Meinung RHEINPFALZ Plus Artikel Von Schimpansen lernen: Wie Nachbarn zu Feinden werden

Schimpansen-Studie aus Uganda: Vor der Spaltung in zwei Lager interagierten die Tiere im Kibale-Nationalpark miteinander.
Schimpansen-Studie aus Uganda: Vor der Spaltung in zwei Lager interagierten die Tiere im Kibale-Nationalpark miteinander.

Der Weg zum Krieg beginnt vor dem ersten Schuss: Wenn Kontakte abbrechen und aus politischen Gegnern Feinde werden. Deshalb sind persönliche Beziehungen so wichtig.

Manchmal hilft ein Blick in den Wald, um etwas über die Welt zu lernen. In diesem Fall über Krieg. Forschende haben über Jahrzehnte beobachtet, wie sich eine große Schimpansengruppe im Kibale-Nationalpark in Uganda in zwei Lager aufspaltete – und schließlich gegeneinander kämpfte. Tiere, die zuvor gemeinsam lebten, fraßen und sich gegenseitig pflegten, wurden plötzlich zu Feinden.

Die Studie ist interessant, weil sie zeigt, wie unspektakulär solche Entwicklungen beginnen. Am Anfang steht kein großer Plan und keine Ideologie. Es beginnt mit Polarisierung, mit wachsender Distanz, mit Gruppen, die sich voneinander entfernen. Beziehungen lösen sich auf. Aus dem gemeinsamen Raum wird eine Grenze. Erst danach kommt die Gewalt.

Erzfeinde Deutschland und Frankreich

Einige Mechanismen sind uns erstaunlich vertraut. Auch menschliche Kriege beginnen selten mit dem ersten Schuss. Sie beginnen mit Misstrauen, mit der Auflösung von Kontakten, mit dem Gefühl, nicht mehr zu einer Gemeinschaft zu gehören.

Die Geschichte Europas liefert dafür reichlich Beispiele. Über Jahrhunderte galten Deutschland und Frankreich als Erzfeinde. Drei Kriege haben diese Feindschaft geprägt. Nach dem Zweiten Weltkrieg hätte sie sich fortsetzen können. Doch dann geschah etwas Bemerkenswertes. Konrad Adenauer und Charles de Gaulle bauten persönliche Beziehungen auf – zwischen zwei Politikern, aber auch zwischen zwei Gesellschaften. Begegnungen, Städtepartnerschaften, Schüleraustausch, politische Kooperation: Aus ehemaligen Gegnern wurden Partner. Ohne diese Beziehungen wäre die europäische Friedensordnung kaum denkbar.

Zeit wachsender Nationalstaatlichkeit

Das Beispiel zeigt eine einfache, aber oft unterschätzte Wahrheit: Frieden entsteht nicht nur durch Verträge oder militärische Abschreckung. Er entsteht auch durch Beziehungen zwischen Menschen.

Genau daran mangelt es vielerorts. Die Welt erlebt eine Zeit wachsender nationaler Egoismen. Der Krieg Russlands gegen die Ukraine, die Gewalt im Nahen Osten oder die Spannungen zwischen großen Machtblöcken zeigen, wie schnell sich politische Konflikte verhärten können. Wo Kontakte abbrechen, wächst die Gefahr, dass aus Gegnern Feinde werden. Diplomatische Kanäle versiegen, Begegnungen werden seltener, gegenseitiges Vertrauen schwindet.

Ernüchternd und ermutigend zugleich

Diese Entwicklung lässt sich nicht nur zwischen Staaten beobachten. Auch innerhalb vieler Gesellschaften nehmen Polarisierung und Lagerdenken zu. Politische Gegner werden zu Feinden erklärt, Kompromisse gelten als Schwäche. Doch wo das Gespräch abbricht, beginnt oft die Radikalisierung.

Die Beobachtungen aus Uganda erinnern daran, wie leicht solche Prozesse entstehen können: Tiere, die jahrelang zusammengelebt haben, können einander plötzlich als Gegner betrachten – allein wegen ihrer neuen Gruppenzugehörigkeit. Für uns Menschen ist das eine ernüchternde Erkenntnis. Aber auch eine ermutigende. Denn anders als Schimpansen können wir Beziehungen bewusst gestalten: durch Diplomatie, Austausch, Zusammenarbeit.

Die wichtigste Lehre lautet: Krieg beginnt nicht erst auf dem Schlachtfeld. Er beginnt, wenn sich Beziehungen auflösen. Deshalb muss man an ihnen arbeiten.

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