Landtagswahl
SPD-Wahlkampf: Vorhang auf zum digitalen Wohnzimmer
Malu Dreyer sitzt frisch geschminkt auf einem Sessel in ihrem „Wohnzimmer“. Ihr Lächeln strahlt Ruhe und Zuversicht aus. Das ist Pflicht in diesen Tagen des Wahlkampfs. Für die amtierende Ministerpräsidentin und SPD-Spitzenkandidatin für die Landtagswahl am 14. März ist es auch eingeübte Routine.
„Noch zehn Sekunden!“ Die vom SPD-Landesverband angeheuerte Regie übernimmt das Kommando in Dreyers Wohnzimmer. Auf dem Sessel gegenüber der Spitzenkandidatin richtet sich der junge Moderator ein letztes Mal auf. Auf dem Sofa zwischen den beiden konzentriert sich die Besucherin auf den Beginn der knapp einstündigen Talkshow. Der Trailer mit Musik und Bildern einer strahlenden SPD-Kandidatin läuft. Die Sendung hinaus ins weltweite Netz beginnt. Es ist der Wahlkampfauftritt Dreyers nicht im, aber für den Wahlkreis Zweibrücken.
Ein paar stylische Accessoires
Dreyers Wohnzimmer, das ist ein als Studio eingerichteter Raum in der SPD-Landeszentrale in Mainz. Drei Sitzmöbel, ein paar stylische Accessoires, rechts ein Regal für die Mitbringsel der Gäste, die Rückwand in tiefdunklem Grün; es ist Sorge dafür getragen, dass die Buchstaben „SPD“ in jeder Kameraeinstellung zu sehen sind.
„Wir mit ihr“, heißt der Slogan der SPD, die im Wahlkampf ganz auf die Zugkraft von Malu Dreyer setzen will. Die „Wir-mit-ihr-Tour“ aus dem virtuellen Wohnzimmer ist dabei zentraler Teil des Wahlkampfs mit und für die Spitzenkandidatin. Zu sehen sind die Talkrunden auf der Internetseite der Landes-SPD und in sozialen Netzwerken – live und anschließend als Aufzeichnung. Ziel sei es, alle 52 Wahlkreisbewerber der Partei auf Dreyers Couch zu bitten, sagt Generalsekretär Daniel Stich.
Honig vom Südwestpfälzer Imker
Der Internet-Talk für Zweibrücken hat Fahrt aufgenommen. Direktkandidatin Rebbecca Wendel kann vortragen, was sie für den Wahlkreis in Bewegung setzen will. Dreyer vergisst nicht, die positiven Seiten der Region herauszukehren – ganz so, als sitze sie irgendwo in einer Halle in Zweibrücken. Das Geplauder bleibt locker, auch ein wenig Privates kommt nicht zu kurz. Auf halber Strecke gibt es das obligatorische Geschenk. Rebecca Wendel hat der Spitzenkandidatin ein Glas Honig vom Südwestpfälzer Imker mitgebracht nach Mainz.
Wie jeder Talk aus dem SPD-Wohnzimmer folgt auch die Zweibrücker Runde einer festen Regie: Nach einer knappen Dreiviertelstunde nimmt die Kamera allein die Spitzenkandidatin ins Bild. Jetzt ist Wahlkampf pur. Dreyer redet über die Themen, mit denen sie und ihre SPD beim Wahlvolk punkten wollen: „Gute Bildung, kostenlos von der Kita bis zur Hochschule“; mit ihren Plänen zur Digitalisierung wirbt Dreyer für sich; auch darf der Hinweis nicht fehlen, hierzulande seien die Corona-Impfungen vergleichsweise gut vorangekommen; am Ende ganz klassisch die Bitte um die Stimmen der Zuschauer – ganz so, als wäre das Wohnzimmer irgendein Platz oder irgendeine Halle in Zweibrücken.
Tüten an „Infoständen-to-go“
Der Wahlkampf unter Corona-Bedingungen zwingt auch die SPD zum Umdenken. Klassische Wahlkampfveranstaltungen plant Stich vor dem 14. März nicht mehr. Die herkömmlichen Infostände werden allenfalls von „Infoständen-to-go“ ersetzt. Im Klartext: Passanten dürfen bei Interesse ausgelegte Tüten mit Info- und Werbematerial mitnehmen, ohne dass sie von Wahlkämpfern angesprochen werden. Die klassischen Haustürbesuche werden allenfalls teilweise und auf Abstand stattfinden können, sagt der Generalsekretär. Den Einsatz von Plakaten will die SPD im Vergleich zum Wahlkampf vor fünf Jahren um 20 Prozent aufstocken. Als Auftritte der Spitzenkandidatin bleiben, abgesehen von einer Handvoll Einzelveranstaltungen im Internet, nur die Wohnzimmer-Talks. Deren Reichweite hält Stich für kaum geringer als traditionelle Wahlkampfauftritte Dreyers. Bis zu 200 Leute verfolgen laut SPD einen Wohnzimmer-Talk live.
Lobende Worte der Spitzenkandidatin
Den Talk für den Wahlkreis Kusel sehen 150 Menschen live. SPD-Kandidat Oliver Kusch, ein praktizierender Arzt, glänzt mit gesundheitspolitischem Sachverstand. Dreyer lobt sein Umweltengagement zum Beispiel für den Erhalt von Streuobstwiesen. Zufall sind solche Themen kaum. Kusch muss sich in Kusel nicht nur gegen eine CDU-Bewerberin, sondern auch gegen einen prominenten Grünen behaupten. Auch nach dem Kusel-Talk versichert Dreyer, wie sehr ihr die direkten Gespräche mit den Menschen fehlten. Ihre Wahlkampfstrategen dürften nicht nur unglücklich sein. Nach jüngsten Umfragen liegt die SPD zwar knapp hinter der CDU, Dreyer selbst ist jedoch deutlich bekannter und beliebter als ihr Herausforderer Christian Baldauf (CDU). Und diese Lücke noch zu verkleinern, dürfte im virtuellen Wahlkampf für ihn schwieriger sein als in normalen Zeiten.