Politik
Kein russischer Aufstand gegen die „Spezialoperation“
Igor Iwanow ist entsetzt. Nach längerer Zeit war er wieder in der alten Heimat. Und hat die Menschen in Russland nicht wiedererkannt. „Von einer ganz lieben, immer hilfsbereiten Bekannten habe ich zu hören bekommen, dass alle Ukrainer getötet werden müssten“, erzählt er. Vor mehr als einem Vierteljahrhundert ist Iwanow nach Deutschland gekommen. Was er arbeitet und wo er lebt, das soll nicht genannt werden, genauso wenig wie sein richtiger Name. Er hat große Angst vor Repressalien oder gar Schlimmerem, sollte er irgendwann wieder nach Russland einreisen. Denn Iwanow hat noch immer einen russischen Pass. Bis zur Vollinvasion der Ukraine habe er auch keinen Grund gesehen, die deutsche Staatsbürgerschaft zu beantragen, erzählt er. Jetzt hat er es aber getan.
Der Krieg, den Russland seit Jahren gegen die Ukraine führe, sei zurückgekehrt zu den Angreifern. Für viele Russen eine Situation, die sie nie für möglich gehalten hätten. Das Land werde militarisiert, berichtet Igor. Überall hingen Plakate, in denen die Armee um Freiwillige werbe. „Dienst du auch schon deiner Heimat?“, werde da gefragt und die jungen Männer würden mit viel Geld an die Front gelockt: „Das ist reines Söldnertum“.
Ukrainerinnen und Ukrainer würden entmenschlicht, als „Nazis“, „Perverse“ und „Faschisten“ beschimpft. Und das, obwohl zu Sowjetzeiten alle quasi unter einem Dach gelebt hätten. „Es gibt viele russisch-ukrainische Ehen“, sagt Iwanow. In Russland lebten noch Ukrainer, auch ohne russischen Pass und völlig unbehelligt. Das passe alles nicht zusammen.
Intellektuelle für Putin
Er sei überrascht, wie viele Unterstützer Kremlchef Wladimir Putin habe, sogar unter Intellektuellen. Allerdings bröckele die Zustimmung. „Die Menschen sind müde. Das Leben ist teuer geworden, die Inflation steigt. Auslandsreisen sind schwierig und die sozialen Medien zum Teil abgeschaltet“, erzählt Iwanow. Das erzeuge vereinzelt sogar leisen Protest.
Dieser Protest der vorwiegend wohlhabenden Hauptstädter richte sich allerdings nur gegen die Verschlechterung des individuellen Lebensstandards, sagt der Russlandexperte Andey Gurkov, nicht gegen den Krieg an sich. „In Moskau lebte man schon immer in einer Komfortzone, alles andere ist weit weg“, sagt er. Wenn allerdings der Wohlstand in Gefahr scheine, das Leben teurer werde, dann wachse die Unzufriedenheit.
Dass ein Umdenken einsetzen werde, wenn immer mehr Soldaten in der Ukraine fallen, davon geht er nicht aus. Derzeit dienten dort vor allem Freiwillige, die mit jeweils rund 3,1 Millionen Rubel (etwa 36.000 Euro) Prämie an die Front gelockt würden. „Die Trauer um die Gefallenen hält sich bei den anderen in Grenzen“, weiß er zu berichten. „Wenigsten hat die Witwe jetzt ein neues Auto“, sei eine typisch zynische Reaktion auf eine solche Todesnachricht.
1959 in Moskau geboren, wuchs Gurkov als Sohn des Deutschlandkorrespondenten der „Komsomolskaja Prawda“ in Ost-Berlin und Bonn auf. Der Journalist, der von 1993 bis 2025 für die Deutsche Welle aus Russland berichtete, sah sich immer als Brückenbauer, als Vermittler zwischen dem Westen und seiner alten Heimat. Doch der Überfall auf die Ukraine 2022 hat ihn ernüchtert, die Brutalität des Krieges hat ihn desillusioniert. 2025 erschein sein Buch „Für Russland ist Europa der Feind“, in dem er sich mit den historischen, kulturellen und politischen Ursachen der Entfremdung auseinandersetzt.
Doch was kann den Krieg beenden? Eine starke Ukraine und echte Sanktionen des Westens, meint Gurkov. Jetzt schon erreichten ukrainische Drohnen Städte wie Moskau und St. Petersburg und legten dort die Energieversorgung und die für den Export wichtige Gas- und Ölproduktion lahm. Die russische Wirtschaft sei am Schwächeln, auch weil es durch die Rekrutierungen an Arbeitskräften mangele. Dem Russlandexperten zufolge ist dies ein großes Problem für Putin. Die Prämien für die Freiwilligen und die Entschädigungszahlungen im Todesfall verschlängen Unsummen. „Trotzdem sterben derzeit mehr Soldaten an der Front, als Freiwillige nachkommen“, sagt er. Eine erneute Generalmobilmachung wie im Herbst 2022 könne sich der Kremlchef aber auch nicht leisten. Damals flüchteten Tausende junge Männer ins Ausland. Und die Wirtschaft werde einen weiteren Abzug von Arbeitskräften schon gar nicht verkraften. „Ein Dilemma für Putin“, so Gurkov.
Auch Brigadegeneral Gerhard Ernst-Peter Klaffus vom militärischen Hauptquartier der Nato (SHAPE) im belgischen Mons plädiert für eine entschlossene Haltung des Westens. Er erinnert daran, dass die Nato selbst nach der Annexion der Krim die Beratungen mit Russland weitergeführt habe – bis zur Vollinvasion in die Ukraine 2022. „Russland hat keinen echten Plan, es reagiert auf Opportunitäten“, sagt Klaffus. Und die dürfe man ihm nicht mehr geben, warnt er.
Klassische Hegemonialmacht
Aber wieso ließ sich Moskau durch all die Verhandlungsbemühungen seitens der Nato und auch der EU (Minsker Abkommen) nicht von dem Überfall auf die Ukraine im Februar 2022 abbringen? Russland sei eine klassische Hegemonialmacht, sagt der Historiker Martin Schulze Wessel von der Ludwig-Maximilians-Universität München. Es sehe sich als „Verteidiger traditioneller Werte“ und „Sammler russischer Erde“. Konkret bedeute das, dass Moskau Anspruch auf alle Territorien erhebe, die historisch zur Kiewer Rus gehört hätten.
Nichts Neues, meint Schulze Wessel. So habe schon Zar Iwan IV., „der Schreckliche“ (1530-84), argumentiert, und Zarin Katharina II. (1729-96) habe damit die drei polnischen Teilungen begründet. Seit dem 19. Jahrhundert propagiere man in Moskau, dass Russland zerfalle, wenn die Ukraine das Reich verlasse. Dieses Denken sei bis heute fest verwurzelt in Russland, alle die Argumente tauchten beim aktuellen Kremlchef wieder auf. „Die spannende Frage lautet nun, ist Putin wirklich so von der Geschichte besessen oder instrumentalisiert er sie für sich?“, sagt der Münchner Historiker.
Denkmuster aus längst vergangener Zeit haben also Konjunktur in Russland. Gestützt auf russische Philosophen des 19. Jahrhunderts verbreite der Kreml – flankiert von dem Moskauer Patriarchen Kyrill I.–, dass der liberale Westen mit seiner „Beliebigkeit“ eine Gefahr für Russland darstelle, das ganz spezielle Werte habe. Liebe zum Vaterland gehört Victoria Bachmann zufolge dazu, die Familie, russische Traditionen. Die Philosophin, die Anfang der 1990er aus Russland nach Deutschland kam und heute an der Universität Rostock lehrt, hat sich mit den Vorbildern Putins beschäftigt, unter anderem mit Nikolaj Danilewskij und Iwan Iljin. Ihr zufolge verkennt der Westen die große Bedeutung, die deren Theorien nicht nur für den Kremlchef sondern auch für das russische Volk haben. „Iljin ist der meistzitierte Philosoph Russlands, sein Werk ,Unsere Aufgaben’ das Lieblingsbuch Putins. Und es gibt noch nicht einmal eine deutsche Übersetzung davon“, sagt sie.
Ein organisches Russland, in das sich jeder einzelne Bürger einfüge, als Gegenentwurf zum individuell geprägten, demokratischen Westen. Einem Westen, der seine aufklärerischen, liberalen Werte allen anderen überstülpen wolle. Das sei die Sicht der Philosophen der 19. Jahrhunderts, die das Denken in Russland bis heute präge, erklärt Bachmann. Der Westen verstehe Russland nicht, hasse es sogar. Russland wiederum sei die Schutzmacht aller Slawen, müsse den „slawischen Bund“ von Russen, Belarussen und Ukrainern am Leben halten, während Europa versuche, sie auseinanderzudividieren.
Indoktrination an Schulen
Doch wie schafft es der Kreml, die Menschen in seinem Riesenreich mit diesem Gedankengut zu füttern? Einmal, weil es immer schon dagewesen sei, in modifizierter Form die Sowjetzeit überdauert habe, so der Historiker Schulze Wessel. Und weil die komplette Bildungslandschaft inzwischen auf die Vermittlung dieser Ideen ausgerichtet sei, ergänzen die Bildungswissenschaftler Fedor Korochin und Polina Vasineva, die Russland nach der Invasion 2022 verlassen haben. An der Katholischen Universität Eichstätt haben sie die „Systemische Indoktrination an russischen Schulen“ untersucht. Und die scheint erfolgreich. Selbst wenn einzelne Lehrer, Schüler oder Eltern das Gedankengut ablehnten, eine offene Diskussion darüber finde längst nicht mehr statt, so die Wissenschaftler.
Das könnte vielleicht eine Erklärung dafür sein, warum dieser Krieg gegen den Nachbarn Ukraine, mit dem es so viele verwandtschaftliche Beziehungen und eine gemeinsame Vergangenheit in der Sowjetunion gibt, von vielen Menschen in Russland unterstützt wird. Und warum es, wie der Publizist Gurkov betont, in naher Zukunft keinen Aufstand gegen die „Spezialoperation“ geben wird.