Bildung
Umstrittene Geste: Freiheit für den Schweigefuchs!
Gefühlt ist die Fußball-Europameisterschaft eine halbe Ewigkeit vorbei. Fast präsenter als das eher fade Endspiel dürfte vielen die Szene aus dem Viertelfinale zwischen Österreich und der Türkei sein, als Merih Demiral sein zweites Tor mit dem nationalistischen Wolfsgruß feierte.
Das hatte Konsequenzen. Für Demiral; der türkische Nationalspieler wurde für das Halbfinale gesperrt. Für die deutsch-türkischen Beziehungen. Beide Länder bestellten im Streit um die Geste der rechtsextremistischen „Grauen Wölfe“, die vom Verfassungsschutz beobachtet werden, die jeweiligen Botschafter ein.
Ist Kindern der Zusammenhang bewusst?
Jetzt hat die Debatte mit Zeitverzögerung Schulen und Kindertagesstätten erreicht. Schließlich ähnelt eine Geste, mit der Kinder zur Stille angehalten werden sollen, dem Wolfsgruß: Beim Schweigefuchs werden Daumen, Mittel- und Ringfinger zu einer Art Schnauze geformt. Zeigefinger und kleiner Finger bilden so etwas wie Ohren.
Die Diskussion nahm Fahrt auf, nachdem aus Bremen die Kunde drang, das Handzeichen solle angesichts des EM-Eklats aus Bildungseinrichtungen der Hansestadt verbannt werden. Tatsächlich gibt es dort seit längerem den Appell, den zur Ruhe mahnenden Schweigefuchs nicht mehr zu verwenden. Die Bedeutung des Wolfsgrußes, schob das Bremer Bildungsressort nun hinterher, sei mit der Grundhaltung der Kitas und Schulen „absolut unvereinbar“. Stellt sich nur die Frage, ob den Kindern der Zusammenhang bewusst ist? Vermutlich nicht!
Mainz plant kein Verbot
Dem rheinland-pfälzischen Bildungsministerium In Mainz sind jedenfalls keine Probleme durch den Schweigefuchs bekannt, weshalb es auch keine Verbotspläne gebe.
Bei der Lehrergewerkschaft VBE klingt das etwas anders. „Ein Verbot ist eine vermeintlich einfache Lösung, die jedoch gut erklärt werden muss“, sagt Landeschef Lars Lamowski. Viele Lehrkräfte nutzten andere Methoden oder griffen die Thematik bei der politischen Bildung auf, um über die Bedeutung des Wolfsgrußes zu sprechen. „So kann mit der Klasse erarbeitet werden, ob der Schweigefuchs weiterverwendet wird, oder ob man sich auf ein anderes Signal einigt.“
Tatsächlich? Eigentlich geht es um das Thema Nationalismus – und dann gewiss nicht um den türkischen – doch frühestens ab Klasse 7. Dann sollte der Schweigefuchs ohnehin ausgedient haben. Der ist ja eher etwas für Grundschüler, die gerade lesen lernen.