Ukraine-Krieg
Ukrainerin: Das bisherige Leben in eine Tasche gepackt
Es war vier Uhr am Morgen des 24. Februar, als Myroslava Pylypiv von „schlimmen Geräuschen“ geweckt wurde. Sie habe ihre Tochter in den Arm genommen und versucht weiterzuschlafen, erinnert sich Pylypiv. Als sie um sieben Uhr aufgestanden sei, habe sie bereits mehrere SMS auf ihrem Handy vorgefunden, in denen gestanden habe, der Krieg Russlands auf die Ukraine habe begonnen – die „schlimmen Geräusche“ stammten von russischen Angriffen.
Nach kurzem Zögern entschloss Pylypiv sich, gemeinsam mit ihren beiden Kindern ihr Haus, ihr Hab und Gut, ihren Wohnort in der Nähe der Grenze zu Polen zu verlassen. „Wir haben das ganze Leben in eine Tasche gepackt und sind weggefahren“, schildert die 32-Jährige die für sie und ihre Familie dramatischen Stunden. Über Polen, wo sie ihren Mann traf, der damals dort arbeitete, ging es weiter nach Schifferstadt. Dort lebt Myroslava Pylypivs Mutter seit langem.
Kein Hadern mit dem Schicksal
Wenn die junge Frau von ihren Erlebnissen und Erfahrungen in den Monaten seit dem Ausbruch des Ukraine-Krieges erzählt, wird schnell deutlich, wie sehr sie das alles bewegt und aufwühlt, dass sie selbst kaum fassen kann, was da mit ihr, ihrer Familie, ihrem Land geschehen ist und immer noch geschieht. Aber sie hadert nicht mit ihrem Schicksal, trauert auch nicht dem zurückgelassenen Haus hinterher: „Für mich sind Gesundheit und Sicherheit der Familie wichtiger, das andere sind nur Sachen“.
Myroslava Pylypiv gehört zu den hunderttausenden Ukrainerinnen und Ukrainern, die seit Beginn des Krieges nach Deutschland geflohen sind. Ein Land, das sie seit ihrer Kindheit kennt: Ihre Uroma sei Deutsche gewesen, sie selbst habe zwei Jahre lang eine Grundschule in Deutschland besucht. Dieser Teil ihrer Biografie kommt ihr jetzt zugute, denn Pylypiv spricht gut Deutsch – was ihr wiederum sehr schnell die Türen zum deutschen Arbeitsmarkt öffnete. Seit 1. Juni ist sie, die in ihrer Heimat Jura studierte und dann in einem Reisebüro arbeitete, halbtags bei der Arbeitsagentur in Speyer angestellt.
„Sechser im Lotto“ für die Arbeitsagentur
Für seine Behörde sei das wie ein „Sechser im Lotto, dass sie so gut Deutsch spricht“, freut sich Daniel Lips, Vorsitzender der Geschäftsführung der Arbeitsagentur Ludwigshafen und auch für die Agentur in Speyer zuständig, über seine neue Mitarbeiterin. Denn als man im Frühjahr angesichts der zu erwartenden Ankunft vieler Flüchtlinge intern nachgefragt habe, wer von den Kolleginnen und Kollegen denn Ukrainisch spreche, habe sich niemand gemeldet. Myroslava Pylypiv sei nun ein wichtiger „Ankerpunkt“ für Menschen aus der Ukraine, die bei der Agentur und den Jobcentern Beratung und Hilfe suchen – weil sie deren Sprache spricht und, ganz wichtig, weil sie deren Fluchterfahrungen teilt und sich so in deren Lage hineinversetzen kann.
Menschen mit Kompetenzen, wie sie Myroslava Pylypiv mitbringt, werden zurzeit und auch in Zukunft dringend gebraucht. Im Juli lag die Anzahl der Arbeitslosen mit ukrainischer Staatsangehörigkeit landesweit bei gut 9000, darunter fast 7000 Frauen. Dabei offenbart ein näherer Blick auf die Zahlen, dass es offenbar regionale Schwerpunkte gibt, wo sich besonders viele Flüchtlinge ansiedeln. So lag die Anzahl der Arbeitslosen im Bereich der Arbeitsagentur Kaiserslautern-Pirmasens im Juli bei 1438; in Ludwigshafen waren es lediglich 536.
Ukrainische Frauen sind „stark“
Seit Juni ist die Anzahl der arbeitslos gemeldeten Menschen aus der Ukraine stark angestiegen. Dies liegt daran, dass die Geflüchteten, die zuvor als Asylbewerber eingestuft waren, nun in der Grundsicherung erfasst sind und damit in den Arbeitslosenstatistiken auftauchen. Im Juli waren bundesweit gut 176.000 Ukrainerinnen und Ukrainer arbeitslos gemeldet.
Die ukrainischen Frauen seien „stark“, die meisten wollten möglichst rasch arbeiten, sagt Pylypiv. Sie selbst habe zu ihrem Mann gesagt, dass nun sie arbeiten und Geld verdienen werde, er solle erst einmal die Sprache lernen. „Die Sprache ist wichtig“, betont Pylypiv, weshalb sie auch Wert darauf legt, dass ihre zehnjährige Tochter und ihr 14-jähriger Sohn deutsche Schulen besuchen – wo sie von ihren Mitschülern sehr nett aufgenommen worden seien.
Viele Geflüchtete haben studiert
Es ist das zweite Mal innerhalb weniger Jahre, dass Menschen in großer Zahl ihre Heimat verlassen und in Deutschland Zuflucht suchen. 2015/16 sei die „Gemengelage“ aufgrund damals anderer gesetzlicher Vorgaben deutlich schwieriger gewesen, stellt Daniel Lips im Vergleich fest. Zudem sei der Bildungsstand bei den aus der Ukraine Geflüchteten deutlich höher, so hätten beispielsweise viele von ihnen studiert. Auch sei das Schulsystem in der Ukraine dem deutschen ähnlicher, als das beispielsweise in afrikanischen Ländern der Fall sei. Aufgefallen ist Lips außerdem die „hohe Termintreue“ der aus der Ukraine stammenden Menschen – und wer nicht komme, sage vorher ab.
Myroslava Pylypiv ihrerseits unterstreicht mehrfach wie freundlich und zugewandt ihr die meisten Menschen hierzulande begegnen. Das mag ihr einen Entschluss erleichtert haben, den sie gemeinsam mit ihrem Mann getroffen hat: „Wir haben entschieden, in Deutschland zu bleiben.“ Eine Entscheidung, die ihr, das spürt man, nicht ganz leicht gefallen ist, auch weil viele nahe Verwandte weiter in der Ukraine leben. „Mir fehlen die Familienfeiern“, sagt Pylypiv – und ergänzt: „Aber wir sind in Sicherheit“.
Suche nach einer eigenen Wohnung
Jetzt wollen sie und ihre Familie erst einmal eine eigene Wohnung finden, auf längere Sicht möchten sie auch in Deutschland wieder in einem eigenen Haus wohnen. Und irgendwann, wenn dieser schreckliche Krieg vorbei ist, wird sie wohl auch wieder in die Ukraine zurückkehren – etwa, um dort Urlaub zu machen.
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