Streik RHEINPFALZ Plus Artikel Stillstand am Mannheimer Hauptbahnhof

Verwaist warem am Montag die Bahnsteige des Mannheimer Hauptbahnhofs.
Verwaist warem am Montag die Bahnsteige des Mannheimer Hauptbahnhofs.

Am Mannheimer Hauptbahnhof haben an normalen Tagen 650 Züge Ein- oder Ausfahrt. Nicht so am Montag, als ein Streik den Verkehr lahmlegte.

Es ist kurz nach 6 Uhr in der Früh. Der Willy-Brandt-Platz vor dem Mannheimer Hauptbahnhof liegt noch im Dunkeln. Vom sonst um diese Zeit einsetzenden Gewusel der Reisenden, die in den Bahnhof hineingehen oder diesen verlassen, ist heute nichts zu sehen. Für etwas Farbe sorgen nur orangenen Warnwesten. Die haben diejenigen übergezogen, die an diesem Morgen hierher gekommen sind, um für die Lohnforderung der Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG) zu demonstrieren. Mancher, ist den Gesprächen zu entnehmen, hat eigentlich einen freien Tag, stellt sich trotzdem mit den Kolleginnen und Kollegen in die beißende Kälte.

Um Viertel vor sieben gibt Jeffrey Harm von der EVG-Geschäftsstelle in Mannheim das Signal zum Aufbruch. Ausgestattet mit Tröten, Trillerpfeifen, Fahnen und Plakaten sowie heißem Kaffee gegen die Kälte machen sich gut hundert Protestierende auf den Weg Richtung Ludwigshafen zum Werk der DB Regio – die dortigen Kolleginnen und Kollegen warten schon.

Auch Tauben bekommen Streikfolgen zu spüren

Zuvor hat Jeffrey Harm nochmals klargemacht, dass das bisher vorliegende Angebot der Deutschen Bahn (DB) keine Grundlage für Verhandlungen sei. Mit „Mogelpackungen“ von Arbeitgeberseite werde man sich nicht abspeisen lassen, es bleibe bei der Forderung von zwölf Prozent mehr Lohn beziehungsweise mindestens 650 Euro mehr im Monat. Um das zu erreichen, seien möglicherweise noch weitere Streikaktionen nötig, bereitet Harm seine Zuhörer auf einen sich länger hinziehenden Konflikt vor.

Dessen Auswirkungen zeigen sich auf den Bahnsteigen. Gähnende Leere dort, wo an normalen Tagen Schüler, Geschäftsreisende, Pendler und Urlauber dicht an dicht stehen. Die S-Bahn nach Homburg, die laut Anzeige um 7.20 Uhr abfahren soll, fällt ebenso aus wie der ICE 694 nach Berlin, Abfahrt 7.32 Uhr. Immer wieder wird per Lautsprecher über streikbedingte Zugausfälle informiert – aber niemand ist da, um die Durchsagen zu hören. Auch der Hinweis, sein Gepäck nicht unbeaufsichtigt zu lassen, wirkt angesichts fehlender Adressaten einigermaßen bizarr. Selbst die notorischen Tauben bekommen die Folgen des Streiks zu spüren; nur wenige von ihnen suchen den Boden nach Futter ab – vergeblich.

Unwirkliche Stimmung am Bahnsteig

Es hat etwas Unwirkliches hier zu sein, auf die leeren Bahnsteige und die blanken Gleise zu blicken. Gleise, über die an normalen Tagen rund 650 Züge fahren. Erinnerungen steigen auf an die vielen Male, wo man selbst auf einem der Bahnsteige stand – um in den Urlaub oder zu Geschäftsterminen zu fahren, um Verwandte und Freunde zum Zug zu bringen oder abzuholen.

Inzwischen ist die Dämmerung gewichen, die Sonne verschafft sich Raum. Ein Blick auf die Uhr: kurz vor halb acht. Genau 130 Jahre ist es her, dass im damaligen deutschen Reich das „Gesetz betreffend die Einführung einer einheitlichen Zeitbestimmung“ in Kraft trat. Treiber dieser Vereinheitlichung war die Eisenbahn mit ihren minutengenauen Fahrplänen. Diese Exaktheit kollidierte mit den Zeitunterschieden, die bis dahin in Deutschland galten. So variierte die Uhrzeit in der Pfalz gegenüber Württemberg um drei Minuten, gegenüber Hessen war es eine Minute. Heutzutage, wo Züge mit bis zu fünf Minuten Verspätung noch als „pünktlich“ gelten, könnte man über solche Abweichungen fast schon wieder hinwegsehen. Aber hier, auf dem leeren Bahnsteig, ohne ein- und ausfahrende Züge, spielt Zeit eigentlich ohnehin keine Rolle.

Geschlossene Geschäfte

Mit täglich rund 120.000 Besuchern ist der Mannheimer Hauptbahnhof nicht nur ein wichtiger Knotenpunkt im deutschen Eisenbahnnetz, sondern auch ein nicht zu unterschätzender Wirtschaftsfaktor. Vom Brezelstand über den Einkaufsmarkt bis zum Mietwagenverleih – dem Konsumenten – ob nun als Reisender oder nicht – soll es an nichts fehlen. Auch an diesem Montagmorgen lockt die Filiale einer Backwaren-Kette mit reichlich Auswahl. Aber die Kundschaft bleibt weitgehend aus; an diesem Tag dürfte so manches Brötchen und süße Teilchen ungegessen bleiben. Vielleicht kämen später ja noch ein paar mehr Kunden, macht sich ein Angestellter selbst Mut – die Hoffnung stirbt zuletzt…

„Geistige Nahrung“ ist naturgemäß länger haltbar als Brezeln und Brot. Auch die im Bahnhof angebotenen Zeitungen, Zeitschriften und Bücher finden an diesem Montag nur wenig Abnehmer. Es sei schon merklich ruhiger als an normalen Tagen, bestätigte die Verkäuferin im Presse- und Buchladen. Auch wenn der Streik dem Geschäft nicht zuträglich ist, hat sie doch ein gewisses Verständnis dafür. Und immerhin sei die Aktion ja frühzeitig angekündigt worden, so dass man sich habe darauf einstellen können.

Kein Weiterkommen nach Ludwigshafen

Darauf eingestellt haben sich auch einige andere Ladeninhaber – und lassen ihre Türen kurzerhand ganz zu. „Unsere Filiale bleibt aufgrund des Streiks geschlossen“, verkündet ein Schild. Andere sind noch am Überlegen, ob sie dem Beispiel folgen oder doch öffnen.

Derweil betritt eine junge Frau die Empfangshalle, steuert auf die große Anzeigentafel zu, auf der normalerweise die Abfahrtszeiten der Züge samt etwaiger Verspätungen aufleuchten. Sichtlich überrascht schaut sie hinauf auf die Tafel, wo statt von Abfahrtszeiten von eingestelltem Fernverkehr und massiven Beeinträchtigungen im Nahverkehr die Rede ist, blickt dann auf ihr Handy, das ihr aber offenbar auch nicht wirklich weiter hilft.

Sie wolle rüber nach Ludwigshafen, arbeite dort als Praktikantin bei einem Unternehmen, berichtet sie von ihren Fahr-Plänen, die sie offensichtlich ohne Kenntnis des Streiks gemacht hat. Den Hinweis, dass gestreikt wird und eine Rhein-Überquerung mit öffentlichen Verkehrsmitteln den ganzen Tag über nicht machbar ist, quittiert sie mit einem etwas hilflosen Lächeln.

Lesen Sie hier mehr zu den Tarifverhandlungen im öffentlichen Dienst

Die Teilnehmer der EVG-Demonstration.
Die Teilnehmer der EVG-Demonstration.
Die leere Geschäftszeile im Untergeschoss des Bahnhofs.
Die leere Geschäftszeile im Untergeschoss des Bahnhofs.
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