Pfalz RHEINPFALZ Plus Artikel Wie die Kirchen sparen wollen

Matthäuskirche in Ludwigshafen West: Der Betonbau soll zu einem Stadtteilzentrum werden, so der Wunsch der Kirchengemeinde. Bis
Matthäuskirche in Ludwigshafen West: Der Betonbau soll zu einem Stadtteilzentrum werden, so der Wunsch der Kirchengemeinde. Bis 2060 werden die großen Kirchen bis zu 40.000 ihrer Immobilien verkaufen müssen.

Kirchen, Pfarr- und Gemeindehäuser sind ein wichtiger Teil des Kirchenvermögens. Doch die Mitglieder werden immer weniger, die Gebäude kosten Geld. Das zwingt zum Handeln.

Das Kirchengebäude ist unscheinbar – ein Betonbau aus den 60er Jahren. Drumherum ein Garten – da ein Hochbeet, in dem Kindergartenkinder Gemüse anbauen, dort bepflanzte alte Kaffeekannen oder Töpfe, hier und da blühen Blumen und Unkraut. Mittendrin stehen um einen großen Tisch Stühle, von denen jeder anders ist. Die Matthäuskirche liegt in Ludwigshafen-West, einem Stadtteil mit etwa 5000 Einwohnern aus vielen Nationen und einem sozialen Brennpunkt. Hier ist die Kirche bekannt, werden doch an sechs Tagen in der Woche in der Essbar Lebensmittel ausgegeben, und zwei Mal die Woche ist die Kleiderstube Tragbar geöffnet.

Raum für Begegnungen

An diesem Mittag ist Pfarrerin Kerstin Bartels dort. Für die Theologin ist die Matthäuskirche ein großes Experiment. Sie will den Kirchenraum nebst dem Gelände zu einem Stadtteilzentrum machen. Zwei Drittel der Kirche sind von den Bänken freigeräumt, damit der Raum nicht nur für den monatlichen Gottesdienst, sondern auch für Feste, Begegnungen oder Lesenacht für Kinder genutzt werden kann.

Dieses Experiment bringt Bartels in die Debatte um die kirchlichen Gebäude ein. Denn mit dem Projekt „Gebäude für morgen. Kirchliche Räume 2023“ will die Evangelische Kirche der Pfalz die Unterhaltungskosten für Gebäude bis zum Jahr 2030 um 30 Prozent senken. Zudem sollen Häuser und Räume bis 2035 zu 90 Prozent klimaneutral betrieben werden. Für den Kirchenbezirk Ludwigshafen mit seinen etwa 32.700 Mitgliedern in 15 Kirchengemeinden mit insgesamt etwa 45 Gebäuden (ohne Kitas) heißt das, zu schauen, wo welche Bauten wie genutzt, umfunktioniert oder auch veräußert werden sollen. Ludwigshafen hat Pilotfunktion in der Landeskirche und damit besteht ein gewisser Ehrgeiz, bald Ergebnisse vorzuweisen.

Der Anfang sei mühsam gewesen, sagt Matthias Kiefer, der mit Dekan Paul Metzger das Projektteam leitet. Denn es sei zunächst nicht klar gewesen, über wie viele Kirchen, Gemeinde- und Pfarrhäuser der Bezirk überhaupt verfüge. Inzwischen sind die Daten zusammengetragen: Gebäude- und Grundstücksgrößen, Zustand, Kosten für Heizung und Strom, Energieverbrauch, CO2-Ausstoß.

Gemeindehaus bereits geschlossen

Und die Kirchengemeinden haben sich Gedanken darüber gemacht, welche Gebäude sie auf jeden Fall in gleicher Form weiter nutzen wollen; welche zwar erhalten bleiben sollen, aber aufgrund der nötigen Kostenreduzierung anders oder in Kooperation mit politischer oder katholischer Gemeinde genutzt werden können; und welche mittelfristig aufgegeben werden sollen. Diese Voreinteilung sei bereits erfolgt, sagt Kiefer. Bis August sollen die Vorschläge dem Projektteam vorliegen. Dass man so gut vorangekommen ist, hängt nach Ansicht von Dekan Metzger auch mit einer Moderation zusammen. Diese Rolle hat jemand von der Gemeindeberatung der Landeskirche übernommen. Metzger zeigt sich optimistisch: Mit den Plänen könnten die Einsparziele bis 2030 erreicht werden. Im November soll die Bezirkssynode über die Vorschläge entscheiden.

Auch die Jona-Kirchengemeinde, zu der Matthäus gehört, hat ihre Pläne vorgelegt. Das Gemeindehaus neben der Kirche ist bereits geschlossen. Es soll abgerissen werden und an dessen Stelle ein fünfgruppiger Kindergarten entstehen. Aufgrund der schwierigen Finanzlage der Stadt Ludwigshafen ist der Baubeginn noch nicht absehbar. Das Pfarrhaus ist vermietet. So wurden bereits Unterhaltungskosten gesenkt und CO 2 -Emissionen eingespart.

„Wir stecken in einem Verteilungskampf“

Für Metzger geht es bei den Entscheidungen aber nicht nur darum, Geld zu sparen. „Ich wünsche mir eine Konzentration der kirchlichen Angebote und dass wir nach dem Prozess Gebäude haben, die schön und belebt sind.“ Das bedeutet für ihn auch, Prioritäten zu setzen. Und welche sieht er für die Chemiestadt? „Eine Priorität für Ludwigshafen, finde ich, ist die Diakonie. Die hat die Stadt nötig.“

Klar, dass Kerstin Bartels dem zustimmt. Die Jona-Kirchengemeinde, deren Pfarrerin sie ist, hat dieses sozialdiakonische Profil mit Suppenküche, Café Asyl und Lebensmittel- und Kleiderausgabe. „Diese Initiativen haben uns als Kirche sichtbar gemacht.“ Gleichzeitig macht Bartels sich Sorgen: „Wir stecken in einem Verteilungskampf. Das bemerken wir bei der Lebensmittelausgabe.“ Man müsse wachsam sein, dass die Stimmung nicht kippe. Deshalb wollen die Pfarrerin und die vielen Ehrenamtlichen Anlässe schaffen, damit Menschen sich begegnen können. Besonders auch, weil das städtische Quartiersmanagement Ende des Jahres seine Türen schließt.

Um der Menschen willen

Dafür hat Anfang Juni eine Koordinierungsstelle ihre Arbeit aufgenommen. Deren Aufgabe ist es, die unterschiedlichen Initiativen und Projekte im Stadtteil zusammenzuführen. Finanziert wird die Stelle vom Land in Kooperation mit dem Diakonischen Werk Pfalz. Die beiden Ansprechpartner sind in die Büroräume im Pfarrhaus neben der Matthäuskirche eingezogen. Mit dabei ist die Verbraucherberatung. Hier würden die Menschen Ansprechpartner für ihre Fragen und Nöte finden, so die Pfarrerin.

Kerstin Bartels glaubt: „Vor drei Jahren wäre St. Matthäus noch dichtgemacht worden.“ Und vielleicht verschwunden wie die katholische Kirche in der Nachbarschaft, die vor zwei Jahren abgerissen wurde. Für die Pfarrerin steht außer Frage: „Um der Menschen willen können wir uns hier als Kirche nicht mehr zurückziehen.“

Fragen und Antworten: Wie viele Kirchen wurden in der Pfalz bislang abgerissen?

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