Kommentar
Was „Helden“ verdienen
Pflegekräfte sollen auf eine einmalige Sonderzahlung von bis zu 1500 Euro erhalten – steuerfrei. Auch einige Einzelhandelsketten wollen einen Einmalbetrag auf das Konto ihrer Mitarbeiter überweisen. Der Gedanke dahinter: Denjenigen, die – neben vielen anderen – in der Corona-Krise besonders gefordert und unter Umständen auch besonders gefährdet sind, eine Anerkennung zukommen zu lassen.
Eine solche ist mehr als angebracht. Ebenso wie der derzeit immer wieder zu hörende Hinweis, wie wichtig zahlreiche Berufe, die in normalen Zeiten eher wenig Wertschätzung erfahren, für das Funktionieren von Gesellschaft und Wirtschaft sind.
In der Pflege herrscht seit langem Personalmangel
Nur: Soll sich mit Blick auf die Attraktivität bestimmter Berufe und damit auch auf die Berufswahl tatsächlich etwas auf Dauer verändern, reichen Einmalzahlungen und verbale Belobigungen nicht aus. Wirklich nachhaltig ist nur eine Verbesserung der Bezahlung – und der Arbeitsbedingungen.
Beispiel Pflege: Schon lange vor der Corona-Krise fehlten in dieser Branche, insbesondere in der Altenpflege, Zehntausende Arbeitskräfte – Tendenz steigend. Seit Beginn des Jahres ist der Pflege-Mindestlohn kräftig gestiegen. Dennoch bleibt, da hat Bundesfamilienministerin Franziska Giffey recht, ein Tarifvertrag vonnöten – der dann möglichst auch für alle Pflegekräfte gelten sollte, ob diese nun in staatlichen, kirchlichen oder privaten Einrichtungen arbeiten. Dafür freilich müsste der entsprechende Vertrag für allgemeinverbindlich erklärt werden, was der zuständige Arbeitsminister will, wogegen es aber insbesondere seitens der privaten Betreiber heftigen Widerstand gibt.
Über Wert von Tarifverträgen nachdenken
Beispiel Einzelhandel: Dort kennt die sogenannte Tarifbindung seit langem nur eine Tendenz – nach unten. Die Gewerkschaft Verdi fordert auch für diese Branche die Allgemeinverbindlichkeit eines Tarifvertrags, damit sich alle daran halten müssen – bisher vergeblich.
Staatliche Eingriffe in die Tarifautonomie – und darum handelt es sich letztlich bei der Erklärung der Allgemeinverbindlichkeit oder bei Maßnahmen zur Stärkung der Tarifbindung – sollten gut überlegt und im Grunde immer nur das letzte Mittel sein. Wenn aber in vielen Branchen immer weniger Beschäftigte in Betrieben arbeiten, für die ein Tarifvertrag gilt, kann das die Politik und auch die Gesellschaft nicht gleichgültig lassen. Denn so droht eine wichtige Säule der sozialen Marktwirtschaft Schritt für Schritt geschwächt zu werden. Die Krise sollte Anlass sein, noch einmal vertieft über den Wert von Tarifverträgen, aber auch von starken Arbeitgeberverbänden und Gewerkschaften nachzudenken.
Auch „Helden“ brauchen mal Pausen
Zur Wahrheit gehört freilich auch, dass höhere Einkommen die Kosten steigen lassen. Wer jetzt also die Bedeutung von Pflegekräften, von Kassiererinnen, von vielen anderen Berufen hervorhebt, der sollte zugleich sagen, dass er bereit ist, künftig für gewisse Produkte und Dienstleistungen mehr zu zahlen. Alles andere ist Heuchelei.
Und noch eins: „Heldinnen“ und „Helden“ sollten nicht nur vernünftig bezahlt werden, sie haben sich auch mal Pausen verdient. Deshalb mutete die ursprüngliche Erlaubnis der rheinland-pfälzischen Landesregierung, die Ladenöffnungszeiten wegen der Corona-Krise auf Karfreitag und das Osterwochenende auszuweiten, bizarr an. Hatte in Mainz eigentlich jemand an die betroffenen Beschäftigten gedacht? Richtigerweise hat die Regierung, nach vielfältiger Kritik sowie der Ankündigung von Handelsketten, ihre Läden geschlossen zu halten, am Montag ihre Entscheidung revidiert.