Fragen und Antworten RHEINPFALZ Plus Artikel Wannseekonferenz: Keinerlei moralische Bedenken gegen die „Endlösung“

Das Original-Protokoll im Archiv des Auswärtigen Amtes in Berlin.
Das Original-Protokoll im Archiv des Auswärtigen Amtes in Berlin.

Wie Bürokraten vor 80 Jahren am Berliner Wannsee den Massenmord an Europas Juden planten.

Als sich am 20. Januar 1942 führende Vertreter der NS-Bürokratie für etwa eineinhalb Stunden am Berliner Wannsee trafen, stand nur ein Thema auf ihrer Tagesordnung: die Organisation des Massenmords an den europäischen Juden – bis zu elf Millionen Menschen.

Wurde der Völkermord erst an diesem Tag beschlossen?
Nein. Diese Annahme ist zwar weit verbreitet, deckt sich aber nicht mit den historischen Fakten. Reichsmarschall Hermann Göring und SS-Chef Heinrich Himmler hatten bereits ein Jahr zuvor Reinhard Heydrich, den Chef der Sicherheitspolizei und des Sicherheitsdienstes (SD), mit der „Endlösung“ beauftragt. Im Juli 1941 hatte Heydrich von Göring dann die Vollmacht erhalten, „alle erforderlichen Vorbereitungen in organisatorischer, sachlicher und materieller Hinsicht für eine Gesamtlösung der Judenfrage im deutschen Einflussgebiet in Europa“ zu treffen. Die „Endlösung“ war im Januar 1942 also bereits beschlossen. Allerdings galt sie als „geheime Reichssache“, denn Adolf Hitler wollte öffentlich noch nicht direkt mit ihr in Verbindung gebracht werden.

Wie war die Lage der Juden zu diesem Zeitpunkt?
Die Verfolgung und Ermordung von Jüdinnen und Juden waren bereits in vollem Gang. Seit dem Überfall auf die Sowjetunion durchkämmten Einsatzkommandos die besetzten Gebiete und mordeten systematisch. Die bis dato praktizierten Erschießungen waren nach Meinung der NS-Verantwortlichen aber zu kostenintensiv und dauerten ihnen zu lange. Deswegen wurden im Herbst 1941 zum ersten Mal Laster zu mobilen Gaswagen umgerüstet. Auch die Deportationen in Zügen der Deutschen Reichsbahn von Deutschland aus in die besetzten Gebiete waren bereits im Oktober 1941 angelaufen. Zum Zeitpunkt der Konferenz am Wannsee war das von Heydrich präsentierte Konzept in Teilen schon umgesetzt, mehr als eine halbe Million Menschen waren inzwischen ermordet worden.

Worum ging es auf der Konferenz?
Am Wannsee ging es vorrangig darum, wie der geplante Völkermord noch effektiver zu organisieren sei. Heydrich hatte 14 führende Ministerialbeamte aus verschiedenen Reichsministerien sowie hohe NSDAP- und SS-Funktionäre geladen. Neun von ihnen waren Juristen, unter ihnen Roland Freisler, der spätere Präsident des Volksgerichtshofs. SD-Chef Heydrich hatte sich, so die vorherrschende Meinung der Historiker, mittels dieser Zusammenkunft auch die Kooperation der Teilnehmer sichern wollen. Ziel war die reibungslose Zusammenarbeit der verschiedenen Behörden bei der Deportation der Juden in die besetzten Gebiete, wo der Bau von Vernichtungslagern bereits weit fortgeschritten war. Darüber hinaus wollte Heydrich demonstrieren, dass die Federführung des Projekts bei ihm lag. Bei der Vernehmung während seines Prozesses in Jerusalem (1961) sagte Adolf Eichmann, der als „Judenreferent“ das Protokoll der Sitzung verfasst hatte, Heydrich sei nach der Konferenz bester Laune gewesen. Dieser konnte laut Eichmann bei dem Treffen seine Position festigen, keiner der Teilnehmer hatte Heydrichs Führungsanspruch infrage gestellt.

Wie nahmen die Teilnehmer Heydrichs Pläne auf?
Einwände oder gar moralische Bedenken hatten die Konferenzteilnehmer keine. Im Gegenteil: Sie lieferten sich einen regelrechten Wettbewerb mit Vorschlägen und Anregungen zu den Vernichtungsaktionen. Es wurde unter anderem intensiv darüber diskutiert, wer als Jude zu gelten habe. Über die Behandlung von „Halbjuden“ und „Mischehen“ gab es längere Debatten. Heydrichs Versuch, den Kreis der bereits von Verfolgung Betroffenen noch stärker auszuweiten, scheiterte allerdings. Leitlinie blieben die „Nürnberger Rassengesetze“ von 1935, was zumindest einigen in „Mischehen“ lebenden Juden und ihren Kindern das Leben rettete.

Wie wurden die Beschlüsse der Wannseekonferenz bekannt?
Nach dem Zweiten Weltkrieg machten US-Ermittler das Protokoll-Exemplar für Unterstaatssekretär Martin Luther vom Auswärtigen Amt ausfindig. Das Protokoll belegt unter anderem, dass der gesamte bürokratische Apparat des NS-Staates am Völkermord beteiligt war. In dem Dokument wird das Ziel formuliert, mehr als elf Millionen Juden ins besetzte Osteuropa zu „evakuieren“. „Unter entsprechender Leitung sollen nun im Zuge der Endlösung die Juden in geeigneter Weise im Osten zum Arbeitseinsatz kommen, wobei zweifellos ein Großteil durch natürliche Verminderung ausfallen wird“, ist da zu lesen.

Welchen Stellenwert hatte die Konferenz?
„Mit der Bitte des Chefs der Sicherheitspolizei und des SD an die Besprechungsteilnehmer, ihm bei der Durchführung der Lösungsarbeiten entsprechende Unterstützung zu gewähren, wurde die Besprechung geschlossen“, endet das Protokoll. Der Mord an den europäischen Juden wurde damit zum schriftlich festgelegten Ziel deutscher Regierungspolitik. Für Heydrich und seine Pläne war das Treffen ein voller Erfolg. Der SD-Chef und sein „Judenreferent“ Eichmann, so die Quellen, stießen nach Abfahrt der übrigen Teilnehmer darauf noch mit einem Cognac an.

Was wurde verwirklicht?
Alle Ergebnisse und Beschlüsse der Konferenz wurden fast unverzüglich in die Tat umgesetzt. Bereits im Januar 1942 schrieb Adolf Eichmann an alle Dienststellen im Deutschen Reich, die seit Oktober 1941 laufenden Deportationen fortzusetzen und zu intensivieren. Die „Endlösung“ habe begonnen. Kurze Zeit später waren im Konzentrationslager Auschwitz die Gaskammern fertig.

Wie wird die Villa am Wannsee heute genutzt?
Das Haus der Wannseekonferenz ist seit 1992 eine Gedenk- und Bildungsstätte und zeigt unter anderem in einer Dauerausstellung „Die Besprechung am Wannsee und der Mord an den europäischen Jüdinnen und Juden“ sowie Online-Ausstellungen zum deutschen Überfall auf Polen 1939 mittels der Bilder des Wehrmachtsoffiziers Kurt Seeliger und mit Tagebüchern verschiedener Soldaten. Die Joseph Wulf Bibliothek sammelt Bücher, Zeitschriften, Filme und Hördokumente zu den Themen der Bildungsstätte.

Von der Wannseekonferenz führte der Weg direkt in die NS-Vernichtungslager. „Der Tod ist ein Meister aus Deutschland“ lautet der
Von der Wannseekonferenz führte der Weg direkt in die NS-Vernichtungslager. »Der Tod ist ein Meister aus Deutschland« lautet der Titel einer umfassenden Dokumentation von Lea Rosh und Eberhard Jäckel (1990), die sich mit diesem systematischen, minutiös geplanten Massenmord befasst.
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