Artenschutz RHEINPFALZ Plus Artikel Warum ein Rotkehlchen im walisischen Aldi-Markt bleiben darf

Singt schön – und kann ganz schön aggressiv werden: das Rotkehlchen.
Singt schön – und kann ganz schön aggressiv werden: das Rotkehlchen.

Wenn die Laderampe offen steht, kann es schon frühmorgens in den Laden gelangen. Ansonsten wartet das Rotkehlchen, bis pünktlich um acht Uhr die Türen der Aldi-Filiale im walisischen Marktflecken Brecon aufgeschlossen werden. Dann fliegt es zu seinem Stammplatz im Mittelgang des Ladens, setzt sich auf die Waren und fängt an zu singen. Für die (meisten) Kunden des Aldi-Shops ist das ein Hochgenuss.

„Erithacus rubecula“, das Europäische Rotkehlchen, von den Briten „Robin“ genannt, wurde im Inselreich 2015 mit großer Mehrheit zum Nationalvogel gewählt. Ein „Robin“ gilt als Glücksbringer, als Symbol für Wiedergeburt und als Bote der Verstorbenen. Der Vogelexperte Stuart Winter spricht dem beliebten Singvogel sogar zentrale britische Werte zu: „Klein von Statur, aber großherzig, freundlich, loyal und einnehmend, gleichzeitig kriegerisch und kompromisslos gegenüber jedem, der es in seinem Herrschaftsbereich bedroht.“

Nicht alle sind begeistert

Kundin Shealagh Blake mag das Rotkehlchen besonders: „Es saß auf einer Dose Biskuitkuchen, nachdem mein Bruder starb. Es gab mir Trost“. Über Fotos und Videos wurde der Aldi-Vogel populär, in den Sozialen Medien genießt er Starstatus. Doch anscheinend sind nicht alle Kunden begeistert. Was denn ein Wildvogel in einem Geschäft zu suchen habe, wurde gefragt. Schließlich wurde die Frage nach der Hygiene gestellt.

Das Gerücht ging um, dass die Geschäftsleitung Maßnahmen ergreifen und den Vogel fangen oder gar töten wolle. Daraufhin organisierte Stefan Woods eine Petition übers Internet. Innerhalb weniger Stunden kamen über 350 Unterschriften pro „Robin“ zusammen. Aldi lenkte ein. Besonders der Verweis, dass ein Rotkehlchen gesetzlich geschützt ist, scheint gewirkt zu haben. Britische Gesetze verbieten, dass Rotkehlchen gejagt, gefangen oder getötet werden dürfen.

Vielleicht ganz anders gemeint

Jetzt darf der Piepmatz also weiter in die Aldi-Filiale ein- und ausfliegen. Die meisten Kunden freut’s. Wenn die sich nur mal nicht getäuscht haben in dem anscheinend so niedlichen Tier. Denn Ornithologe David Lindo weiß: „Das Rotkehlchen ist ausgesprochen territorial und gewalttätig, selbst die Weibchen. Es ist bekannt dafür, andere Vögel zu töten, wenn sie in sein Gebiet eindringen.“ So gesehen ist der Gesang vielleicht ganz anders gemeint. Das Rotkehlchen brüllt die Leute sozusagen an, doch einfach aus seinem Revier zu verschwinden.

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