Leitartikel RHEINPFALZ Plus Artikel Romane sind schlauer als die KI: Über den Frühling der Bücher mitten im Herbst

Fast ermordet wegen eines Buches: Salman Rushdie kommt auf die Messe und bekommt einen Preis.
Fast ermordet wegen eines Buches: Salman Rushdie kommt auf die Messe und bekommt einen Preis.

Wäre Literatur irrelevant, müsste Salman Rushdie nicht beschützt werden, wenn er jetzt auf die Frankfurter Buchmesse kommt. Warum sich die Feinde der Freiheit vor denen, die schreiben, fürchten (müssen). Nirgends liegt die Möglichkeit von Weltverständnis näher als zwischen Bücherzeilen.

Es ist Herbst, in Frankfurt Buchmesse. Die Welt? Wie entzwei. Die Kriege, der Terror, die humanitären Katastrophen, das apokalyptische Klima. Die AfD, die salonfähig scheint für ein Fünftel des Wahlvolks, trotz Björn Höcke, Vorpöbler der Partei, der Faschist genannt werden darf. Derweil steht vor jüdischen Kindergärten in Deutschland Security. Anschläge auf Gedenkstätten häufen sich. In Berlin: Pro-Hamas-Demonstrationen. Auch andernorts Attacken auf israelische Flaggen. Juden sitzen auf gepackten Koffern. Sie wissen nicht wohin. Dem Bürger fliegt vom spitzen Kopf der Hut angesichts der globalen und der Nachrichten-Lage, die sich bei Vorliegen von Restmitgefühl nur angststarr verfolgen lässt. Und dann Liebesromane und Ratgeber für veganes Katzenfutter lesen? Oder doch vielleicht lieber Herfried Münkler, der uns mit seinem Profundzustandsbericht „Welt in Aufruhr“ die „Ordnung der Mächte im 21. Jahrhundert“ vor Augen führt?

Die Bücherwelt ist groß und umarmend. Über die dringliche Relevanz dessen, was alles geschrieben und zwischen Buchdeckel gedruckt und in E-Reader digitalisiert wird, ließe sich zumal in entkoppelten Zeiten streiten. Das heißt, hätte es nicht seit Gutenberg und Luther schon immer weltumstürzende Wucht. Hätte es nie zum Beispiel die Aufklärung gegeben, auf der Rückseite Bücherverbrennungen, Zensoren, das Wüten von Islamisten wie Boko Haram, was unscharf übersetzt so viel heißt wie „Bücher sind Sünde“.

Wäre Salman Rushdie wegen eines Buches nicht fast ermordet worden. Der Täter, ein Nacheiferer der Fatwa, einem allmachtsanmaßendem Todesurteil, das von Ruholla Chomeini am 14. Februar 1989 gegen den Autor der „Satanischen Verse“ ausgesprochen wurde. Sehr viel Konjunktiv. Tatsache aber ist, dass die Sicherheitsvorkehrungen bedrückend sein werden, wenn Rushdie nach Frankfurt auf die Messe kommt – und wenn ihm am Sonntag in der Paulskirche der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels verliehen wird. Beängstigend ist, dass dieser in den vergangenen Jahren immer wieder im schiefen Licht unfassbarer Zeitläufte stehende Marktplatz der Ideen und Gefühle, der dieses Jahr zum 75. Mal stattfindet, immer noch geschützt werden muss vor all denen, die die Freiheit und das Flottieren der Gedanken fürchten müssen. Was umgekehrt natürlich nicht bedeutet, dass, wer liest, nicht hasst – und die Deutsche-Klassik-Stadt Weimar nicht unweit des ehemaligen Konzentrationslagers Buchenwald siedelt. Und trotzdem liegt die Möglichkeit von Weltverständnis und Selbsterkenntnis vielleicht nirgends so nah wie zwischen Bücherzeilen.

Auch der Handel mit Büchern ist wie die Monetarisierung von Algorithmen ein – unter Nachfrageschwund, der Selbstauslieferung an das Smartphone, den steigenden Papierpreisen leidendes – Geschäft. Aber eins mit gesellschaftlichem Surplus. Lesen lehrt im Zweifelsfall Empathie, das sich Hineinfühlen in andere und andere Welten. Hilft der Ambiguitätstoleranz auf gegen das Schwarz-weiß-Denken. Romane sind schlauer als Künstliche Intelligenz. Nicht ohne Grund halten, heißt es, die KI-Fabriken aus Qualitäts- und Renditegründen inzwischen Ausschau nach schreibkompetentem Personal, Dichterinnen, Romanciers, vifen Autoren. Wenn der Nebel sich lichtet, wird man feststellen, es ist Frühjahr für die Bücher und die Literatur – mitten im Herbst.

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