Töten im 21. Jahrhundert
Was Clausewitz zum Drohnenkrieg sagen würde
Kampfdrohnen ja oder nein? Die Bundeswehr hat die Frage mit Ja beantwortet. So sollen 6500 Kamikazedrohnen beschafft werden. Dabei tut eine kritische Diskussion not. Grundsätzliche ethische Fragen bleiben. Macht es einen Unterschied, einen Menschen von Angesicht zu Angesicht zu töten oder ihm per Joystick und Satellitenfunksteuerung das Leben zu nehmen? Ist es in Ordnung, sogar eine Künstliche Intelligenz autonom über Leben und Tod entscheiden zu lassen? Anders formuliert, ändert es etwas am Töten des Gegners, wenn man selbst nicht mehr in Erscheinung tritt und sich damit auch nicht mehr in Gefahr begibt?
Das Bestreben zu kämpfen, ohne die eigenen Truppen in Gefahr zu bringen, ist so alt wie der Krieg selbst. Von der Steinschleuder und Pfeil und Bogen über Katapult, Gewehr und Kanone bis zu Raketen und Bombenabwürfen aus Flugzeugen wurde stets versucht, einen längeren Arm als der Gegner zu haben. Doch all diese „Fortschritte“ sind etwas anderes als das „System Drohne“. Es eröffnet neue Dimensionen der Gefechtsführung: 48 Stunden und mehr können die unbemannten und ferngesteuerten oder gar autonom fliegenden Drohnen in der Luft bleiben, über Zehntausende Kilometer hinweg den Feind lokalisieren und eliminieren.
Diese Art zu kämpfen, bedeutet das Ende des Krieges im Sinne von Carl von Clausewitz. Dieser definierte ihn 1832 in seinem Werk „Vom Kriege“ als „erweiterter Zweikampf“, der Regeln und Symmetrien unterliege. Das Töten erscheint geregelt, und deshalb ist auch die Rückkehr zur gewaltlosen Auseinandersetzung stets im Bereich des Möglichen. Nur so macht Clausewitz’ berühmte Formulierung Sinn, Krieg sei die Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln.
Keine klare Front
Die Drohnen und ihr bisher praktizierter Einsatz verwandeln diesen eingegrenzten Krieg in ein regel- und grenzenloses Schlachtfeld voller Asymmetrien. Kein Duell von Staaten, sondern entgrenzter Mord und Terror zwischen verschiedensten staatlichen und nicht staatlichen Akteuren, ohne klare Frontstellung.
Die Drohne, ob ferngesteuert oder autonom, verändert die Sicht auf den Gegner grundlegend. Dem gegnerischen Soldaten wurde bisher stets eine gewisse Gleichartigkeit unterstellt. Der Feind ist Gegner und kein ehrloser Verbrecher. Die Drohne aber ist anders. Hier wird der Gegner doch tatsächlich zum Verbrecher.
Ein Vergleich der freilich nicht ganz stimmt. Werden dem Verbrecher in Rechtsstaaten doch grundlegende Rechte zugestanden. Im Drohnenkrieg werden alle diese Rechte nun eliminiert. Der Betroffene kann sich nicht verteidigen und die Einsatzverantwortlichen sind Ermittler, Ankläger, Richter und Vollstrecker zugleich. Eine Macht, die in Demokratien aus gutem Grund niemandem zusteht.
Unser Denken verändert sich
Die Drohne erscheint hier als der eine Schritt zu viel auf einer schiefen Ebene. Demokratische und rechtsstaatliche Grundsätze werden ausgehöhlt und eine angstgetriebene, populistische Willkürherrschaft tritt an deren Stelle. Und insofern erscheint der Satz des früheren Bundesverteidigungsministers Thomas de Maizière, ethisch sei eine Waffe stets als neutral zu betrachten, mindestens zweifelhaft. Viel eher scheint der Satz des kanadischen Medienwissenschaftlers Herbert Marshall McLuhan zu gelten, das Medium sei die Nachricht. Die Drohne wäre dann eine Waffe, die das Denken und Handeln der Akteure verändert und zunehmend einengt: Gib einem Menschen einen Hammer in die Hand und er erkennt nur noch Nägel; gib ihm eine Drohne und er entdeckt weltweit Terroristen, die ihn bedrohen, seien sie auch Tausende von Kilometern weit weg.
Darüber hinaus sollte nicht vergessen werden, dass bisher noch jede Waffenerfindung irgendwann kopiert wurde und zum Erfinder zurückgekehrt ist. Noch vor wenigen Jahren waren Kampfdrohnen ausschließlich sündhaft teure Hightech-Geräte für die modernsten Armeen. Heute fliegen sie auf wahrlich fast allen Kriegsschauplätzen, angefangen in der Ukraine und Russland, über den Sudan, Israel, Libanon, Iran – und und und. Vor fünf Jahren verfügten rund 20 Staaten über Kampfdrohnen. Laut der Organisation „Dronewars UK“ sind es derzeit mindestens 42. Die Dunkelziffer dürfte größer sein. Denn Kleinstdrohnen werden kaum erfasst. Dabei sind gerade sie billig und extrem effektiv dabei, Soldaten und Zivilisten zu terrorisieren. Militärexperten nennen diese Art einfache Drohne denn auch „Kalaschnikow der Lüfte“.
Sogar Rumsfeld warnt
Folgenschwer ist die Wirkung auf Menschen, die den Einsatz der Drohne tagtäglich erleben. Der frühere amerikanische Verteidigungsminister Donald Rumsfeld, wahrlich mehr Falke denn Taube, gab zu, Drohnen schafften offensichtlich mehr Terroristen, als sie beseitigen könnten. Die Studie „Living under Drones“ der Stanford-Universität schätzt, dass zwischen 2004 und 2012 bei Angriffen in Pakistan nur zwei Prozent der Drohnenopfer tatsächlich militärische Kombattanten und damit laut offizieller US-Politik auch legitime Ziele gewesen seien. Über eine Beschränkung dieser alle Grenzen verschiebenden Waffe sollte also dringend nachgedacht werden. Ähnlich wie bei Initiativen gegen Gaswaffen, Streumunition oder Antipersonenminen.
Die IT-Forscherin und Autorin des Buches „Broligarchie“, Aya Jaff, lässt keinen Zweifel daran, dass Krieg noch nie etwas Sauberes war und Drohnen auch mit KI daran nichts ändern werden. Wer denke, mit genug Rechenleistung und Datenpunkten ließe sich töten, ohne Schuld auf sich zu laden, täusche sich: „Im Gegenteil, der Glaube an die mathematische Optimierung des Tötens ist ein moralisches Desaster. Unsere Vorstellung von Verantwortlichkeit wird ausgehöhlt.“ Das Töten wird weiter industrialisiert.
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Dieser Artikel stammt aus der RHEINPFALZ am SONNTAG, der Wochenzeitung der RHEINPFALZ. Digital lesen Sie die vollständige Ausgabe bereits samstags im E-Paper in der RHEINPFALZ-App (Android, iOS). Sonntags ab 5 Uhr erhalten Sie dort eine aktualisierte Version mit den Nachrichten vom Samstag aus der Pfalz, Deutschland und der Welt sowie besonders ausführlich vom Sport.