Speyer RHEINPFALZ Plus Artikel Filmemacher Benjamin Martins über seinen Film „Schattenstunde“

Jochen Klepper (Christoph Kaiser, links) im Büro von Adolf Eichmann (Dirk Waanders, rechts): Das historische Stadtarchiv in Spey
Jochen Klepper (Christoph Kaiser, links) im Büro von Adolf Eichmann (Dirk Waanders, rechts): Das historische Stadtarchiv in Speyer dient in »Schattenstunde« als Kulisse für Adolf Eichmanns Büro.

Tod oder Trennung – vor dieser Entscheidung standen im Dritten Reich Tausende von Deutschen, die eine sogenannte Mischehe mit Juden führten. „Schattenstunde“ des Speyerer Regisseurs Benjamin Martins erzählt davon – der Film ist jetzt für den „First Steps“-Award nominiert. Antonia Kurz hat mit Martins gesprochen. Ort und Tag der Uraufführung sind schon in der Planung.

Das Dritte Reich ist in seiner Schrecklichkeit einzigartig. Es gibt bereits viele Filme darüber. Weshalb sollte man Schattenstunde dennoch sehen?
„Schattenstunde“ versteht sich nicht vorrangig als Spiegel des Dritten Reichs. Vielmehr erzählt der Film die ganz persönliche Auseinandersetzung des Schriftstellers Jochen Klepper mit der damaligen Situation. Das Kinopublikum erlebt eine Geschichte über Zusammenhalt und tiefen Glauben an Gott im Schatten jener schrecklichen Zeit. Die Umsetzung von Schattenstunde unterscheidet sich auch deutlich von anderen Filmen mit dieser Thematik. Es war mir wichtig, einen Film zu machen, den man sich, trotz des schweren Themas, gern anschaut.

Wie ist dieser Unterschied Ihrer Meinung nach gelungen?
Um das zu erreichen, öffne ich eine neue Ebene und mache die innere, äußerst fantasievolle Gedankenwelt Jochen Kleppers für das Publikum sichtbar. Die Begründung der Jury zur Nominierung des First Steps Award lautet daher auch: „Mit beeindruckendem Mut erzählt Benjamin Martins die Geschichte von Jochen Klepper. Ein Kammerspiel, das mit den Konventionen bricht und mit unerschöpflichem Einfallsreichtum eine künstlerische Übersetzung emotionaler Klaustrophobie findet.“

Das heißt, der Film spielt im Wesentlichen im Haus der Familie der Kleppers?
Mit einigen Ausnahmen, ja. Im Laufe des Films wird der Wohnraum der Familie Klepper auch deutlich enger. Die Wände und die Decke rücken immer weiter zusammen und geben am Ende nur noch Platz für den Gasherd, vor dem die Familie, vor knapp 80 Jahren, ihr Leben ließ. Mit diesem Sinnbild möchte ich die Ausweglosigkeit und die gefühlte Enge transportieren, in der sich viele Menschen zur Zeit des Nationalsozialismus wiederfanden.

Zusammengefasst: Von was handelt der Film?
Jochen Klepper lebte als christlicher Schriftsteller, Journalist und Dichter mit seiner jüdischen Frau Johanna und seiner ebenfalls jüdischen Stieftochter Renate, in der Zeit des Nationalsozialismus, in Berlin. Am 10. Dezember 1942 scheiterte die Ausreise von Frau und Stieftochter aus dem ehemaligen Deutschen Reich und die Deportation der weiblichen Familienmitglieder stand kurz bevor. Von Adolf Eichmann vor die Goebbelsche Alternative gestellt, Beruf oder Ehe, traf Jochen Klepper eine unerhörte Entscheidung. Eine Entscheidung, die mit ihm tausende Deutsche in Mischehe getroffen haben. So leise, dass selbst heute nur wenige davon gehört haben.

Welche?
Um 1942 gab es allein in Berlin zwischen 20 und 30 jüdischer Familienselbstmorde täglich. Familie Klepper teilt dieses Schicksal. Am Abend der Ablehnung des Ausreisegesuchs schloss die Familie ihre Fenster und ließ den Gasherd laufen. Viele der Namen dieser Menschen sind heute verloren gegangen, da sie sich beispielsweise nicht auf den Gedenktafeln der ehemaligen Konzentrationslager wiederfinden. „Schattenstunde“ möchte auch an jene Menschen und diese eigene, sehr dunkle Farbe der Menschenvernichtung erinnern.

Wie lautet der letzte Tagebuch-Eintrag?
Jochen Klepper schrieb: „Nachmittags die Verhandlung auf dem Sicherheitsdienst. Wir sterben nun - ach, auch das steht bei Gott. Wir gehen heute Nacht gemeinsam in den Tod. Über uns steht in den letzten Stunden das Bild des segnenden Christus, der um uns ringt. In dessen Anblick endet unser Leben.“

In einem früheren Gespräch hatten Sie gesagt, dass Sie froh seien, finanziell bei null raus zu kommen. Gab es doch eine positive Überraschung?
Walt Disney hatte mal gesagt: „Wir machen keine Filme, um Geld zu verdienen. Wir verdienen Geld, um Filme zu machen.“ Dieses Zitat über Filmemacher passt auch gut zu mir.

Weshalb?
Wenn mir eine Geschichte am Herzen liegt, treiben mich das künstlerische Befassen mit dem Thema sowie die gesellschaftliche Relevanz des Inhalts an. Nicht der Wunsch nach dem bestmöglichen wirtschaftlichen Ergebnis. Dennoch habe ich das Glück, inzwischen hauptberuflich als Filmemacher arbeiten zu können. Dies liegt insbesondere aber auch an meinen Image- und Werbefilmproduktionen. Es ist nicht zu erwarten, dass Schattenstunde die hohen Produktionskosten mit deutlichem Gewinn wieder einspielt.

Das Drehbuch basiert unter anderem auf den Tagebüchern von Jochen Klepper. Begründet er darin seine Entscheidung mit seiner Familie in den Tod zu gehen?
Ja, für die Familie stand bereits ein Jahr vor ihrem Tod fest, dass sie sich nicht von den Nationalsozialisten auseinanderreißen lassen werden. Der gemeinsame Tod, war der letzte Weg, den sie noch gemeinsam gehen konnten. Und sie gingen ihn mit dem festen Glauben, dass sie sich auf der anderen Seite wiedersehen.

Sie haben sich ja jahrelang mit dem Schicksal der Familie beschäftigt. Sind diese immer in ihren Gedanken?
Mit dem Film habe ich mich, gemeinsam mit Jochen Klepper, auf die Suche nach Antworten gemacht. Jochen Klepper wird seine Antworten gefunden haben. Ich habe noch ein Stück Weg vor mir. Seine Erlebnisse, Gedanken und Texte berühren. Und sie werden mich, sowie später sicher auch das Kinopublikum, noch eine ganze Weile begleiten.

Weshalb heißt der Film „Schattenstunde“?Zunächst beschreibt der Titel die Dunkelheit des Augenblicks. Darüber hinaus werden Jochen Kleppers Zweifel und sein innerer Kampf in der Figur des „Schatten“ sichtbar. Auch der Auseinandersetzung Jochen Kleppers mit der - in unserem Film - sehr realen Schattengestalt verdankt der Film seinen Namen.

Gibt es ein Grab der Familie Klepper?Jochen und Johanna Klepper wurden gemeinsam mit ihrer Tochter Renate auf dem Berliner Friedhof Nikolassee bestattet. Auch unser Hauptdarsteller, Christoph Kaiser, hat dieses Grab im Rahmen seiner intensiven Vorbereitungen zum Film besucht.

Glückwunsch zur Nominierung. Wie wichtig ist der First Steps Award in der Filmbranche?
Herzlichen Dank. Der First Steps Award gilt als wichtigster Nachwuchsfilmpreis Deutschlands. Sechs der größten namhaften Medien, Amazon Studios, Seven.One Entertainment Group, Studio Hamburg, UFA und Warner Bros., bilden unter dem Dach der Deutschen Filmakademie, die auch den Deutschen Filmpreis vergibt, die Säulen des First Steps Award. Nur drei Regisseur:innen aus dem gesamten deutschsprachigen Raum wurden dieses Jahr in der Kategorie „Abendfüllender Spielfilm“ nominiert.

Gibt die Nominierung auch Rückenwind für die nächste Produktion?
Insbesondere für meine neue Kinofilmproduktion, an der ich zur Zeit arbeite, ist die Nominierung Gold wert. Denn das Ziel der Veranstalter ist es, allen Nominierten und Gewinner:innen bei Ihren zukünftigen Projekten zur Seite zu stehen.

Wann kommt der Film in die Kinos?
Voraussichtlich am 27. Januar 2022, dem internationalen Gedenktag an die Opfer des Holocaust.

Landesweit?
Ja, der Film wird regulär in ganz Deutschland in den Kinos zu sehen sein. Darüber hinaus hat der Filmverleih die Rechte für Österreich, Luxemburg, Lichtenstein und die Schweiz.

Wird es eine Sondervorführung in Speyer geben?
Die große Kinopremiere mit den Schauspielern und tollem Rahmenprogramm wird nach aktuellem Stand in Mannheim stattfinden. Also nur ein Katzensprung von Speyer entfernt. In Speyer und der Region werden zusätzlich nicht-öffentliche Sondervorführungen an Schulen, in Vereinen und kirchlichen Einrichtungen organisiert. Bei diesen Veranstaltungen möchten wir anhand des Films mit Jugendlichen über die Themen Antisemitismus, Rassismus und Minderheiten ins Gespräch kommen, um zu sensibilisieren und um die demokratische Gegenkultur zum rechten Mainstream zu stärken.

Benjamin Martins
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