Arbeitsmarkt RHEINPFALZ Plus Artikel Ukraine-Flüchtlinge: Der nicht ganz einfache Weg zum Job

Es sind vor allem Frauen, die, häufig in Begleitung ihrer Kinder, aus der Ukraine nach Deutschland geflüchtet sind.
Es sind vor allem Frauen, die, häufig in Begleitung ihrer Kinder, aus der Ukraine nach Deutschland geflüchtet sind.

Die neuerdings steigende Arbeitslosigkeit ist vor allem darauf zurückzuführen, dass seit Kurzem Flüchtlinge aus der Ukraine in den Statistiken auftauchen.

Ludwigshafen. Auf den ersten Blick scheint es sich um die nahezu perfekte Win-win-Situation zu handeln: Auf der einen Seite werden in Deutschland händeringend Arbeitskräfte gesucht – im Handwerk, in der Pflege, in Restaurants, auf Flughäfen und in vielen anderen Branchen. So waren im Juli (nicht saisonbereinigt) bei den Arbeitsagenturen bundesweit 881.000 freie Stellen gemeldet – ein Plus von 18 Prozent gegenüber dem Vorjahresmonat. Und bis eine freie Stelle wiederbesetzt ist, dauert es im Schnitt mehr als vier Monate.

Auf der anderen Seite sind seit Beginn des russischen Angriffskriegs in der Ukraine Hunderttausende Menschen nach Deutschland geflüchtet – von denen ausweislich entsprechender Befragungen viele möglichst rasch arbeiten wollen.

Vor allem Frauen und Kinder unter den Flüchtlingen

Aber ganz so einfach ist es dann doch nicht. Zum Beispiel weil anders als in den Jahren 2015/16, als vor allem junge Männer nach Deutschland und Europa kamen, unter den aus der Ukraine Geflüchteten viele Frauen und Kinder sind. So waren im Juni unter den gemeldeten erwerbsfähigen Personen aus der Ukraine 209.000 weiblich und lediglich 59.000 männlich. Das wiederum bringt besondere Herausforderungen für die Integration dieser Menschen in die Gesellschaft und den Arbeitsmarkt mit sich. So müssen sich Mütter mit kleinen Kindern zunächst um eine passende Unterkunft und um die Versorgung und Betreuung ihres Nachwuchses kümmern, ehe sie eine Berufstätigkeit ins Auge fassen können. Hinzu kommen fehlende Sprachkenntnisse und – auch das erinnert an die Situation vor einigen Jahren – die Frage, welche berufliche Qualifikation die Migranten tatsächlich mitbringen.

Immerhin kommt den zuständigen Stellen jetzt das Wissen zugute, das sie im Gefolge der letzten großen Flüchtlingsbewegung in den vergangenen Jahren sammeln konnten. Seit 2015 habe man „umfangreiche Erfahrung in Bezug auf die Betreuung und Begleitung geflüchteter Menschen in Arbeit und Ausbildung“ gesammelt, konstatiert Heidrun Schulz, die Chefin der Regionaldirektion Rheinland-Pfalz-Saarland der Bundesagentur für Arbeit (BA). Zu diesen Erfahrungen gehört, dass die Ankömmlinge auf alle Fälle Deutschkurse besuchen sollten – ob sie nun aus der Ukraine, Syrien, Afghanistan oder Nordafrika stammen. Denn die deutsche Sprache, betont Heidrun Schulz, sei nun einmal „der Schlüssel zum Einstieg in den Arbeitsmarkt“.

Seit Juni Betreuung durch Jobcenter

Anfangs wurden ukrainische Flüchtlinge gemäß dem Asylbewerberleistungsgesetz versorgt, tauchten also noch nicht in den Arbeitslosenstatistiken auf. Seit Juni aber können sie Grundsicherung (Arbeitslosengeld II) beziehen und werden von den Jobcentern betreut. Aber selbst unter besten Voraussetzungen – die eh nur selten gegeben sind – dauert es, bis Geflüchtete eine Arbeit finden. Deshalb verwundert es nicht, dass derzeit die Anzahl derer, die sich als arbeitssuchend melden, im Vergleich zu früheren Monaten sprunghaft steigt.

So waren im Juli bei den rheinland-pfälzischen Jobcentern 9130 aus der Ukraine Geflüchtete arbeitslos gemeldet – darunter mehr als drei Viertel Frauen. Das waren gut 3400 mehr als noch im Juni. Diese Gruppe steht damit für 8,6 Prozent der 106.200 im Juli in Rheinland-Pfalz registrierten Arbeitslosen.

Bundesweit 176.000 arbeitslose Flüchtlinge

Unter der Annahme, Russland hätte die Ukraine nicht überfallen und es hätte folglich keine massenhafte Flucht aus der Ukraine eingesetzt, wäre die Arbeitslosigkeit in Rheinland-Pfalz rein rechnerisch im Juli nicht gestiegen, sondern um etwa 3000 gesunken. Denn den gut 9000 arbeitslos gemeldeten Ukrainerinnen und Ukrainern steht ein Plus von 5900 Arbeitslosen insgesamt gegenüber.

Bundesweit stieg die Anzahl der arbeitslos gemeldeten Ukraine-Flüchtlinge binnen eines Monats um mehr als 50.000 auf gut 176.000. Den Großteil davon, nämlich 137.000, stellen Frauen. Zum Vergleich: Im Februar, also vor Kriegsbeginn, waren lediglich 8000 aus der Ukraine Geflüchtete arbeitslos gemeldet. Der derzeitige Anstieg der Arbeitslosigkeit resultiere nicht aus Problemen am Arbeitsmarkt, „sondern aus der ukrainischen Fluchtmigration“, heißt es seitens der BA.

Längere Aufenthaltserlaubnis wichtige Voraussetzung für Einstellung

Eine im Juni vorgelegte Untersuchung des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB), dem Forschungsinstitut der BA, zeigt derweil, dass bisher knapp 10 Prozent aller Betriebe mit ukrainischen Flüchtlingen in Kontakt standen. Laut einer regelmäßig durchgeführten Umfrage unter 2000 Betrieben gab es entsprechende Kontakte vor allem im Gastgewerbe (24 Prozent der Betriebe) und im Bereich Verkehr und Lagerei (17 Prozent). Tatsächliche Einstellungen – als Mitarbeiter, Auszubildender oder Praktikant – erfolgten in 2 Prozent aller Betriebe.

Zugleich gehen fast 60 Prozent der Betriebe davon aus, dass Flüchtlinge aus der Ukraine günstige Voraussetzungen für eine Einstellung mitbringen – auch hier ist die Zuversicht im Gastgewerbe mit 85 Prozent besonders hoch. Als wichtigste Voraussetzung für eine Einstellung von Flüchtlingen sehen die auf Planungssicherheit bedachten Betriebe – neben fortgeschrittenen Sprachkenntnissen –, dass die Bewerber über eine Aufenthaltserlaubnis von mindestens einem Jahr verfügen. Diese Bedingung ist durch die für ukrainische Flüchtlinge geltende sogenannte Massenzustrom-Richtlinie erfüllt. Durch diese erhalten Flüchtlinge für mindestens ein Jahr eine uneingeschränkte Aufenthalts- und Arbeitserlaubnis.

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