Dubai
Paradies mit Schattenseiten
Allein im ersten Halbjahr 2024 zogen rund 220.000 Menschen aus aller Welt nach Dubai, Hauptstadt eines von sieben Emiraten in der Föderation der Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE). Die Lage der Stadt zwischen Europa und Asien ziehe viele Neubürger an, sagte Amira Sajwani, Chefin der Immobilienfirma Damac, bei der Vorstellung eines neuen Bauprojekts in Dubai. Die Nachfrage ist nach ihren Worten so groß, dass internationale Interessenten bei einigen Bauvorhaben innerhalb weniger Stunden nach Veröffentlichung schon mit hohen Summen zuschlagen.
Der Boom hat einen Grund: Dubai hat alles, was Neuankömmlinge aus relativ reichen Ländern wie Deutschland wollen. Die Sonne scheint fast immer. Zuzügler müssen kein Arabisch sprechen, sondern kommen mit Englisch durch. Einkommen, Renten und Kapitalerträge sind steuerfrei, internationale Flugverbindungen vielfältig und bequem.
Mehrere Agenturen haben sich auf deutsche Einwanderer in Dubai spezialisiert. Unter den vier Millionen Einwohnern der Stadt am Persischen Golf sind die rund 15.000 Bundesbürger allerdings eine relativ kleine Gruppe. Die Bevölkerung von Dubai besteht zu 90 Prozent aus Ausländern, darunter zwei Millionen Inder, 250.000 Briten und 50.000 US-Amerikaner. Neuankömmlinge brauchen für eine Ansiedlung einen Arbeitsvertrag mit einem Unternehmen in Dubai, können sich eine Aufenthaltsgenehmigung aber auch durch den Kauf einer Immobilie oder durch eine Firmengründung sichern. Eine Sonderkategorie für „Kreative“ kann Künstlern oder Influencern den Weg ebnen.
Höchstes Gebäude der Welt
Zu den Vorzügen von Dubai gehört das internationale Flair der Stadt mit dem höchsten Gebäude der Welt, dem 830 Meter hohen Burj Khalifa. Weltoffenheit ist Programm: Dubai und der Rest der VAE bereiten sich so auf die Zeit nach Öl und Gas vor und wollen wie ihre Nachbarn Katar und Saudi-Arabien internationale Investoren anlocken. Für dieses Ziel setzen die VAE und ihre Mitbewerber auf kulturelle und sportliche Großereignisse wie Gastspiele von Coldplay und anderen Weltstars sowie Formel-1-Rennen. Viele Bars, Restaurants und Hotels in Dubai schenken Alkohol aus. Palm Jumeirah, eine künstliche Halbinsel in Form einer Palme, ist für ihre teuren Hotels und Restaurants und für ihre Luxusvillen bekannt. Dubai sei drauf und dran, Ibiza als „Party-Hauptstadt der Welt“ abzulösen, berichtete das Online-Magazin Cosmopolitan Middle East.
Internationale Promis denken ähnlich. Hollywood-Star Will Smith, David und Victoria Beckham, Madonna, Roger Federer und Cristiano Ronaldo besitzen Häuser und Wohnungen in Dubai. Der deutsche Rapper Bushido lebt seit drei Jahren in Dubai, Carmen und Robert Geiss zeigen in der TV-Reality-Soap „Die Geissens“ ihren dortigen Luxus. Verona Pooth träumte laut einem Bericht der „Bunten“ früher von einem Leben in Los Angeles. „Letztendlich scheiterte es an der großen Zeitverschiebung, Jetlag und komplizierten Flügen – mit Dubai war der Schritt deutlich einfacher“, sagte sie heute.
Allerdings ist Dubai nicht billig. Eine vierköpfige Familie braucht in der Stadt etwa 12.000 Euro im Monat, hat das Portal „dubai-auswandern.de“ errechnet. Für den Umzug sollte ein Interessent ein Nettoeinkommen von 6000 bis 8000 Euro im Monat haben. Für Unternehmen wurde zudem eine Körperschaftsteuer von neun Prozent eingeführt, die für Großunternehmen in diesem Jahr auf 15 Prozent stieg.
Ausländer im Gefängnis
Auch das Klima ist nicht nur angenehm. Die Behörden registrierten in den vergangenen Wochen in den VAE eine Spitzentemperatur von 48,5 Grad. Dubai hat besonders im Sommer eine hohe Luftfeuchtigkeit, die das Wetter noch heißer erscheinen lässt, als es ohnehin schon ist: In den vergangenen Jahren stieg die „gefühlte“ Sommertemperatur in Dubai nach Medienberichten wegen der Feuchtigkeit auf mehr als 60 Grad. Touristen kommen deshalb vor allem von November bis März.
Die große Freiheit wartet in Dubai allerdings nicht. Die VAE werden von Herrscherfamilien regiert, die keinen Widerspruch dulden, weder in der Politik noch in der eigenen Familie. Zwei Töchter von Mohammed bin Rashid al-Maktum, dem Herrscher von Dubai, flohen aus der Obhut ihres Vaters und wurden gewaltsam nach Hause zurückgebracht und in Hausarrest gesteckt.
Auf dem Freiheitsindex der britischen Denkfabrik Freedom House kommen die VAE auf 18 von 100 Punkten und gelten damit als „unfrei“. Zum Vergleich: Deutschland erreicht bei Freedom House 95 Punkte. In den VAE sitzen Dissidenten und Menschenrechtler im Gefängnis, die Todesstrafe gilt und wird auch angewendet: Im Februar wurde ein indisches Kindermädchen hingerichtet. Unliebsame Meinungsäußerungen und Versammlungen würden bestraft, sagt Amnesty International.
Islamisch-konservative Moralvorstellungen
Das gilt auch für Ausländer. Im vergangenen Jahr wurden 57 Bangladeschis festgenommen, zu Gefängnisstrafen verurteilt und abgeschoben, weil sie in den VAE an einer Demonstration gegen die Zustände in ihrem Heimatland teilgenommen hatten. Eine Universität in der VAE-Hauptstadt Abu Dhabi warf einen ausländischen Studenten aus dem Land, der bei einer Abschlussfeier pro-palästinensische Parolen gerufen hatte.
Auch Vorschriften zur Durchsetzung islamisch-konservativer Moralvorstellungen können Ausländern schnell zum Verhängnis werden. Homosexualität ist strafbar, doch auch Heterosexuelle müssen aufpassen, wie der Fall von Marcus Fakana zeigt. Der britische Teenager saß fast ein Jahr in Haft, bevor er vor wenigen Wochen nach London heimkehren konnte. Fakana war verurteilt worden, weil er während seiner Ferien in den VAE mit einer jungen Britin geschlafen hatte – in den Emiraten ist Sex außerhalb der Ehe verboten. Der junge Mann sei Opfer eines „zutiefst ungerechten Systems“ geworden, kritisiert Radha Stirling, Chefin einer auf die VAE spezialisierten Anwaltskanzlei und Lobbyfirma.