Fragen und Antworten RHEINPFALZ Plus Artikel Reformen in der katholischen Kirche – Was geht ohne Rom?

Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Initiative „#OutInChurch. Für eine Kirche ohne Angst“ – eine Szene aus der ARD-Dokumentation
Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Initiative »#OutInChurch. Für eine Kirche ohne Angst« – eine Szene aus der ARD-Dokumentation »Wie Gott uns schuf«.

Die Vollversammlung des Synodalen Wegs fordert: Priester sollen nicht mehr zölibatär leben müssen, Frauen Diakoninnen werden können, Homosexualität soll keine Sünde mehr sein. Vieles wird im Vatikan entschieden. Was die deutschen Bischöfe ohne Zustimmung Roms machen können.

Was hat der Reformprozess bislang erreicht?
Der Anstoß zu dem Reformprozess waren 2018 die MHG-Studie, ein interdisziplinäres Forschungsprojekt zum sexuellen Missbrauch in der katholischen Kirche, und die Erkenntnis, dass nur Reformen die Kirche aus der Krise führen können. In der dritten Vollversammlung, der 230 Delegierte aus allen Bereichen kirchlichen Lebens und die deutschen Bischöfe angehören, wurden mehr als zehn Texte verabschiedet. Die meisten in erster Lesung.

Wurden in Frankfurt bereits verbindliche Beschlüsse gefasst?
Die Synodalen haben in zweiter Lesung zwei Grundlagentexte und ein Handlungspapier angenommen. Demnach sollen die Gläubigen künftig bei Bischofswahlen mitreden dürfen. Geschehen soll das durch eine Selbstverpflichtungserklärung der jeweiligen Domkapitel in den Bistümern. Danach soll das aus Priestern bestehende Gremium, das den Bischof in Leitung und Verwaltung der Diözese unterstützt, zustimmen, gewählte Vertreter des Kirchenvolkes in die Bischofswahl einzubinden.

Wie kann das Kirchenvolk im Bistum Speyer an einer Bischofswahl beteiligt werden?
Im Bistum Speyer gilt das bayerische Konkordat (Staatskirchenvertrag). In ihm ist geregelt, dass das Domkapitel bei der Bischofsernennung ein Vorschlagsrecht hat. Es kann eine Liste mit aus seiner Sicht geeigneten Kandidaten in Rom einreichen. Der Papst hat jedoch freie Hand, er ist nicht an diese Liste gebunden. Die Einflussnahme ist also sehr eingeschränkt. Dagegen können in den Bistümern, in denen das preußische (beispielsweise Köln) oder das badische (Mainz) Konkordat gilt, die Domkapitel aus einer von Rom vorgelegten Liste mit drei Namen den Bischof auswählen.

Es wird eine Lockerung des Pflichtzölibats verlangt. Geht das?
Der Text über das Zölibat der Priester wurde mit großer Mehrheit in erster Lesung verabschiedet. Es wird der Wert der Ehelosigkeit betont, gleichzeitig gefordert, dass der Papst verheiratete Männer zum Priesteramt zulassen und es Priestern gestatten soll, zu heiraten und im Amt zu bleiben. Auch wenn der Text im Herbst in zweiter Lesung verabschiedet werden sollte – die Entscheidung liegt in Rom beim Papst als höchster Lehrautorität. Von dem Votum erhoffen sich viele eine offene Debatte über das Thema in der Weltkirche.

Es gibt ein Votum für das Frauendiakonat. Kann es umgesetzt werden?
Die entsprechenden Regelungen können nur auf Ebene der Weltkirche verändert werden. Trotzdem sprachen in Frankfurt viele von „einem historischen Moment“. Denn in dem Papier zur Geschlechtergerechtigkeit in der katholischen Kirche heißt es: „Nicht die Teilhabe von Frauen an allen kirchlichen Diensten und Ämtern ist begründungspflichtig, sondern ihr Ausschluss.“ Ein Bittgesuch nach Rom soll eine Sondergenehmigung des Papstes für die Zulassung von Frauen zum Diakonenamt erwirken. Franziskus hatte bereits vor etwa vier Jahren eine Kommission zu diesem Thema eingesetzt. Diese erklärte er 2019 als gescheitert, weil die Arbeitsgruppe zu keinem eindeutigen Ergebnis gekommen war. 2020 setzte er eine zweite Kommission ein.

Ein großes Thema ist auch die Sexualmoral. Was wird gefordert?
Die 200 Delegierten verlangen eine andere Haltung zu Empfängnisverhütung und Homosexualität. Dem Papst wird empfohlen, eine „lehramtliche Präzisierung und Neubewertung der Homosexualität“ vorzunehmen. Gelebte Homosexualität solle im Katechismus, dem Handbuch des katholischen Glaubens, nicht länger als schwere Sünde verurteilt werden. Denn die homosexuelle Orientierung gehöre zur Identität des Menschen. Gefordert werden Segensfeiern für alle Liebespaare – auch für homosexuelle Paare und wiederverheiratet Geschiedene. In dieser Debatte wurden die Meinungsverschiedenheiten innerhalb der Bischofskonferenz sichtbar. Der Münchner Erzbischof Kardinal Reinhard Marx sagte: „Der Katechismus ist nicht der Koran.“ Er sei immer wieder verändert worden. Dagegen warnte der Eichstätter Bischof Gregor Maria Hanke vor einem „Bruch mit der Tradition“. Die zweite Lesung des Textes steht im Herbst an.

Kann die Kirche in Deutschland nichts in Eigenregie verändern?
Die Bischöfe könnten beispielsweise etwas im kirchlichen Arbeitsrecht ändern. Dieses fordert von kirchlichen Angestellten, ihren Beziehungsstatus gemäß der katholischen Lehre zu gestalten. Heißt: Mitarbeiter, die nach einer Scheidung wieder heiraten oder homosexuelle Paare, die sich outen, können entlassen werden. Diese sexualmoralischen Vorgaben könnten gestrichen werden. Zu einer Debatte darüber führte das Coming Out von 125 queeren Mitarbeitenden in der katholischen Kirche im Januar.

Wie viele Bischöfe tragen die Forderungen nach Reformen mit?
Bei allen verbindlichen Beschlüssen müssen zwei Drittel der Bischöfe zustimmen. In Frankfurt wurde diese Anzahl bei den Texten zu Macht und Gewaltenteilung erreicht. Von den anwesenden Bischöfen stimmten 41 für und 16 gegen den Text. Wie das im Herbst aussehen wird, wenn die heißen Eisen wie Pflichtzölibat, Frauendiakonat und geänderte Sexualmoral endgültig verabschiedet werden, ist ungewiss.

Wie steht der Vatikan zu dem deutschen Reformprozess?
In Rom wird der Synodale Weg wohl eher kritisch gesehen, obwohl Papst Franziskus selbst einen Reformprozess eingeleitet hat. Der Apostolische Nuntius in Deutschland, Erzbischof Nikola Eterovic, der an der Versammlung teilnahm, hat vor Parlamentarismus in der Kirche gewarnt. Die deutschen Bischöfe hat der Botschafter des Papstes ermahnt, bei ihren Reformbemühungen nicht die Einheit mit Rom aus den Augen zu verlieren.

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