Politik Türkei-Botschafter: Zu Besuch bei Yücel im Gefängnis
Erstmals hat gestern auch der deutsche Botschafter Martin Erdmann den in der Türkei inhaftierten Journalisten Deniz Yücel besuchen dürfen. Diesem Treffen im Gefängnis Silivri bei Istanbul ging ein langes diplomatisches Tauziehen voraus. Doch Ärger mit der Regierung ist der in der Hauptstadt Ankara stationierte Erdmann gewohnt.
Als Martin Erdmann (62), der frühere Pressesprecher des Auswärtigen Amtes und ehemalige deutsche Nato-Botschafter in Brüssel, im Sommer 2015 sein Amt als diplomatischer Vertreter Berlins in der türkischen Hauptstadt antrat, erreichte der Strom von Flüchtlingen über die Türkei nach Europa gerade seinen Höhepunkt. Wenig später brach der Streit um den Armenienbeschluss des Bundestages und über die darauf anspielende Satiresendung von Jan Böhmermann los. Es folgte das Auftrittsverbot für türkische Politiker in Deutschland im Frühjahr infolge der beabsichtigten Verfassungsänderung. Dann wurde der deutsch-türkische Journalist Deniz Yücel, der als Korrespondent für das Springer-Blatt „Die Welt“ arbeitet, von den Behörden festgenommen. Yücel werden Terrorpropaganda und Volksverhetzung vorgeworfen. Erdmanns Gespräch mit dem Reporter sollte vor allem verdeutlichen, wie sehr der Fall der Bundesregierung am Herzen liegt. Normalerweise ist die konsularische Betreuung von inhaftierten Bundesbürgern keine Chefsache für die deutsche Botschaft. Bei Yücel ist das anders. Erst kürzlich hatte Erdmann in der „Stuttgarter Zeitung“ in undiplomatischer Klarheit den Umgang der Türkei mit dem Korrespondenten kritisiert. „Es ist nicht klar, was Deniz Yücel überhaupt vorgeworfen wird – bis heute.“ Auch nach Erdmanns einstündigem Gespräch mit Yücel gab es keine Anzeichen für eine baldige Entlassung des Journalisten. „Er weiß, dass er nicht allein ist und nicht vergessen wird,“ hieß es aus der Botschaft in Ankara. Mehr kann auch der erfahrene Erdmann derzeit nicht für Yücel tun.