Politik Politik im Namen des toten Mädchens

Trauer fühlt sich anders an. Was seit drei Tagen als „Mahnwache“, „Trauerkundgebung“ oder „Stilles Gedenken“ in der Mainzer Innenstadt stattfindet, hat nur dem Namen und dem Anlass nach etwas mit Susanna (14) zu tun, dem Mädchen aus Mainz, das in der Nacht zum 23. Mai in Wiesbaden getötet wurde. Tatsächlich ist es das Ringen um die öffentliche Meinung zur Flüchtlingspolitik und zur Handlungsfähigkeit des Rechtsstaates. Das rechte und das linke Lager werfen sich gegenseitig vor, den Fall zu instrumentalisieren. Keiner Seite gelingt es, Massen zu mobilisieren. Vor gerade einmal 150 Personen mahnt der Mainzer Oberbürgermeister Michael Ebling (SPD) gestern bei einer Veranstaltung des DGB am Gutenbergplatz, die offene Gesellschaft nicht mit vordergründigen Argumenten in Frage zu stellen. Er zielt auf das Bündnis „Kandel ist überall“, das auf dem Marktplatz demonstriert. 35 Personen sind gekommen, darunter die frühere stellvertretende AfD-Landeschefin Christiane Christen aus Harthausen. Der Fall Susanna ist vor allem ein Fall für die Justiz. „Der Tatvorwurf lautet Mord“, sagt Christina Gräf, Oberstaatsanwältin der Wiesbadener Staatsanwaltschaft. Nach einer Zeugenaussage ermittelt die Behörde auch wegen Vergewaltigung, die der Tatverdächtige bestreitet. Die Tötung hat er gestanden. Der Obduktionsbericht liege noch nicht vor, sagt Gräf. Es ist eine spektakuläre Aktion, mit der der 20-jährige Iraker nach zunächst erfolgreicher Flucht in seine Heimat gestellt wird. Kurdische Sicherheitskräfte nehmen ihn fest und schieben ihn am Samstag nach Deutschland ab – juristisch ist das keine Auslieferung. In einem Flugzeug in der Stadt Erbil wartet am Samstag schon der Chef der Bundespolizei, Dieter Romann. So schnell die Festnahme und Überführung des Tatverdächtigen abläuft, so quälend lang ist zuvor die Suche nach Susanna. Zwei Wochen vergehen zwischen dem 23. Mai, als die Mutter ihre Tochter bei der Polizei in Mainz als vermisst meldet, und dem 6. Juni. An diesem Tag findet die Polizei in Wiesbaden die Leiche des Mädchens – vergraben an einer Bahnstrecke im Stadtteil Erbenheim, unweit der Flüchtlingsunterkunft, in der der 20-Jährige gewohnt hat. Dazwischen wird bekannt, dass Susanna offenbar in schlechte Gesellschaft geraten ist und sich mehr in Wiesbaden aufhält als an ihrer Schule, der Integrierten Gesamtschule Mainz-Bretzenheim. Sie soll die Nähe eines Bruders des später Verdächtigen gesucht haben. Auf Facebook macht die Mutter ihren Schmerz öffentlich. Sie appelliert an Freunde, bei der Suche zu helfen. Am 25. Mai schreibt sie: „Gib mir bitte wenigstens nur ein kurzes Lebenszeichen von dir ... bitte, ich flehe dich an. Du weißt, wir hatten uns meistens immer gut verstanden und haben uns Vieles anvertraut.“ Der Eintrag steht immer noch auf ihrer Seite. Die Mutter zweifelt an der Echtheit einer Whatsapp-Nachricht, in der Susanna angeblich mitteilt, sie sei mit ihrem Freund nach Paris gefahren. In der „Allgemeinen Zeitung“ wird später unter Verweis auf die Polizei stehen, ein Aufenthalt im Ausland sei möglich. Wird der Fall nachrangig behandelt? Vermutet die Polizei, der Teenager sei ausgebüchst? Die Polizei Mainz weist den Vorwurf der Mutter zurück, nicht gründlich gesucht zu haben. „Wir haben alle erforderlichen Maßnahmen zeitnah ergriffen“, sagt ein Pressesprecher. Auch im Mainzer Innenministerium von Roger Lewentz (SPD) gibt es keinen Grund, an der Darstellung der Polizei zu zweifeln, sagt ein Sprecher. Am 29. Mai, so teilen es später die Ermittler in Wiesbaden mit, ruft eine Freundin von Susanna bei der Mutter an und teilt ihr mit, Susanna sei tot, ihre Leiche sei in Wiesbaden. Die Polizei in Hessen übernimmt den Fall am 30. Mai. Die Freundin wird nicht sofort befragt, weil sie mit ihrer Mutter im Kurzurlaub ist. Am 31. Mai beginnt mit Fronleichnam ein langes Wochenende. Danach ist der 20-Jährige nicht mehr in Deutschland. Zusammen mit seinen fünf Geschwistern und den Eltern hat er sich am 2. Juni in den Nordirak abgesetzt. Geflohen ist er, weil er sich angeblich von der kurdischen Terrororganisation PKK verfolgt fühlt. Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge, BAMF, glaubt ihm nicht. Deshalb wird sein Asylantrag im Dezember 2016, 15 Monaten nach der Einreise, abgelehnt. In Deutschland bleibt er geduldet, weil er gegen den Bescheid geklagt hat. Die Klage hängt noch beim Verwaltungsgericht Wiesbaden. Fragen wirft die Ausreise vom Düsseldorfer Flughafen über die Türkei nach Erbil auf, auch wenn der junge Mann zu der Zeit noch nicht verdächtigt wird: Woher hatte die Familie das Geld für die Tickets? In Wiesbaden erhält sie nur Unterstützung nach dem Asylbewerberleistungsgesetz. Schwerer wiegt die Frage, warum niemand feststellt, dass die auf arabisch ausgestellten Passagierscheine andere Namen tragen als die Dokumente der deutschen Behörden. Am 3. Juni meldet sich ein 13-jähriger Afghane aus der Flüchtlingsunterkunft bei der Polizei. Der 20-Jährige habe ihm gesagt, dass er das Mädchen vergewaltigt und getötet habe. Der Junge weiß auch, wo die Polizei suchen muss. Drei Tage durchkämmen die Beamten das Gelände. Dann finden sie die Leiche. Nach der traurigen Gewissheit postet die Mutter weiter auf Facebook. Sie teilt die Mitteilung des Zentralrats der Juden zu Susannas Tod, einen Bericht der „Jüdischen Allgemeinen“ und Hinweise auf die Demos in Mainz. Sie teilt auch einen Beitrag der AfD im Bundestag mit dem Ausschnitt aus der Sitzung, in der ein AfD-Abgeordneter am Rednerpult eine Schweigeminute für Susanna einlegen will. Bundestagsvizepräsidentin Claudia Roth lässt das nicht zu. Am vergangenen Sonntag bedankt sich ein Sprecher des Bündnisses „Beweg was“ (früher „Merkel muss weg“) bei der Linksjugend, weil sie die Gedenkminute nicht gestört haben. „Ihr habt mehr Anstand als Frau Roth.“ Ein vergiftetes Lob. Die Frage, Schweigen oder Stören, beschäftigte die jungen Menschen tatsächlich im Vorfeld der Demo: „Wir wissen, das ist in dieser Situation sehr sensibel. Wir wollen nichts falsch machen“. Als die Begriffe „Umvolkung“ und „Lügenpresse“ aus den Lautsprechern schallen, als „Merkel muss weg“ skandiert wird, schweigen die jungen Menschen nicht mehr. „Es gibt kein Recht auf Nazipropaganda“ skandieren sie zurück. Auch der Mainzer Fasnachtsruf „Uiuiui, Auauau“ soll helfen, die rechten Geister zu vertreiben. Mit Trauer hat all das nichts zu tun. Aber mit dem Versuch, im Namen des Mädchens Politik zu machen.