Interview
Warum unterstützen die Russen Putins „Spezialoperation“?
Professor Gudkow, sind die Russen denn nun für oder gegen Putins Ukraine-Feldzug?
Die Umfragen liefern sehr widersprüchliche Antworten. 76 Prozent der Russen unterstützen Putins sogenannte Spezialoperation, aber 54 Prozent wollen sie auf dem Verhandlungsweg beenden. Man kann von einer Struktur der Zweideutigkeit, des Doppeldenkens reden.
Dennoch meinen knapp die Hälfte der Befragten, diese „Spezialoperation“ habe mehr geschadet als genutzt, nur 28 Prozent reden von mehr Nutzen. Das ist doch paradox?
Seine Loyalität gegenüber dem Staat auszudrücken, ist das eine, das Wachsen der allgemeinen Unzufriedenheit etwas völlig anderes. Letztere entsteht aus der zunehmenden Perspektivlosigkeit des Krieges. 60 Prozent sagen, die Operation verlaufe erfolgreich, aber ihre Kosten finden immer mehr Leute zu hoch: die Gefallenen, Preissteigerungen, Steuererhöhungen. Man ist gegen die enormen Militärausgaben auf Kosten von Sozial- und Gesundheitswesen.
Die arme Provinz äußert sich negativer als das satte Moskau. Moskau ist heute die militaristischste und putinistischste Stadt im Land. Ihr Wohlstand bringt die Moskauer dazu, sich hinter die Staatsmacht zu stellen und mit Zynismus auf das zu reagieren, was in der Ukraine passiert.
Warum ist die Provinz kritischer?
Vor allem die Provinz muss mit Menschenleben bezahlen, in Moskau werden viel weniger Soldaten eingezogen. Aber das sind die Gründe an der Oberfläche.
Darunter verbirgt sich das Bedürfnis der Hauptstädter, das Scheitern der demokratischen Bewegung und die Reaktion des Westens darauf zu kompensieren. Die gut gebildeten Moskauer reagieren so auch auf die westliche Kritik nach dem Anschluss der Krim 2014: Ihr liebt uns nicht, ihr verachtet und verurteilt uns, wir aber unterstützen Putin und seinen Krieg! Sie glauben nicht sehr an die Propaganda, aber übernehmen ihre Argumente, weil ihnen das erlaubt, ihr Selbstwertgefühl zu schützen. Niemand will sich als Faschist fühlen.
Die Moskauer argumentieren mit Parolen, an die sie selbst nicht glauben?
Sie argumentieren auch gegenüber sich selbst. Das ist ein Doppelspiel des Bewusstseins. Man will nicht als Aggressor dastehen, nicht die Schuld für diesen Krieg auf sich nehmen, will kategorisch keine Verantwortung tragen. Das ist einerseits opportunistisch, andererseits psychischer Selbstschutz. So rechtfertigen sie die eigene Passivität.
Was erwarten die Russen von Putins „Spezialoperation“?
Anfangs erwarteten alle einen Blitzsieg, die Ziele waren klar formuliert: „Denazifizierung“ und „Demilitarisierung“ der Ukraine. Jetzt sind die irgendwo verschwunden, es gibt keine Resultate, die Zweifel wachsen. In der Ukraine wehrt sich ja nicht ein Häuflein Faschisten, sondern eine ganze Nation. Aber der öffentlichen Meinung fehlen anerkannte Informationsquellen und Meinungsführer. 54 Prozent der Russen sind für Verhandlungen. Aber die absolute Mehrheit will, dass man die Kapitulation der Ukraine verhandelt: Verzicht auf Nato- und EU-Beitritt, politischer Machtwechsel, und Russland behält die besetzten Gebiete. Auch das ist paradox ...
Putins Narrative gelten als erzsowjetisch. Denken die Russen noch immer so wie die Sowjetmenschen?
Sie sind Sowjetmenschen geblieben, nur zynischer geworden. Ihr Bewusstsein ist weiter hierarchisch. Die Obrigkeit darf, was ich nicht darf. Es gibt keine für alle gültige Moral. Dazu kommen Zynismus und Anpasserei. Wenn ich etwas nicht verändern kann, fühle ich mich dafür nicht verantwortlich, sondern mache dicht. Und man denkt imperial: Wir sind eine Großmacht. Ja, wir leben schlechter als der Westen, aber wir haben eine große Armee.
Was bedeuten Putins „traditionelle Werte“ für die Russen?
Seine traditionellen Werte sind ein ideologisches Phantom. Was ist eine traditionelle Familie mit vielen Kindern, wenn über die Hälfte der Ehen in Russland zerbricht?
Was ist den Russen denn wichtig?
Am wichtigsten sind ein halbwegs gutes Einkommen und Wohlstand in der Familie. Die Leute distanzieren sich von der Politik, existieren in kleinen, isolierten Gruppen: ich, meine Familie, mein Freundeskreis. Alle anderen gibt es nicht.
Was müsste passieren, damit das Volk auf die Straße geht?
Russland müsste eine militärische Niederlage erleiden. Das ist nicht sehr wahrscheinlich. Aber es wäre ein schwerer Schlag für die Autorität Putins, seine Großmachtideologie würde zusammenbrechen. Dass die Armee mit der viel schwächeren Ukraine nicht fertig wird, ist schon jetzt eine der Erklärungen für die wachsende Unzufriedenheit.
Militärische Niederlage, heißt das Rückzug aus besetzten Gebieten?
Ja. Wenn Präsident Putin diese Woche den Krieg beenden wollte, würden 72 Prozent das befürworten, 20 Prozent wären dagegen. Aber wenn man dafür die neu angeschlossenen ukrainischen Gebiete zurückgeben müsste, würden das nur 31 Prozent begrüßen, 60 Prozent sind dagegen.
Das heißt, Putin hat keine Wahl? Er muss weiterkämpfen bis zu einem halbwegs siegreichen Ende?
Richtig. Putins kämpft um seine physische Existenz.
Wenn Putin die Truppen wieder aus der Ukraine abzöge, würde hier wirklich Revolution ausbrechen?
Das würde enorme Spannungen und Enttäuschung hervorrufen. Für offene Proteste reichte dann ein kleiner Anlass. Die Russen sehen sich noch immer als Großmacht, die ein riesiges Gebiet braucht. Wir lernen schon auf der Schulbank, dass wir immer von Feinden eingekreist waren.
Selbst wenn Putin irgendwann geht, verlangt das Volk von seinen Nachfolgern die gleiche imperiale Politik?
Die imperialistischen Stimmungen dominieren, aber sie werden ganz langsam schwächer. Wir haben auch gefragt, in welchem Land die Russen lieber leben würden: In einer militärisch starken Großmacht, die alle fürchten. Oder in einem kleineren, komfortablen Land mit hohem Lebensstandard. 40 Prozent wären gerne Großmacht. Aber 55 Prozent lebten lieber in einem komfortablen kleinen Staat.
Zur Person
Professor Lew Gudkow (77) ist wissenschaftlicher Leiter des unabhängigen Lewada-Zentrums für Meinungsforschung in Moskau und einer der führenden Soziologen Russlands.