Russland in der Krise RHEINPFALZ Plus Artikel Rätsel um Putins Chef-Bankerin: Wo ist die eiserne Elwira?

Russlands Zentralbankchefin Elwira Nabiullina gilt als Verfechterin einer strikten Stabilitätspolitik – zuletzt mehrten sich Spe
Russlands Zentralbankchefin Elwira Nabiullina gilt als Verfechterin einer strikten Stabilitätspolitik – zuletzt mehrten sich Spekulationen über Spannungen mit dem Kreml.

Russlands Zentralbankchefin ist abgetaucht. Der Kreml spricht von Krankheit. Doch vieles deutet darauf hin, dass sie mit Putins steigenden Rüstungsausgaben hadert.

Elwira Nabiullina fehlte vergangene Woche auf dem Petersburger Wirtschaftsforum. Die Pressestelle der Zentralbank entschuldigte die Chefin krankheitsbedingt. Bereits zuvor hatte sie eine Börsenkonferenz in Moskau versäumt. Auch bei einer Beratung zur Wirtschaftslage mit Präsident Wladimir Putin am Donnerstag war sie nicht anwesend. Putin sprach dort erneut von sinkender Inflation und erklärte, deshalb könne man wohl erwarten, dass der Leitzins gesenkt werde.

Der Leitzins der Zentralbank liegt derzeit bei 14,5 Prozent. Nabiullina hatte ihn zwischenzeitlich sogar auf 21 Prozent angehoben und versucht weiterhin, ihn hoch zu halten, um die Inflation einzudämmen. Danach begannen die Spekulationen. Das Fachportal „Wremja i Dengi“ schrieb von einer „diplomatischen Krankheit“ Nabiullinas. Kremlsprecher Dmitrij Peskow rief dazu auf, ihre Abwesenheit nicht zum Anlass für Verschwörungstheorien zu nehmen. Man wünsche ihr eine schnelle Genesung.

Letzter öffentlicher Auftritt

Zuletzt trat Nabiullina am 22. Mai bei einer Tagung des russischen Bankenverbandes öffentlich auf. Inzwischen wird über Spannungen zwischen dem Präsidenten und seiner Zentralbankchefin spekuliert. Sollte Nabiullina noch einmal auf ihren Posten zurückkehren, schrieb der Telegramkanal „Moschem objasnit“, dann wohl nur, um ihre laufende Amtszeit bis Juni 2027 zu Ende zu führen.

Die 62-jährige Nabiullina, eine Tatarin, leitet die Zentralbank seit 13 Jahren. Sie gilt als wirtschaftsliberale Pragmatikerin und als Verfechterin einer strikten Stabilitätspolitik. Das Magazin „Euromoney“ zeichnete sie 2015 als beste Zentralbankchefin der Welt aus. Trotz heftiger Kritik von Wirtschaftsmagnaten und Nationalpatrioten baute sie große Devisen- und Goldreserven auf.

Hohe Rüstungsausgaben

In Krisenzeiten setzte sie immer wieder auf eine Hochzinspolitik und stabilisierte so 2014 und 2022 den Rubel. „Eine Versicherung gegen Dummköpfe“, nennt sie der Exilwirtschaftswissenschaftler Wjatscheslaw Schirjajew. Ihre Zentralbank galt lange als eine der letzten unabhängigen Institutionen im politischen System Putins.

Nabiullina soll sich zunehmend über die hohen Kosten der russischen „Spezialkriegsoperation“ sorgen. Bis Mai 2026 habe diese bereits ein Defizit von umgerechnet 71,6 Milliarden Euro in den Staatshaushalt gerissen. Nach Informationen von Bloomberg sollen Zentralbank und Finanzministerium Putin in einem Bericht zudem mitgeteilt haben, Kürzungen der Verteidigungsausgaben seien unvermeidlich.

Plant Nabiullina, das Land zu verlassen?

Es heißt, Putin schätze und vertraue Nabiullina. Allerdings umgibt sich der Präsident nicht nur mit Pragmatikern wie ihr, sondern vor allem mit Vertretern der Sicherheitsapparate. Der Telegramkanal „Moschem objasnit“ berichtet unter Berufung auf mehrere kremlnahe Quellen, Vertreter der Sicherheitsapparate drängten Putin dazu, Nabiullinas Sparpolitik aufzugeben, die Geldmenge auszuweiten und das Kriegsrecht einzuführen, um den Konflikt mit der Ukraine und dem Westen weiter zu eskalieren. Nabiullina denke bereits darüber nach, das Land zu verlassen, bevor die Grenzen geschlossen würden.

Die anonymen Aussagen kremlnaher Quellen wirken allerdings zunehmend überzeichnet. Dennoch ist Nabiullinas Verschwinden aus der Öffentlichkeit kaum ein Zeichen wirtschaftlicher Stabilität.

Kürzlich wurde zudem Michail Mamuta, bislang Verbraucherschutzchef der Zentralbank, zu Nabiullinas Stellvertreter ernannt. Mamuta könnte das Tagesgeschäft übernehmen, falls die „eiserne Elwira“ durch einen loyaleren Putin-Vertrauten ersetzt wird – oder falls sie lediglich pro forma zurückkehrt, um ihre letzte Amtszeit in der Zentralbank zu beenden.

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