zu machen“, sagt Projektmanagerin Charlotte Huchard-Flory.

Wer jetzt durch das Viertel geht, sieht überall Baustellen: Der Grundriss wird drastisch verändert. Zwei Straßen werden komplett neu angelegt, dazu werden viele der alten Sozialbauten durch neue ersetzt. Dazu kommen neue Gewerbegebiete und eine Straßenbahnlinie, die derzeit im Bau ist. Diese soll Vaulx-en-Velin in 36 Minuten mit der Innenstadt von Lyon verbinden – und damit den Menschen in der Vorstadt den Weg zur Arbeit erleichtern.

Zugang zu Bildung

„Ziel ist, nicht nur Fassaden zu renovieren, sondern auch den Zugang zu Bildung und Arbeit zu verbessern“, sagt die Direktorin des Grand Projet de Ville, Nathalie Chanteclair. Herzstück des Umbauprojekts ist deshalb die neue Mediathek im Zentrum von Mas du Taureau. Sie soll nicht nur ein Ort sein, um Bücher auszuleihen, sondern auch ein soziales Zentrum für die Gemeinde mit einem Café, anmietbaren Studios für Kreative und Aktivitäten für alle Altersgruppen. „Jugendliche müssen einen Ort haben, wo sie sich wohl fühlen, der nicht die Straße ist“, sagt Geoffroy. Der Standort der Mediathek sei bewusst gewählt: „Wir wollen zeigen: Wir haben die Kontrolle wieder.“

Das passt offenbar nicht jedem: Während der Ausschreitungen nach der Tötung eines Jugendlichen durch die Polizei in einem Pariser Vorort im Sommer vergangenen Jahres wurde auch die Mediathek zum Ziel eines Brandstiftungsversuchs. Spuren davon sind heute nicht mehr zu sehen, die letzten zerbrochenen Fensterscheiben wurden kürzlich ersetzt.

Dieser Artikel ist Ergebnis einer Journalistenreise, die das Deutsch-Französische Institut und das Deutsch-Französische Zukunftswerk organisiert und finanziert hatten.

Eine neue Straßenbahnlinie soll die beruflichen Perspektiven der Menschen in Vaulx-en-Velin verbessern.
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Illegale Müllablagerungen sind eines der Probleme im Lyoner Viertel La Guillotière.
Illegale Müllablagerungen sind eines der Probleme im Lyoner Viertel La Guillotière.
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